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  • AhrbrückDer Junge, der nur in die Schule wollte

    Vier Monate ist es her, dass Sebastian Peters das letzte Mal in der Schule war. Sebastian (Namen der Familie von der Redaktion geändert) ist 14 und lebt in Ahrbrück. Seine Eltern liegen im Streit mit dem Jugendamt. Sie streiten wegen ihm. Sebastian ist kein Schulschwänzer.

    Das Carpe Diem in Bad Neuenahr (Foto) oder die Hebo-Schule in Bonn halten Sebastians Eltern für geeignet.
    Das Carpe Diem in Bad Neuenahr (Foto) oder die Hebo-Schule in Bonn halten Sebastians Eltern für geeignet.
    Foto: Martin Gausmann

    Von unserem Redakteur Frieder Bluhm

    Um die Schule zu schwänzen, müsste er an einer Schule angemeldet sein. Genau das ist er aber nicht. Dabei ist er schulpflichtig wie jedes andere Kind in seinem Alter auch. Aber er ist nicht wie jedes andere Kind. Sebastian ist hochbegabt. Und Autist. Sebastian sitzt teilweise dabei, als seine Eltern Christiane und Mario seine Geschichte erzählen. Manchmal ergänzt er Details. Ansonsten wirkt er unbeteiligt: ein verschlossener Teenager. Nicht besonders ungewöhnlich.

    Das dritte Schuljahr hat Sebastian übersprungen. Am Gymnasium begannen die Probleme. 2007 überstand er eine schwere Hirnhautentzündung. Danach fing der Junge an, auffällig zu werden. Begann im Unterricht zu singen. Verließ mitten in der Schulstunde den Klassenraum. "Wir standen ziemlich hilflos da", erinnert sich Christiane Peters.

    Dennoch lief es bis ins sechsten Schuljahr relativ gut. Auch dank einer Lehrerin an Sebastians Gymnasium in der Kreisstadt, die erstmals den Verdacht äußerte, der Junge könnte Autist sein. Ab dem siebten Schuljahr bei einem anderen Klassenlehrer ging nichts mehr. Die Mitschüler hänselten ihn, warfen seinen Schulranzen aus dem Zug. "Er war das klassische Mobbingopfer", erzählen die Eltern.

    Im April 2011 - Sebastian war elf Jahre alt - versuchte er sich zu strangulieren. In der großen Pause auf der Toilette. 14 Tage verbrachte er in einer Klinik. Ein Kinderpsychologe in Köln erkannte die Autismus-Erkrankung nicht, verordnete stattdessen eine Gruppentherapie für Depressive. Eine schwere Zeit für die ganze Familie, für Sebastians ältere Schwester ebenso wie für die beiden jüngeren Geschwister, die zu kurz zu kommen drohten. Sebastian wollte wieder in die Schule gehen. Nur nicht auf das Gymnasium, das er bislang besucht hatte.

    Im Dezember 2011 wandten sich die überforderten Eltern an das Kreisjugendamt. Dieses bot einen Integrationshelfer an, der die Eingliederung in eine öffentliche Schule unterstützen sollte. Christine und Mario Peters waren schon damals der Auffassung, dass Sebastian in einem privaten Internat besser aufgehoben sei. Sie fokussierten sich auf das Carpe Diem in Bad Neuenahr-Ahrweiler oder die Hebo-Privatschule in Bonn, insbesondere der kleinen Klassen wegen, aber auch wegen der relativen Nähe zum Wohnort Ahrbrück.

    Internat deshalb, weil es jene engmaschige Betreuung gewährleiste, die ihr Sohn brauche, und zugleich die Familie entlaste. Als das Jugendamt die Unterbringung in der Heinrich-Corsten-Schule in Mönchengladbach, einer staatlich anerkannten Einrichtung der Jugendhilfe, vorschlug, waren die Eltern zunächst wenig begeistert: zu weit weg, zweifelhaftes Image.

