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  • Regierungsbunker: Am Anfang stand die Reise ins Ungewisse

    Bad Neuenahr. "Das Zwischenschott riecht für mich immer nach Kakao.“ Diesen Satz sagt Jörg Diester, der seine ganz eigene Beziehung zum Regierungsbunker hat.

    Von unserer Mitarbeiterin Petra Ochs

    Mystisch von außen, seltsam im Innern: Die Dokumentationsstätte Regierungsbunker  beleuchtet seit 2008 ein kurioses Kapitel der deutschen Geschichte. 
    Mystisch von außen, seltsam im Innern: Die Dokumentationsstätte Regierungsbunker  beleuchtet seit 2008 ein kurioses Kapitel der deutschen Geschichte. 
    Foto: Petra Ochs

    Stundenlang kann sich Jörg Diester im Regierungsbunker bei Bad Neuenahr aufhalten, ganz so wie seine rund 40 Gästeführerkollegen. Es sei immer wieder ein Erlebnis, den Bunker zu betreten und im besten Wortsinn „reinzuschnuppern“. „Für uns ist das hier Heimat“, formuliert Diester weiter, während er sich seine neongelbe Dienstjacke anzieht, obwohl er heute einfach nur so durch die Dokumentationsstätte schlendert, die längst zu einem wichtigen Teil seines Lebens geworden ist.

    Es geht durch die grauen Gänge, die irgendwie an Keller schlechthin erinnern, vorbei an der Dekontaminationsanlage und durch das Tor der Umgehungsschleuse, ins militärische Lagezentrum und weiter zur Aussichtsplattform, dem Ende des 200 Meter langen Tunnelstücks, das als Museum erhalten blieb. Noch ein Stück davor der ehemalige Frisiersalon, gleich nebenan das besonders gehütete Mobiliar des bundespräsidialen Besprechungsraums: Als Schutz vor Feuchtigkeit wird die korallenrote Sitzgruppe hier unter Glas gezeigt. Über alles kann Jörg Diester Geschichten und Geschichtchen erzählen. Und da wären wir schon bei dem, was den 46-Jährigen auszeichnet.

    „Geschichte ist ganz bestimmt mein Hobby, aber eine klassische Ausbildung darin habe ich nicht“, sagt Jörg Diester frei heraus. Der gelernte Maschinenbauer arbeitet seit 1993 in der Presseabteilung der Handwerkskammer Koblenz, die er inzwischen leitet. Und hier war es auch, dass er 1998 das erste Mal von der Existenz des Bunkers erfuhr: Der damalige Landrat erkundigte sich schriftlich nach Möglichkeiten für eine Nachnutzung des Objekts. Als Diester im September 1998 den Bunker erstmals betrat, sei es eine „Reise ins Ungewisse“ gewesen. Und das, was da unter den Ahrbergen verborgen lag, beeindruckte ihn so sehr, dass es ihn seither nicht mehr losgelassen hat.

    Gästeführer Jörg Dister muss sich von Zeit zu Zeit auch als Fotograf betätigen – hier lichtet er eine Schülergruppe bei ihrem Besuch im Bunker ab. 
    Gästeführer Jörg Dister muss sich von Zeit zu Zeit auch als Fotograf betätigen – hier lichtet er eine Schülergruppe bei ihrem Besuch im Bunker ab. 
    Foto: Petra Ochs

    „Ich war mir des Stellenwerts von Anfang an bewusst“, erklärt Jörg Diester. Dabei faszinierten ihn die politischen Beweggründe für den Bau und Betrieb genauso wie das Bauwerk an sich. Seit 1999 stand der Bunker leer. Die Entscheidung für den Rückbau fiel zwei Jahre später. „Der Bunker ist damals bewusst einer öffentlichen Wahrnehmung entzogen worden“, ist Jörg Diester überzeugt. Am liebsten wäre es den Verantwortlichen wohl gewesen, die Geschichte der Anlage samt Bunker still und heimlich zu entsorgen. Doch es kam anders. Durch die Bilder des Fotografen Andreas Magdanz etwa, aber auch durch das Engagement von Jörg Diester, Heike Hollunder und Wilbert Herschbach, dem Vorsitzenden des Heimatvereins Alt Ahrweiler, die die Anlage zu einem Museum machen wollten.

    Davor stand der Rückbau, und den dokumentierte Jörg Diester ab 2001 mit der Kamera. Bis zu viermal im Jahr begab er sich mit anderen Mitstreitern in den Berg und durchwanderte das 17,3 Kilometer lange Labyrinth aus Tunneln. „Wir waren die Einzigen“, wundert sich Diester noch heute über das mangelnde Interesse an dem Bauwerk, das er selbst als „physischen Auswuchs einer Politik“ bezeichnet, die heute Vergangenheit ist. Bei seinen Touren hier hat Diester bis zu 250 Kilogramm Gepäck im Schlepptau gehabt. Hier ist er nach einem Wassereinbruch schon Kajak gefahren, und hier hat er sich auch verlaufen – aber nur einmal.

    Jörg Diester in der Kommandozentrale, die im Museumsbereich wieder aufgebaut wurde.
    Jörg Diester in der Kommandozentrale, die im Museumsbereich wieder aufgebaut wurde.

