40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RLZ Bad Ems/Lahnstein
  • » Rheinquartier-Investor Neumann: Der Staat hat den Wohnungsbau sehr teuer gemacht
  • Aus unserem Archiv

    Lahnstein/KoblenzRheinquartier-Investor Neumann: Der Staat hat den Wohnungsbau sehr teuer gemacht

    Bis vor wenigen Jahren hatte Dr. Thorsten Neumann wenig bis nichts mit Wohnungsbau zu tun: Als Geschäftsführer der Koblenzer Firma Mebedo sind Softwareanwendungen und Elektrotechnik eher „sein Ding“ – bis der 52-Jährige vor einigen Jahren auf das riesige und heruntergekommene ehemalige Güterbahnhofsgelände in Oberlahnstein stieß. Die Politik hatte sich an dem in Rheinnähe gelegenen Gelände über Jahrzehnte die Zähne ausgebissen, Altlasten und Artenschutz machten eine Entwicklung finanziell unmöglich. Neumann ließ sich davon nicht abschrecken und rief ein „Leuchtturmprojekt“ der Energiebranche ins Leben: Er kaufte der Bahn 13 Hektar des insgesamt 17 Hektar großen Geländes ab und entwickelte ein Wohngebiet nach modernsten energetischen Maßstäben. „Eines, wie es so in dieser Art und Größe in Deutschland noch nicht zu finden ist“, wie er nach zwei Jahren harter Arbeit noch immer überzeugt ist. Auf einer ähnlich großen Fläche wie der Koblenzer Fritsch-Kaserne entsteht ein Wohngebiet für 750 bis 1000 neue Bewohner. Nach Abschluss der Tiefbauarbeiten beginnen nach Ostern die ersten Teerarbeiten im Rheinquartier. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht Neumann über die Wohnungsnot in seiner Heimatstadt Koblenz und Erfahrungen in Sachen Wohnungsbau.

     

     

    Thorsten Neumann spricht über die Schwierigkeiten eines Bauherrn.
    Thorsten Neumann spricht über die Schwierigkeiten eines Bauherrn.
    Foto: Tobias Lui

    Herr Neumann, was ist das Besondere im Rheinquartier?

    Hier wird Elektromobilität auf höchstem Niveau möglich sein, eine sehr ökologische Nahwärmeversorgung und eine extrem schnelle Internetanbindung. Es soll in jeder Sicht eine neue und hochwertige Kombination von Wohnen, Arbeiten und Leben entstehen. Es wird hier kein sozialer Wohnbau entstehen, gleichwohl unter städtischer Sicht bezahlbarer Wohnraum.

    Trotzdem ist das Bauen im Rheinquartier kein ganz billiges Vergnügen für Bauherren ...

    Die Frage ist: Was treibt die Kosten hoch? Aus der Erkenntnis der Planung und der Umsetzung des Rheinquartiers wurden Punkte bekannt, für die definitiv die Politik die Verantwortung trägt. Hier haben unsere Stadtpolitiker aber die geringste Schuld. Das Problem liegt auf Landes- und Bundesebene.

    Nennen Sie Beispiele ...

    Naturschutz ist wichtig. Nur ist es momentan so, dass seltenen oder bedrohten Arten auf möglichen Baugrundstücken ein hoher Schutz gewährt wird, während ihre Vergrämung und Ausrottung auf exzessiv landwirtschaftlich genutzten Flächen keine Rolle mehr spielt. Klar, dass dann ein selten gewordenes Tier auf den Flächen geschützt werden muss, die noch nicht mit einer Monokultur überzogen wurden. Letzteres und den übermäßigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln will aber keiner ändern. Im Grunde müssen die späteren Bauherren und Wohnungsbesitzer die Zeche für das Kuschen der Politiker vor der Agrar- und Chemielobby bezahlen. Die Folge: Bauvorhaben werden verzögert, müssen umgeplant werden, eine Flut an Gutachten setzt ein. Jeder, der ein Grundstück im Rheinquartier kauft, zahlt rund 35 Euro pro Quadratmeter für ein Eidechsenhabitat – also etwa 1300 Euro pro Eidechse! Zitat eines sich berufend fühlenden Hobbyartenschützern: Artenschutz muss einfach teuer sein.

    Die Altlastenproblematik war sicherlich ebenfalls ein Grund für die hohen Kosten?

    Das Rheinquartier wurde 100 Jahre als Eisenbahnfläche genutzt. Da nimmt man eine Baumaßnahme als Anlass, von Grund auf Ordnung zu machen. So weit, so gut. Was von den Gesetzen her verlangt wird, treibt aber Stilblüten, von denen unter anderem die Besitzer von Deponien sehr profitieren. Im Rheinquartier bezahlt der Grundstückskäufer rund 40 Euro pro Quadratmeter für die Entsorgung von Erdmassen, die sich im Bereich des Trinkwasserschutzgebietes befinden und nicht wieder eingebaut werden dürfen, auch wenn sie frei von Schadstoffen waren oder Schadstoffe nur in einer Menge enthalten, die auch in Böden an einer Schnellstraße vorkommen dürften. Übrigens: Das angeblich hoch belastete und tatsächlich kaum belastete ehemalige Eisenbahnareal war bereits vor der Baumaßnahme Trinkwasserschutzgebiet. Doch die Behörden können hier nichts ändern, sie müssen auf die Einhaltung von sich ständig verschärfenden Gesetzen und Verordnungen achten.

