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  • Urteil Merza S. (22) rammte mutmaßlichem Talibankämpfer ein Messer in den Kopf - Gab es Streit ums Frühstück?

    Bluttat in Flüchtlingsheim: Haft für Afghanen

    Diez/Koblenz. Warum rastete er aus? Rammte sein Messer in den Kopf eines Mannes? Stach zu, bis die Klinge brach? Der Afghane Merza S. (22) verübte 2016 im Flüchtlingsheim Diez eine Bluttat – will aber nicht darüber sprechen. Er stellt im Prozess am Landgericht Koblenz nur klar: Er stach nicht zu, weil es Streit ums Frühstück gab. Wegen so einer Nichtigkeit? Wer würde dafür ein Menschenleben aufs Spiel setzen? Sein Anwalt versuchte, die Bluttat mit dem Kulturschock zu erklären, den Merza S. erlitt, als er als Migrant nach Deutschland kam.

    Prozess um Bluttat im Flüchtlingsheim in Diez: Der Afghane Merza S. (22) muss wegen heimtückischen Mordversuchs sechs Jahre hinter Gitter. Foto: Sascha Ditscher
    Prozess um Bluttat im Flüchtlingsheim in Diez: Der Afghane Merza S. (22) muss wegen heimtückischen Mordversuchs sechs Jahre hinter Gitter.
    Foto: Sascha Ditscher

    Jetzt, am sechsten Prozesstag, hat das Gericht Merza S. wegen heimtückischen Mordversuchs zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt. Der Vorsitzende Richter Andreas Groß resümierte zu Prozessende: Das Gericht weiß, wie der Afghane die außergewöhnlich brutale Tat verübte – aber nicht, warum.

    Merza S. wohnte bis zu seiner Festnahme in einem Vierbettzimmer der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) in Diez. Sein Opfer wurde Mitbewohner Hekmat T. (21), der ab dem 30. Mai ebenfalls vor Gericht steht. Der Afghane muss sich vor dem Oberlandesgericht Koblenz verantworten, weil er den radikalislamischen Taliban angehört und Beihilfe zum sechsfachen gemeinschaftlichen Mordversuch geleistet haben soll. Er hat dies in seinem Asylverfahren gestanden.

    Merza S. stammt aus Afghanistan und kam als Flüchtling nach Deutschland. Mehr gesicherte Informationen über ihn gibt es nicht. Zum Richter sagte er: „Ich bin 20, 21 oder 22 Jahre alt.“ Ein Jahr zuvor sagte er dessen Kollegin, er sei 18 oder 21. Laut einem Gutachten ist er wahrscheinlich 22 oder 23. Er erzählte, er habe in seiner Heimat eine Islamschule besucht und als Bauer gearbeitet. Ein andermal behauptete er, er habe Abitur und seinem Vater beim Edelsteinhandel geholfen. Mal kennt er seinen Geburtsort nicht, mal ist es angeblich ein Dorf am Hindukusch. Einem Psychiater erzählte er, er sei vor den Taliban geflohen, habe einem Schleuser 13.000 Dollar gezahlt und sei später über die Balkanroute nach Deutschland gelaufen. Ob das stimmt, man weiß es nicht.

    So kam es laut dem Urteil zur Bluttat im Flüchtlingsheim: Merza S. betet am 21. September 2016 um 20 Uhr in Zimmer 202. Hekmat T. kommt herein, setzt sich an den Tisch und dreht sich Zigaretten. S. geht auf ihn zu und droht: „Weißt du, mit wem du es zu tun hast?!“ Dann sticht er von hinten auf T. ein, hört erst auf, als ein Somalier (30) brüllt: „Police! Police!“

    Die beiden Afghanen hatten zuvor Streit, weil T. sich weigerte, S. das Frühstück ans Bett zu bringen. T. trug zehn Stichwunden davon – an Kopf, Rücken und Armen. Ärzte fanden in seinem Schädel die abgebrochene Klinge des Tatmessers.

    Der mutmaßliche Talibankämpfer T. wurde zehn Tage in einer Klinik behandelt, davon drei Tage auf der Intensivstation. Seine Anwältin Sandra Buhr schilderte im Prozess, dass er unter Angstzuständen leidet, seinen linken Arm nicht mehr richtig bewegen kann und sich immer wieder fragt: „Wem kann ich eigentlich noch vertrauen?“

    Darum ist das Gericht von der Schuld des Afghanen überzeugt: Weil ihn alle Zeugen belasteten. Weil seine Kleidung voller Blut des Opfers war. Und weil auch sein Blut am Tatmesser klebte, mutmaßlich verletzte er sich beim Zustechen.

    Merza S. ließ sich am Tatabend widerstandslos festnehmen. Sein Anwalt Stefan Schmidt forderte im Prozess eine deutlich geringere Strafe – maximal zwei Jahre Haft: Denn falls Merza S. die Tat verübte, habe er nicht heimtückisch zugestochen, sondern sein Opfer zuvor bedroht und gewarnt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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    Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

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