    Den Film, der im Zuge dieser Exkursionen entstand, hat Diester erst vor einem Jahr fertiggestellt. Warum so spät? „Ich hatte immer den Eindruck, dass da noch was fehlt“, erklärt er. Für den Film interviewte er Zeitzeugen und Politiker wie Annemarie Renger, Ernst Benda und Wolfram Dorn – alle drei waren 1966 bei der ersten Übung im Bunker dabei. Einen Wunschkandidaten bekam er trotz größter Bemühungen nicht vor seine Kamera: Der unlängst verstorbene Altkanzler Schmidt ließ ihn mehrfach freundlich, aber bestimmt abblitzen.

    Doch beim Filmen blieb es für Jörg Diester ohnehin nicht. Vielmehr begann er, im Bundesarchiv über den „Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland in Krise und Krieg“ zu forschen. „Da wurde die Sache interessant“, erinnert er sich. Denn im Zuge seiner Recherchen hat er auch Dokumente zu Gesicht bekommen, die im Nachhinein wieder als „geheim“ klassifiziert wurden. „Ich hab damals einfach Glück gehabt“, weiß Diester heute.

    Der Bunker als vielleicht größtes Staatsgeheimnis im Zuge einer kuriosen Notstandsplanung in Zeiten des Kalten Krieges: Vieles hat Jörg Diester im Laufe der Zeit über das ebenso interessante wie dunkle Kapitel der deutschen Geschichte erfahren, und vieles von dem hat er seitdem auf ganz unterschiedliche Weise weitergegeben. Seit 2004 ist seine Internetseite www.ausweichsitz.de online. Und 2008, zur Eröffnung der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, erschien sein erstes Buch „Geheimakte Regierungsbunker: Tagebuch eines Staatsgeheimnisses“. Sein zweites Buch, „Plan B: Bonn, Berlin und ihre Regierungsbunker“, legte er vor zwei Jahren vor.

    Unzählig sind die kleinen orangefarbenen Schildchen (rechts), mit deren Hilfe auf einer Weltkarte an der Wand im militärischen Lagezentrum kriegstaktische Maßnahmen hätten geplant werden können.
    Unzählig sind die kleinen orangefarbenen Schildchen (rechts), mit deren Hilfe auf einer Weltkarte an der Wand im militärischen Lagezentrum kriegstaktische Maßnahmen hätten geplant werden können.
    Foto: Petra Ochs

    Die Gästeführungen sind es, die Diester seit sieben Jahren immer wieder von seinem Wohnort Ransbach-Baumbach zum Bunker pendeln lassen. In der Dienststellenverwaltung Marienthal hat er sogar ein eigenes Zimmer, in dem er übernachtet, wenn er am Wochenende Führungen hat. Bis zu fünfmal leitet Diester an Spitzentagen Besuchergruppen durch die Dokumentationsstätte. Und dabei hat er festgestellt, dass der Bunker eigentlich gar nicht so geheim war. „Im Sommer ist in jeder zweiten Führung jemand dabei, der mal bei einer Übung mit dabei war“, erzählt er.

    Forschen, dokumentieren und vermitteln: Das ist kurz gesagt das, was Jörg Diester in Sachen Regierungsbunker umtreibt. Der Bunker ist und bleibt sein größtes Hobby, hinter dem bisweilen auch seine Ehefrau Ulrike und die vier Kinder zurückstehen müssen – sie sind im Alter zwischen 11 und 18 Jahren und quasi mit dem Bunker aufgewachsen. So wird es wohl auch in Zukunft bleiben, denn mit der Aufarbeitung der Geschichte des Regierungsbunkers sei man noch lange nicht zu Ende. „Ich bleibe munter dabei, die Unterlagen freizukämpfen, die irgendwo noch in den Archiven liegen“, bekräftigt Diester, während er seine neongelbe Dienstjacke auszieht und wieder auf einen Bügel zwischen die unzähligen anderen Jacken auf dem Kleiderständer gleiten lässt.

     

    In den Gängen des Regierungsbunkers kennt sich Jörg Diester aus wie in<br />seiner Westentasche.
    In den Gängen des Regierungsbunkers kennt sich Jörg Diester aus wie in
    seiner Westentasche.
    Foto: Petra Ochs

    Daten und Fakten zum Regierungsbunker

    • Mehr als zehn Jahre lang bauten zwischen 1960 und 1972 unter höchster Geheimhaltung rund 20 000 Menschen am „Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland in Krise und Krieg“ unter den Weinbergen zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Dernau.
    • Mit Baukosten von 4,7 Milliarden Mark ist der Bunker die teuerste Einzelinvestition in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
    • Insgesamt 17,3 Kilometer lang sind die Tunnel der geheimen Bunkeranlage, die als Deckname unter anderem die Bezeichnung „Dienststelle Marienthal“ hatte.
    • Während der Dienstjahre von 1972 bis 1997 kostete der Betrieb der Anlage jährlich rund 40 Millionen Mark. Aus Kostengründen wurde der Bunker nach Ende des Kalten Krieges stillgelegt. Der Rückbau dauerte von 2001 bis 2006 und kostete rund 16 Millionen Euro.
    • 2008 wurde die Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Trägerschaft des Heimatvereins Alt Ahrweiler eröffnet. 203 Meter der Bunkeranlage blieben für das Museum bestehen – nur etwas mehr als 1 Prozent der Gesamtanlage.
    • 2009 wurde der Regierungsbunker von der europäischen Kommission zum Europäischen Kulturerbe erklärt.
    • Seit Eröffnung des Museums haben mehr als 600 000 Menschen die Dokumentationsstätte besucht. 40 Gästeführer sind hier im Einsatz, hinzu kommt Funktionspersonal. peo

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