    Auch der Lärmschutz hat Ihnen Kopfschmerzen bereitet ...

    Ein sehr wichtiges Thema. Doch sollte man hier mehr Wert auf die Probleme in alten Bestandsimmobilen legen. Deren Bewohner werden durch Lärm sehr stark beeinträchtigt. Hier ist jeder Cent gut investiertes Geld. Doch bei Neubauten, die sowieso auf einen sehr hohen Standard setzen, bringen neue Verschärfungen bei Gesetzen und Verordnungen hohe Kosten mit sich – zum Beispiel muss jeder Einfamilienhausbauer im Rheinquartier rund 15.000 Euro zusätzlich für Lärmschutz ausgeben. Natürlich sind davon auch die Mehrfamilienhäuser betroffen.

    Diese Luftaufnahme zeigt eine aktuelle Aufnahme des Rheinquartiers. Nach Ostern beginnen die ersten Asphaltarbeiten auf dem riesigen Areal in unmittelbarer Nähe zum Rhein. Foto: Rheinquartier GmbH & Co. KG
    Diese Luftaufnahme zeigt eine aktuelle Aufnahme des Rheinquartiers. Nach Ostern beginnen die ersten Asphaltarbeiten auf dem riesigen Areal in unmittelbarer Nähe zum Rhein.
    Foto: Rheinquartier GmbH & Co. KG

    Wie stehen Sie zu den Themen öffentliche Mittel und Förderung?

    Wenn man auf Bürokratie vom Feinsten steht, sollte man öffentliche Mittel beantragen. Obskure Einschränkungen, lange Auszahlungszeiten und ein riesiger Aufwand sind die Folge. Im Rheinquartier haben wir daher vollständig darauf verzichtet. Eine Auflage der Förderung für die neue Straße wäre beispielsweise gewesen, dass man zu dieser Straße hätte keine Eingänge zu den Häusern machen dürfen ...

    Oder nehmen Sie die öffentlichen Ausschreibungen: Hiermit sollte Transparenz in die Auftragsvergabe bei öffentlichen Mitteln gebracht werden. Doch was hat man bewirkt: Bauvorhaben für den Finanzier, also den Steuerzahler, werden immer sehr viel teurer, als vorher versprochen wurde. Beispiele kennt der Koblenzer Bürger zur Genüge, man braucht hier nicht noch den Finger in offene Wunden zu legen. Auch sind die Planungszeiten oft viel zu lange. Das liegt an vielfältigen Gründen bei den Behörden, Politik und Genehmigungsverfahren. Das Rheinquartier hat in Lahnstein – weil Stadtrat, Bürger und Verwaltung das Projekt absolut und von Anfang an unterstützen – vom Kauf des Geländes bis zum Spatenstich Tiefbau keine zwei Jahre gebraucht. Die ersten Häuser werden bereits Ende dieses Jahres bezugsfähig sein. Es geht also schon, wenn man sich einig ist.

    Was müsste sich beim öffentlich geförderten Wohnungsbau Ihrer Meinung nach ändern?

    Wohnungsbau ist unter den vom Staat selbst mitverursachten Bedingungen sehr teuer geworden. Es ist kontraproduktiv und einfach kurzsichtig, zum Beispiel eine sture 20-Prozent-Quote zu verlangen, wenn die Grundbedingungen ungünstig sind. Zuerst braucht es eine Analyse des sozialen Milieus, dann eine zukunftsträchtige Planung mit einer städtebaulichen Vision, was mit einem Wohnquartier bezweckt werden soll. Eine pure Quote lässt, da Unternehmen wirtschaftlich arbeiten müssen, leider oft qualitativ schlechteren sozialen Wohnraum in schlechteren Lagen entstehen. Also muss öffentlich geförderter Wohnraum von Grund auf neu aufgestellt werden, damit es ein bezahlbares Erfolgskonzept für Städte wird.

    Von unserem Redakteur
    Tobias Lui
     

    Bad Ems Lahnstein
    Meistgelesene Artikel
    Online regional
    Markus Eschenauer

    Regio-CvD Online

    Markus Eschenauer

    Mail | 02602/160 474

    Anzeige
    Regionalwetter
    Donnerstag

    19°C - 28°C
    Freitag

    13°C - 25°C
    Samstag

    13°C - 21°C
    Sonntag

    13°C - 21°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    epaper-startseite
    Anzeige