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    Limburg/HerbornWegen Mordes an einem Polizisten in Herborn: 28-Jähriger muss lebenslang in Haft

    Kurzer Jubel im Gerichtssaal: Der Mann, der an Heiligabend vergangenen Jahres einen Herborner Polizisten getötet hat, muss lebenslang ins Gefängnis. Das Gericht stellt die besondere Schwere der Schuld fest.

    Als Polizisten am Donnerstag, 24. Dezember 2015, den im Bahnhof von Herborn (Hessen) stehenden Regionalzug betreten wollten, griff der Täter sie an. Bei der Attacke erlitt einer der Beamten tödliche Stichverletzungen. Foto: dpa
    Als Polizisten am Donnerstag, 24. Dezember 2015, den im Bahnhof von Herborn (Hessen) stehenden Regionalzug betreten wollten, griff der Täter sie an. Bei der Attacke erlitt einer der Beamten tödliche Stichverletzungen.
    Foto: dpa

    „Das Fest des Friedens stand bevor“, eröffnete der Vorsitzende Richter am Limburger Landgericht, Andreas Janisch, seine Urteilsbegründung – und blickte dann tief in ein Leben, das bis Heiligabend 2015 alles andere als friedlich verlief und an diesem Tag seinen gewaltsamen Höhepunkt in einer Tat fand, die Janisch als „zutiefst verachtenswert“ bezeichnete: den Mord an einem Polizisten und den versuchten Mord an einem zweiten, tateinheitlich mit einer gefährlichen Körperverletzung.

    Dafür – sowie für Beleidigung und das vorausgegangene Schwarzfahren – muss ein 28-Jähriger lebenslang in Haft. Für Argumente von Verteidiger Torsten Fuchs, der Freispruch gefordert hatte, ließ Janisch in seiner Urteilsbegründung keinen Raum. Viel mehr noch: Die Kammer erkannte die besondere Schwere der Schuld an. Eine automatische Haftprüfung nach 15 Jahren entfällt damit. „Das Urteil hat Auswirkungen auf 30, 40 Jahre“, sagte Janisch und erklärte damit auch, warum sich die Kammer ein halbes Jahr Zeit gelassen hat: 22 Verhandlungstage wurden absolviert, 67 Zeugen vernommen, vier Sachverständige gehört und ein Ortstermin anberaumt. Ursprünglich war mit einem Urteil Ende Juli gerechnet worden.

    Die Kammer sah es als erwiesen an, dass der angeklagte Dillenburger auf seiner Heimfahrt an Heiligabend von Wetzlar aus am Herborner Bahnhof einen Polizisten tötete und dessen Kollegen so schwer verletzte, dass auch dieser ohne umgehende ärztliche Hilfe gestorben wäre. Videoaufnahmen hatten das Geschehen festgehalten. „Was das Video nicht zeigt, sind die Motive“, sagte Janisch. Die habe aber das Verfahren offengelegt. Und weil sich viele Zeugen erst im Verlaufe des Prozesses an das Landgericht gewendet hätten, sei die Länge des Verfahrens begründet. Ihre Einlassungen hätten dazu beigetragen, dass das in der Anklageschrift niedergeschriebene Mordmotiv – die Verdeckung einer Straftat, nämlich das Schwarzfahren – für das Urteil keine Rolle mehr spielte. Janisch sah vielmehr „niedere Beweggründe“: Der gebürtige Haigerer habe eine „zutiefst polizeifeindliche Einstellung“ und die Tötung eines Beamten lange im Voraus im Kopf durchgespielt – die Fahrkartenkontrolle an Heiligabend habe den Anlass gegeben, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

    Die anwaltlich verlesene Einlassung des Angeklagten schmetterte die Kammer ab: „Wir glauben diese Einlassung schlichtweg nicht“, sagte Janisch. Das Gericht habe viele Fragen gehabt, aber keine Chance, eine Antwort zu bekommen. Antworten hätten stattdessen Zeugen gegeben, die zu Anfang des Prozesses noch nicht bekannt gewesen seien:

    Eine schwangere Frau hatte von einer Feier zur vorigen Haftentlassung berichtet. Dabei soll der Angeklagte bereits seinen Hass auf „Bullen“, wie er Polizisten durchweg nannte, geäußert haben. Außerdem soll er ihr detailliert beschrieben haben, wie er plane, einen Polizisten umzubringen – einschließlich der Stiche in den Hals, die tatsächlich beide Beamte erlitten. Eine Krankenpflegerin des Kasseler Justizkrankenhaus hatte aus den Medien von dem Ortstermin in Herborn erfahren und sich daraufhin gemeldet, um von ihren Erfahrungen mit dem Angeklagten zu berichten. Er sei nach der Tat „fröhlich und euphorisch gewesen“, habe sogar zu flirten versucht, habe mit seiner Tat geprahlt. Besucher der Einweihungsparty eines Tattoo-Studios in Dillenburg erzählten davon, dass der Angeklagte mit seiner Knasterfahrung angegeben und von Tötungsabsichten berichtet habe. Unter anderem soll er vor einem kurzzeitigen Verlassen der Party gesagt haben: „Ich gehe mal kurz einen umbringen.“ „Diese Aussagen sind durchweg glaubhaft“, sagte Richter Andreas Janisch. Damit urteilte er auch die zahlreichen Versuche von Verteidiger Torsten Fuchs ab, durch Beweisanträge die Unglaubwürdigkeit dieser Zeugen zu belegen. Unglaubwürdig sei vielmehr die in der Einlassung des Angeklagten niedergeschriebene Reue.

    Patrick S. (links) sitzt auf der Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Limburg, neben ihm sein Verteidiger Torsten Fuchs. Der 27-jährige S. muss sich wegen Mordes an einem Polizeibeamten verantworten.  Foto: dpa
    Patrick S. (links) sitzt auf der Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Limburg, neben ihm sein Verteidiger Torsten Fuchs. Der 27-jährige S. muss sich wegen Mordes an einem Polizeibeamten verantworten.
    Foto: dpa

    Die besondere Schwere der Schuld begründete Janisch mit einer Vielzahl von Umständen: zahlreiche einschlägige Vorstrafen, die Folgen für die Hinterbliebenen wie den überlebenden Beamten, die Tatsache, dass der Angeklagte aus seinen früheren Haftstrafen keine Lehren gezogen hatte und das nicht unwesentliche Detail, dass er zum Tatzeitpunkt unter Bewährung stand. „Wir sehen keine mildernden Umstände“, fasste Janisch zusammen, was für den Angeklagten spricht: nichts. Weder die Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt noch die regelwidrige Kontrolle durch den tödlich verletzten Beamten wertete die Kammer strafmildernd.

    Eine nachträgliche Sicherungsverwahrung verhängte Janisch dennoch nicht: Sollte der Angeklagte nach Verbüßung seiner Strafe ungefährlich sein, würde selbst eine Sicherungsverwahrung zur Bewährung ausgesetzt werden.

    Den Nebenklägern sprach die Kammer 5000 Euro Schmerzensgeld zu – so viel hatten die Hinterbliebenen auch gefordert.

    Von Malte Glotz

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