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    Berlin/KirnTochter veröffentlicht Biografie über den Kirner: Das Geheimnis des jungen Dröscher

    Wilhelm Dröscher (1920-77) gilt als SPD-Urgestein. Seine Tochter eröffnet in ihrem neuen Buch jetzt eine neue Perspektive auf den ehemaligen SPD-Landesvorsitzenden und SPD-Bundesschatzmeister. Barbara Dröscher hat dazu private Dokumente ihres Vaters ausgewertet und einen ganz neuen "WD" entdeckt.

    Foto: privat

    Im Mittelpunkt steht der Zwiespalt, in den ihn seine jüdischen Wurzeln gebracht haben. Denn obwohl er vom Holocaust weiß, will er in der Wehrmacht Karriere als Offizier machen. Dazu fälscht er die Heiratsurkunde seiner Großeltern, die ihn im Nazijargon vom "Halb"- zum "Vierteljuden" macht.

    • "Der Spiegel" hat Ihrem Vater einmal den Stempel "Der gute Mensch von Kirn" verpasst. Wie war er denn als Vater?

    Sehr tolerant. In der Familie war das politische Streitgespräch sehr lebendig. Es gab harte Auseinandersetzungen. Und dann war er natürlich sehr, sehr viel weg.

    • Wie ist es, in den privaten Unterlagen des Vaters zu stöbern? Haben Sie ihn dabei neu entdeckt?

    O ja, ich habe meinen Vater immer als jovialen Menschen wahrgenommen. Jemand, der gern erzählt und viel Humor hatte. Und dann entdeckte ich einen Vater, der unheimlich gern schreibt, was ich gar nicht wusste. Und einen Vater, der wunderbare Liebesbriefe verfasst hat.

    • Und dann gibt es da eine Art "Sex"-Skandal des Vaters mit antisemitischem Hintergrund, nach dem der 15-Jährige wegen eines erotischen Briefes vom Gymnasium fliegt. Will man das als Tochter lesen?

    Das war nicht unangenehm und alles so weit weg von dem, was man heute als Sex-Skandal verstehen würde. Er hat irgendwas über seine Fantasien in einen Brief reingeschrieben. Das wurde erst skandalös unter dem Vorwurf der sogenannten Rassenschande. Dass die Diskriminierung so ein zentrales Element des Naziregimes war, wurde mir erst beim Schreiben richtig bewusst.

    • Ihr Vater wurde im NS-Regime als "Halbjude" diskriminiert. Welche Rolle haben die jüdischen Wurzeln in Ihrer Familie gespielt?

    Die Zuschreibung von Identitäten durch die Nazis hat meinen Vater immer provoziert und auch geschmerzt. Er selbst hat sich ja nicht als "Halbjude" identifiziert. Wir wussten davon. Wir haben uns nur zu wenig vor Augen geführt, welche Ängste meine jüdische Großmutter um ihre Familie gehabt haben muss. Eine religiöse Tradition gab es aber nicht.

    • Ihre Großeltern führten im Nazijargon eine "privilegierte Mischehe". Wie muss man sich das im beschaulichen Kirn vorstellen?

    Ich denke, dass man einer Familie wie den Dröschers, die mal zur Oberschicht gehört, dann mal ökonomisch etwas absteigt, nicht so ans Fell ging. Man ließ sie wohl relativ unbehelligt. Es blieb nur das allgemeine Bedrohungsgefühl.

    • Der Schlüssel zu Ihrem Buch ist Ihre Entdeckung, dass Ihr Vater die Heiratsurkunde seiner Großeltern gefälscht hat. Zum einen, um seine Mutter zu schützen, zum anderen aber auch, um als "Vierteljude" Offizier in der Wehrmacht zu werden. Und das, obwohl er von den Gräueltaten an Juden gewusst hat.

    Über die Fälschung hat er nie mit uns geredet. Als wir 1997 das gelbe Kuvert öffneten, in dem wir davon erfuhren, waren wir alle irritiert. Das ist die große Frage, wie sich jemand dann trotzdem in der Wehrmacht engagiert. Ich denke, er hat das ambivalent gesehen. Einerseits hat er von den Verbrechen gewusst, andererseits betrachtete er den Krieg als Verteidigung seines Vaterlandes. Wie sehr die Wehrmacht mitschuldig war am Holocaust, ist ja erst in den 60er-Jahren ins Bewusstsein gerückt. Deshalb hat das Buch ja auch "Zwiespalt" im Titel.

    • War das SPD-Urgestein Dröscher als junger Mann also ein Deutsch-Nationaler oder gar ein Nazi?

    Ein Nazi war er sicher nicht. Er hatte nicht die SA-Mentalität mit ihrer Führerorientierung. Dem widersprach seine Sozialisation in der Nerother Jugendbewegung mit ihrer elitären Ausrichtung. Er wuchs als Deutsch-Nationaler auf. Aber da müssen Sie das Alter bedenken. Da war er zwischen 10 und 15.

    • Dennoch ist der politische Werdegang Ihres Vaters schon ungewöhnlich. Erst deutsch-national, dann KPD, später SPD.

    Ich kann das nachvollziehen. Denn es gab da auch eine Kontinuität bei meinem Vater. Etwa die, dass man für soziale Verbesserungen eintreten muss. Dass man das Gute machen muss und sich dazu auch besonders befähigt fühlt. Also die Nerother Mentalität: Sie sind Pioniere, sie setzen sich für das Allgemeinwohl ein. Der Unterschied zu den Nazis ist, nicht Rädchen in der Maschinerie sein zu wollen, sondern individuell Verantwortung zu übernehmen. Und natürlich, als Soldat seinen Mann zu stehen. Sicher auch mit Heldenambitionen. Auch nach dem Krieg ist er immer einer, der ein fürsorgliches, also patriarchalisches Pionierverhalten als Politiker hat. Auch in der KPD ist er so. Mein Vater war nie ein Parteifunktionär im Sinne von Apparatschicks, er war immer eigensinniger Akteur. Deshalb war er oft auch ein bisschen randständig.

    • Hat es Sie nie gereizt, wie Ihr Bruder in die Fußstapfen Ihres Vaters zu treten?

    Nein, was ich von meinem Vater geerbt habe, ist die Neugier, das Schreiben. Berufspolitikerin wollte ich nie werden, obwohl ich politisch sehr aktiv war. Denn mein Vater war, wie gesagt, nie zu Hause. Und ich bin sehr überzeugte Mutter und Großmutter.

    Das Interview führte Dirk Eberz

    Barbara Dröscher: "Wer sagt, dass Zwiespalt Schwäche sei? Das Leben des jungen Dröscher. 1920-1948", Dietz Verlag , 320 Seiten, 22 Euro

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