40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Koblenz
  • » Nach Bestandsaufnahme: Experten fordern mehr bezahlbaren Wohnraum
  • Nach Bestandsaufnahme: Experten fordern mehr bezahlbaren Wohnraum

    Koblenz. Obdachlose werden immer jünger - und sind immer öfter weiblich. Zu diesem Ergebnis kommt der Arbeitskreis "Menschen ohne Wohnung", dem die AWO, die Caritas und der Verein Die Schachtel angehören. Bestätigt wird diese Bestandsaufnahme durch eine Studie, die an der Hochschule Koblenz entstanden ist.

    Obwohl im Übernachtungsheim der AWO in der Herberichstraße in Lützel Wohnungslose nur vorübergehend untergebracht werden sollten, bleiben Bewohner oft über Monate. 
    Obwohl im Übernachtungsheim der AWO in der Herberichstraße in Lützel Wohnungslose nur vorübergehend untergebracht werden sollten, bleiben Bewohner oft über Monate. 
    Foto: Caritas

    Dirk Holbach und Prof. Dr. Robert Frietsch führten ein landesweites Forschungsprojekt zur psychosozialen und gesundheitlichen Situation Wohnungsloser durch; auch damit die politisch Verantwortlichen auf einer wissenschaftlichen Basis initiativ werden können, diesen sozial- und gesundheitspolitischen Versorgungs- und Hilfsbedarf in Angriff zu nehmen.

    Die Ergebnisse in Kurzfassung: Das Durchschnittsalter der Wohnungslosen sinkt seit Jahren. Bei 35 Jahren liegt es insgesamt, bei den Frauen sind im Land sogar 42 Prozent nicht älter als 24 Jahre. Zum anderen nimmt der Anteil der Frauen unter den Wohnungslosen zu und liegt aktuell bei 25 Prozent.

    Warum werden immer mehr junge Menschen obdachlos? Die Gründe dafür sind vielfältig, erläutert Dirk Holbach. "Oft haben diese Jugendlichen Brüche in ihrer Biografie, wie Schulabbruch, schwierige familiäre Verhältnisse, oder sie zeigten bereits Ausreißerverhalten." Diese jungen Leute ziehe es dann, gerade wenn sie vom Land kommen, in die nächstgrößere Stadt, und das ist in der Region eben Koblenz. Und gerade deshalb sieht Holbach die Behörden in der Verantwortung. "Seit Kurzem betreiben Jobcenter und Stadt das Jugendwohnen." Prinzipiell sie dies eine gute Idee, aber nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers nicht niedrigschwellig genug: "Es gibt nur sechs Plätze, drei pro Geschlecht, und die Jugendlichen müssen aus Koblenz stammen. Das heißt also, wenn jemand beispielsweise aus Rhens kommt, wird er von diesem Angebot ausgeschlossen", so Holbach. Deshalb wünschen sich die Experten mehr Unterstützung durch die Verantwortlichen.

    Lösungsansätze haben die Koblenzer Sozialwissenschaftler mit dem Arbeitskreis "Menschen ohne Wohnung" bereits auf einer gemeinsamen Tagung erarbeitet. Der Tenor: Ohne stärkere kommunale Hilfe kann es ausreichenden, menschenwürdigen und bezahlbaren Wohnraum in den Städten nicht mehr geben. "Es besteht kein Zweifel, dass das Hilfeangebot für junge Wohnungslose, speziell für junge wohnungslose Frauen, dringend verbessert werden muss", lautet auch das Fazit der Koblenzer Sozialwissenschaftler Holbach und Frietsch.

    "Seit Jahren gibt es in Koblenz zu wenig an bezahlbarem Wohnraum", fasst Sozialarbeiter und Streetworker Erich Weber von Die Schachtel zusammen. "Auch der soziale Wohnungsbau stellt zu wenig Wohnraum zur Verfügung. Hier wurden mit den Entscheidungsträgern immer wieder ergebnislos Gespräche geführt." Die Nachfrage für kleine, günstige Wohnungen ist groß - und die von den karitativen Einrichtungen betreuten Menschen haben in dieser Konkurrenzsituation das Nachsehen, wie Verona Hartung, Leiterin des Sophie-Schwarzkopf-Hauses immer wieder feststellt: "Koblenz ist eine Studentenstadt. Das heißt, dass viele Vermieter lieber Studenten aufnehmen, die die Miete von ihren Eltern bezahlt bekommen, anstatt unsere Bewohner." Denn die Klienten haben häufig eine Sucht oder einen Gefängnisaufenthalt hinter sich und einen Schufa-Eintrag. "Das schreckt die Vermieter ab. Es ist ganz schwierig, für die Menschen aus unserer Einrichtung eine Wohnung zu finden", bedauert Hartung.

    Diese Erfahrung macht auch Ganna Lück vom Übernachtungsheim - selbst bei Bewohnern, die eine Arbeitsstelle haben. Sie bemängelt, dass Wohnungen in Koblenz nicht erschwinglich sind: "Der Satz des Jobcenters für Miete beträgt 290 Euro kalt. In Koblenz findet man nirgends Wohnungen zu diesem Preis." Dies hat zur Folge, dass die Bewohner oft über Monate bleiben, auch wenn das Heim eigentlich nur eine vorübergehende Unterbringungsmöglichkeit sein sollte. Lück sagt: "Wenn jemand Hilfe braucht, kann ich ihn nicht einfach auf die Straße setzen."

    Mit der Problematik junger Frauen, die auf der Straße leben, wird sich übrigens der Stadtrat in seiner Dezembersitzung beschäftigen: Die Fraktion der Grünen hatte dazu eine Anfrage gestellt. Zahlen und Fakten lagen zur jüngsten Ratssitzung noch nicht vollständig vor, wie Peer Pabst, Leiter der Abteilung Soziales beim Amt für Jugend und Soziales berichtet. Man befinde sich im Dialog mit verschiedenen Stellen und will die Anfrage zur nächsten Ratssitzung am Freitag, 16. Dezember, beantworten. Pabst sagt: "Die Problematik ist in der Politik angekommen."

    Von unserer Mitarbeiterin Chantal Dötsch

    Hilfsangebot reicht nicht: Immer mehr Junge leben auf der StraßeZuflucht bei Kälte: Hilfsangebote für Wohnungslose
    Anzeige
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    epaper-startseite
    Rhein-Zeitung Koblenz bei Facebook
    Wetter
    Montag

    7°C - 16°C
    Dienstag

    2°C - 11°C
    Mittwoch

    2°C - 11°C
    Donnerstag

    2°C - 11°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Bildergalerie: Fotos unserer Leser
    Kaiser Wilhelm und Seilbahngondel bei Sonnenuntergang. Die Aufnahme machte Thorsten Kolb aus Zirl im Spätsommer bei Sonnenuntergang an der B42 in Ehrenbreitstein.

    Mit der Kamera an Rhein und Mosel unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.

    Serie: Koblenzer Stadtgeschichte
    Koblenzer Stadt-Geschichten

    Redakteur Reinhard Kallenbach greift historische Begebenheiten der Stadt auf

    Anzeige