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  • KoblenzHilfsangebot reicht nicht: Immer mehr Junge leben auf der Straße

    Obdachlose werden immer jünger – und sind immer öfter weiblich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie an der Hochschule Koblenz. Bestätigt wird das durch den Koblenzer Arbeitskreis „Menschen ohne Wohnung“, dem die AWO, die Caritas und der Verein Die Schachtel angehören.

    Immer mehr junge Menschen und Frauen müssen ihr Lager auf der Straße aufschlagen. 
    Immer mehr junge Menschen und Frauen müssen ihr Lager auf der Straße aufschlagen. 

    Dirk Holbach und Prof. Dr. Robert Frietsch führten ein landesweites Forschungsprojekt zur psychosozialen und gesundheitlichen Situation Wohnungsloser durch. Die Ergebnisse in Kurzfassung: Das Durchschnittsalter der Wohnungslosen sinkt seit Jahren. Bei 35 Jahren liegt es insgesamt, bei den Frauen sind im Land sogar 42 Prozent nicht älter als 24 Jahre. Zum anderen nimmt der Anteil der Frauen unter den Wohnungslosen zu und liegt aktuell bei 25 Prozent. Die Zahlen aus Koblenz belegen diese Trends. 116 der 440 bei der Caritas registrierten Obdachlosen sind jünger als 25 Jahre. Auch der Anteil von Frauen, die auf der Straße leben, wird immer größer. 95 weibliche Wohnungslose erfasst die Caritas – fast ein Drittel ist zwischen 18 und 25 Jahre alt.

    Die Helfer des Arbeitskreises „Menschen ohne Wohnung“ fordern mehr Hilfsangebote. 
    Die Helfer des Arbeitskreises „Menschen ohne Wohnung“ fordern mehr Hilfsangebote. 
    Foto: Caritas

    Die Gründe, warum immer mehr junge Menschen obdachlos werden, sind vielfältig, erläutert Holbach. „Oft haben diese Jugendlichen Brüche in ihrer Biografie, wie Schulabbruch, schwierige familiäre Verhältnisse, oder sie zeigten bereits Ausreißerverhalten.“ Diese jungen Leute zieht es, gerade wenn sie vom Land kommen, in die nächstgrößere Stadt – so wie beispielsweise Koblenz. Gerade deshalb sieht Holbach die Behörden in der Verantwortung. „Seit Kurzem betreiben Jobcenter und Stadt das Jugendwohnen.“ Prinzipiell sei dies eine gute Idee, aber nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers nicht niedrigschwellig genug: „Es gibt nur sechs Plätze, drei pro Geschlecht, und die Jugendlichen müssen aus Koblenz stammen. Das heißt also, wenn jemand beispielsweise aus Rhens kommt, wird er von diesem Angebot ausgeschlossen.“ Deshalb wünschen sich die Experten mehr Unterstützung.

    Lösungsansätze haben die Koblenzer Sozialwissenschaftler mit dem Arbeitskreis „Menschen ohne Wohnung“ bereits auf einer Tagung erarbeitet. Der Tenor: Ohne stärkere kommunale Hilfe kann es ausreichenden, menschenwürdigen und bezahlbaren Wohnraum in den Städten nicht mehr geben. „Es besteht kein Zweifel, dass das Hilfeangebot für junge Wohnungslose, speziell für junge wohnungslose Frauen, dringend verbessert werden muss“, lautet auch das Fazit der Koblenzer Sozialwissenschaftler Holbach und Frietsch. Denn die Nachfrage für kleine, günstige Wohnungen ist groß – und die von den karitativen Einrichtungen betreuten Menschen haben in dieser Konkurrenzsituation das Nachsehen, wie Verona Hartung, Leiterin des Koblenzer Sophie-Schwarzkopf-Hauses, feststellt. Denn die Klienten haben häufig eine Sucht oder einen Gefängnisaufenthalt hinter sich und einen Schufa-Eintrag. „Es ist ganz schwierig, für die Menschen aus unserer Einrichtung eine Wohnung zu finden.“

    Ganna Lück, Leiterin des Awo-Übernachtungsheims in der Herberichstraße, kritisiert, dass es zu wenig Schlafplätze speziell für Frauen gibt. Sie muss manche Obdachlose wegschicken. 
    Ganna Lück, Leiterin des Awo-Übernachtungsheims in der Herberichstraße, kritisiert, dass es zu wenig Schlafplätze speziell für Frauen gibt. Sie muss manche Obdachlose wegschicken. 
    Foto: Chantal Dötsch

    Diese Erfahrung macht auch Ganna Lück vom Koblenzer Übernachtungsheim – selbst bei Bewohnern, die eine Arbeitsstelle haben. Sie bemängelt, dass Wohnungen in Koblenz nicht erschwinglich sind. Dies hat zur Folge, dass die Bewohner oft über Monate bleiben, auch wenn das Heim eigentlich nur eine vorübergehende Unterbringungsmöglichkeit sein sollte. Lück sagt: „Wenn jemand Hilfe braucht, kann ich ihn nicht einfach auf die Straße setzen.“

    Wohn- und Betreuungseinrichtungen sind dünn gesät. Für die Rhein-Mosel-Stadt mit gut 112 000 Einwohnern, in der allein 2015 bei der Caritas 440 Obdachlose gemeldet waren, gibt es beispielsweise nur 61 vorübergehende Unterbringungsmöglichkeiten.

    Von unserer Mitarbeiterin Chantal Dötsch

    Zuflucht bei Kälte: Hilfsangebote für WohnungsloseNach Bestandsaufnahme: Experten fordern mehr bezahlbaren Wohnraum
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