    Näher an zu Hause war das Ziel

    Dennoch besuchte Sebastian nach den großen Ferien im Sommer 2012 die Internatsschule in Mönchengladbach - auf Kosten des Jugendamtes. An den Wochenenden holten ihn die Eltern nach Hause und brachten ihn zum Wochenanfang wieder zurück. Die Fahrtkosten zahlte wiederum das Jugendamt. Für Mario Peters, selbstständiger Computerspezialist, und Mutter Christiane gleichwohl ein erheblicher logistischer Aufwand. Die Hoffnung auf eine Internatsunterbringung nicht so weit weg von zu Hause hegten sie weiter. "Wir haben nicht vier Kinder in die Welt gesetzt, um sie dann nicht zu sehen", sagt Christiane Peters.

    Unterdessen erhärtete sich der Verdacht, dass Sebastian an Asperger-Autismus leidet. Die Heinrich-Corsten-Schule reagierte und nahm ihn in die schulische Intensivbetreuung. Er lernte jetzt in einer Gruppe mit nur drei Mitschülern. Und blühte auf. Bezahlt wurde die Maßnahme im Rahmen der Erziehungshilfe nach Paragraf 34 Sozialgesetzbuch (SGB) VIII, die das Jugendamt bewilligt hatte. Dagegen legten die Eltern Widerspruch ein. Der Grund: Sie sind der Auffassung, dass ihrem Sohn Eingliederungshilfe nach Paragraf 35a SGB VIII zusteht.

    Für Christiane und Mario Peters war und ist der Fall klar: Da ihr Sohn Autist ist, wird sich an der seelischen Störung nichts ändern. Die Eingliederungshilfe, so sind sie überzeugt, würde die Möglichkeit eröffnen, Sebastian wohnortnah in einem Internat unterzubringen. "Stattdessen ist uns Erziehungshilfe bewilligt worden, die wir gar nicht wollten", sagen sie. Der Schock kam zwei Tage vor den Sommerferien in Form eines Schreibens vom Jugendamt, das sich in ihren Augen wie blanker Hohn las: "Nach Prüfung der Sach- und Rechtslage wird Ihrem Widerspruch insoweit abgeholfen, indem wir die ungewollte Hilfe nach Paragraf 34 SGB VIII durch Unterbringung in der Einrichtung Corsten GmbH, Mönchengladbach, mit Ablauf des Schuljahres einstellen", heißt es darin. Sebastian war von jetzt auf gleich kein Schüler mehr.

    Statt ihn an einer anderen Schule anzumelden, legten seine Eltern Widerspruch beim Verwaltungsgericht Koblenz ein in der Hoffnung, dass Sebastian zumindest bis zur endgültigen Klärung des Widerspruchs an der Schule in Mönchengladbach bleiben dürfe. "Hier war er zum ersten Mal glücklich", sagt seine Mutter. Das Verwaltungsgericht brauchte zehn Wochen für seine Eilentscheidung - in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren die Sommerferien längst vorüber -, ehe es den Bescheid des Jugendamtes bestätigte. Der Fall liegt jetzt beim Oberverwaltungsgericht. Bis heute hat Sebastian keine Schule mehr von innen gesehen.

