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  • Lernpaten sind aufgeregt vor ihrer Premiere

    Bad Ems. Paul Arzheimer ist schon seit einiger Zeit im "Geschäft". Seit 1991 arbeitet der Lahnsteiner als Schulleiter, in dieser Funktion steht er seit acht Jahren der Realschule plus Bad Ems/Nassau vor. "Aber so ein großes ehrenamtliches Engagement ist mir noch nicht begegnet", lobte Arzheimer nun bei seiner Begrüßung der rund zwei Dutzend Bürger, die an diesem Vormittag in die Schule gekommen waren: Sie alle folgten einem Aufruf der Verbandsgemeinde Bad Ems, in dem Lernpaten für Flüchtlingskinder gesucht werden, die der deutschen Sprache kaum oder überhaupt nicht mächtig sind.

    Freuen sich auf ihre Arbeit mit Flüchtlingskindern: die ehrenamtlichen Lernpaten, die in dieser Woche ihre Arbeit an der Realschule aufnehmen. Links ist Schulleiter Paul Arzheimer zu sehen, rechts neben ihm Julia Fries, die das Projekt mit dem Kollegen Wolfgang Gütte (5. von links) organisiert. Foto: T. Lui
    Freuen sich auf ihre Arbeit mit Flüchtlingskindern: die ehrenamtlichen Lernpaten, die in dieser Woche ihre Arbeit an der Realschule aufnehmen. Links ist Schulleiter Paul Arzheimer zu sehen, rechts neben ihm Julia Fries, die das Projekt mit dem Kollegen Wolfgang Gütte (5. von links) organisiert.
    Foto: T. Lui - tl

    Von unserem Redakteur Tobias Lui

    Die Idee geht auf Pfarrerin Renate Weigel zurück, die im Bad Emser Netzwerk Flüchtlingshilfe engagiert ist und den Kontakt mit der Schule suchte. Was Paul Arzheimer nicht weiter wundert, "schließlich hat die Integration von Kindern aus anderen Ländern bei uns schon eine lange Tradition". Das Wichtigste dabei ist eindeutig die Sprachkompetenz, zeigt sich der Schulleiter überzeugt. Daher sei der Ansatz, Kinder zur individuellen Sprachförderung für wöchentlich zwei Stunden aus dem Klassenverbund zu lösen, genau der richtige. "Wir als Lehrer können das im Alltag mit Klassen von 25 und mehr Schülern kaum leisten", ergänzt Julia Fries, die das Projekt von Schulseite aus gemeinsam mit ihrem Kollegen Wolfgang Gütte organisiert.

    Von beiden erhielten die Paten an diesem Tag ihre letzten "Instruktionen", bevor das Projekt Hausaufgaben-/Lernhilfe in dieser Woche anlaufen soll. Hierfür wurden im Vorfeld insgesamt neun Kleingruppen mit jeweils drei Kindern gebildet, die einmal die Woche für zwei Schulstunden von ihrem Lernpaten unterrichtet werden. "Ich kann Ihnen versichern, Sie werden eine tolle Zeit haben", ermunterte Gütte die Ehrenamtler, die noch ein wenig unsicher wirkten, ob dem, was auf sie zukommt. Letzte Detailfragen werden geklärt, wo gibt's den Schlüssel für den Klassenraum zum Beispiel, der den Lerngruppen zur Verfügung steht? Oder wie funktioniert die Smart-Notebook-Tafel eigentlich, die von Lernpaten genutzt werden kann. Sollen die Kinder auch Schreiben lernen, oder gilt die Priorität dem gesprochenen Wort? Die Paten erhielten Antworten auf all ihre Fragen, aber auch praktische Tipps im Umgang mit den fremden Kulturen - zum Beispiel von Jürgen Zanger, der das Netzwerk aus ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Verbandsgemeinde mit aufgebaut hat. "Wir wollen in Bad Ems ein wenig Vorbild für andere Städte sein", sagt Zanger und spricht von einer "ganzheitlichen Betreuung" der Flüchtlinge. "Vom ersten Moment ihrer Ankunft in Bad Ems an werden sie betreut; es gibt Familienpaten, Lernpaten und mehr." Man wolle die Flüchtlinge bestmöglich integrieren, wofür Sprachkenntnisse unabdingbar sind - da sind sich Zanger, Lernpaten und Schulvertreter absolut einig.

    Doch wie soll eine individuelle Sprachförderung funktionieren, wenn die betroffenen Kinder, welche alle die Klassen fünf bis neun besuchen, tatsächlich noch kein Wort Deutsch sprechen, will ein Lernpate wissen. "Mit Händen und Füßen", sagt Wolfgang Gütte. "Wie im Urlaub!" Nur wenn Vertrauen zwischen Schüler und Pate entstehe, könne man wirklich Fortschritte erzielen. "Ein Lächeln bewirkt da manchmal Wunder", wirft Arzheimer seine Erfahrungen ein. "Versuchen Sie es mal. Sie werden sehen: Die Kinder sind willig und wollen die Sprache unbedingt lernen. Schnell sieht man Fortschritte - und das macht einem selbst große Freude."

    Zur Unterstützung des Unterrichts gab es für die Paten ein kleines Lernheft, natürlich mehrsprachig übersetzt. An einen strikten Lehrplan oder etwas vergleichbares müssen sich die Ehrenamtler jedoch nicht halten, "sie können den Unterricht ganz individuell gestalten", erklärte Gütte. Und ermunterte die Gruppe: "Seien Sie kreativ!" Man könne mit den Kindern auch problemlos ins Freie gehen - oder einfach einmal den Supermarkt besuchen. "Raus ins Leben! Nur im echten Leben lernen die Kinder wirklich Sprachkompetenz."

    Doch wie steht es um junge Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, die möglicherweise traumatische Erlebnisse verarbeiten müssen? Wie soll ein Lernpate ohne entsprechende Ausbildung mit traumatisierten Kindern umgehen? Auch solche Fragen hatten die Paten - doch Hütte, Fries, Zanger und Arzheimer konnten ihnen die Sorgen nehmen. "Machen Sie sich keinen Kopf. Natürlich haben auch Flüchtlingskinder mal Stimmungsschwankungen, die sind auch nicht immer gut drauf. Aber alle eint der Wille, schnell die Sprache zu erlernen." Das Wichtigste beim Umgang mit diesen Kindern sei es, "nicht den Kopf, sondern das Herz zu erreichen", versichert Schulleiter Arzheimer. "Ist der erste Schritt gemacht, entsteht eine Vertrauensbasis." Natürlich könnten auch mal Probleme im Umgang auftauchen, doch dies gelte auch für deutsche Familien. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele deutsche Familien es gibt, in denen Kinder zu Hause leiden müssen."

    Doch auch für Flüchtlingskinder gelte: Es gibt Grenzen. Bei allem Bemühen, bei aller Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft - auf der Nase rumtanzen lassen müsse man sich als Lernpate nicht. "Wenn einer der Schüler zum Beispiel unzuverlässig ist und dauernd zu spät kommt, melden Sie uns das!", appellierte Julia Fries. "Diese Zeit ist zu wertvoll, um sie zu vertrödeln." Dies gelte auch bei allen anderen Problemen im Umgang mit den Fünf- bis Neuntklässlern. "Wir wollen helfen - aber dabei auch unsere Werte vermitteln", so Paul Arzheimer abschließend.

    Online regional
    Markus Eschenauer

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    Markus Eschenauer

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