    "Wir konnten nicht anders, als die Maßnahme einzustellen, weil die Eltern erklärt hatten, dass sie die von ihnen selbst beantragte Hilfe zur Erziehung in der Heinrich-Corsten-Schule in Mönchengladbach ablehnen und ihren Sohn nach den Sommerferien auf die Hebo in Bonn schicken wollen", verteidigt Sozialdezernent Klaus-Peter Kniel die Entscheidung, die Maßnahme einzustellen. Man habe die Eltern nicht zwingen können, Sebastian weiterhin auf die Schule in Mönchengladbach zu schicken. Das hätte gegen das Gebot der Verhältnismäßigkeit verstoßen. Kniel betont: "Die Schulpflicht müssen die Eltern sicherstellen." Nebenbei spart der Kreis nicht wenig: 197 Euro kostet der Besuch der Heinrich-Corsten-Schule. Pro Tag. Macht rund 6000 Euro im Monat. "Das öffentliche Interesse an einer sparsamen und rechtmäßigen Bewirtschaftung öffentlicher Mittel überwiegt in diesem Fall Ihr Interesse an einer zeitnahen Forstsetzung der Hilfe", heißt es in dem Schreiben, das den Besuch des Internats in Mönchengladbach beendete. Heute bestreitet das Jugendamt eben dieses Interesse der Eltern. Es bestreitet auch, aus Kostengründen die Maßnahme beendet zu haben. "Wir sind keine Leistungsverweigerungsbehörde, sondern eine Behörde, die Leistungen gewährt", sagt Kniel. Gegebenenfalls - wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind, eine Regelschule mit Integrationshilfen zu besuchen - möglicherweise sogar den Besuch einer Privatschule. Aber das, erklärt der Sozialdezernent, sei dann auch das Ende der Fahnenstange.

    Dem Jugendamt fiel nichts auf

    Erst Wochen nach Schuljahrsbeginn will die Behörde erfahren haben, dass Sebastian Peters keine Schule besucht, ja an überhaupt keiner Schule angemeldet ist. Man sei davon ausgegangen, dass die Eltern den 14-Jährigen an einer Schule angemeldet hätten, sagt Kniel. Erst jetzt, nachdem das Jugendamt zwölfmal an die Eltern appelliert habe, ihren Sohn an einer Schule anzumelden, hat das Jugendamt Sebastians Eltern ein Ultimatum gestellt: Bis Freitag, 22. November, müssen sie ihren Sohn an einer Schule anmelden und dafür Sorge tragen, dass er am Unterricht teilnimmt, wenn gewünscht mit einem Integrationshelfer, den man bis zur endgültigen Klärung zu stellen bereit sei. Anderenfalls werde das Familiengericht eingeschaltet. Nun also fürchtet das Kreisjugendamt um das Kindeswohl.

    Den Eltern wirft das Jugendamt vor, nur auf die Hebo-Schule in Bonn fixiert zu sein - eine Schule, die es als für Sebastian nicht geeignet hält - und die Zusammenarbeit zu verweigern. Erforderliche Unterlagen, um Leistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe zu beantragen, seien unvollständig oder gar nicht eingereicht worden.

    Das sehen Christiane und Mario Peters ganz anders. Ihr Junge sei Autist, habe einen Schwerbehindertenausweis - warum also immer neue Atteste? "Ein drei Jahre alter Hörtest reicht nicht", sagt die Leiterin des Jugendamtes, Siglinde Hornbach-Beckers. Das Prüfverfahren sei gesetzlich vorgeschrieben, Atteste müssen demnach aktuell sein. Es reiche auch nicht, dass jemand als Autist eingestuft sei. "Wir müssen prüfen: Welcher Bedarf hat dieser Mensch? Es geht um bedarfsgerechte Hilfe."

    Immerhin hat ein unvollständig vorliegendes Gutachten der LVR-Klinik Bonn ausgereicht, die Maßnahme Heinrich-Corsten-Schule zu beenden. "Soweit wir aus dem Gutachtenauszug ersehen konnten, ergeben sich Anhaltspunkte, dass eine stationäre Unterbringung nicht mehr unbedingt erforderlich ist", heißt es in dem bereits mehrfach zitierten Schreiben.

    Und Sebastian? Mit Sorge beobachten seine Eltern, dass er in alte Verhaltensmuster zurückfällt. Er verkriecht sich in sein Zimmer, schläft lange, wirkt apathisch. Hinzugekommen ist die Sorge, dass das Familiengericht ihnen das Sorgerecht (teil-)entziehen könnte. Sie flehen mittlerweile, das Kreisjugendamt möge den Internatsbesuch in Mönchengladbach wieder ermöglichen. Seine traurige Geschichte bringt Sebastian auf einen kurzen Nenner: "Verdammt, ich will doch nur in die Schule!" 

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