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  • Reitzenhain/VG NastättenJamsession in Reitzenhain: Musiker zelebrieren Melodientausch

    „Man muss Pierre Brice auf dem Hügel sehen“, sagt Rudolf Raab und stimmt den ersten Akkord auf seiner Gitarre an. Die anderen Musiker im evangelischen Gemeindehaus in Reitzenhain stimmen mit ein in die Winnetou-Filmmusik: auf dem Akkordeon, einer zweiten Gitarre und der Geige. Und auch wenn man den Apachen noch nicht sehen kann, so lässt der Sound afrikanischer Klanghölzer immerhin schon das herannahende Hufegeklapper erahnen.

    Für sich macht jeder ganz andere Musik – aber bei den monatlichen Treffen von Melody Transfer in Reitzenhain musizieren Conner Sorensen und Jutta Fischer harmonisch miteinander. Dann treffen schon mal Country-Stücke auf traditionelle afrikanische Musik. <br>
    Für sich macht jeder ganz andere Musik – aber bei den monatlichen Treffen von Melody Transfer in Reitzenhain musizieren Conner Sorensen und Jutta Fischer harmonisch miteinander. Dann treffen schon mal Country-Stücke auf traditionelle afrikanische Musik.
    Foto: Cordula Sailer

    Jeden letzten Freitag im Monat trifft sich eine Handvoll Musiker – vor allem aus der Verbandsgemeinde Nastätten – in Reitzenhain, um gemeinsam zu musizieren. „Die Idee dahinter ist eine Jamsession“, erklärt Organisator Conner Sorensen. Jeder bringt Notenblätter oder Texte mit, die gemeinsam gespielt und gesungen werden. Melody Transfer nennt sich die Zusammenkunft, die mit Unterstützung der Initiative 55 plus-minus entstanden ist. Im Englischen bedeutet „transfer“ so viel wie übertragen oder übermitteln. „Jeder von uns hat eine Melodie, ein Stück im Kopf und gibt es weiter“, erklärt Sorensen das Prinzip. Heraus kommt eine Art Potpourri aus Folklore, Swing, Schlager, Filmmusik, Jazz, afrikanischer, keltischer, jiddischer oder mexikanischer Musik.

    Und so veranstalten die sechs Musikanten, die an diesem Abend zusammengekommen sind, eine musikalische Reise durch verschiedene Länder, Kulturen und Genres. Neben der Winnetou-Melodie werden mit „Anytime“ auch Noten für ein Country-Stück ausgeteilt, danach geht es in dem Roma-Lied „Sveti Georgi“ um den Heiligen Georg und in „Ikh Hob Dikh Tsu Fil Lib“ um eine offensichtlich nicht ganz so glückliche Beziehung – zu deutsch: „Ich hab dich zu sehr lieb“.

    „Das ist ein jiddisches Liebeslied“, erklärt Odelia Lazar, die das Stück zur Jamsession mitgebracht hat. Es gehe um eine Frau, die ihren Partner zu sehr liebt, um auf ihn böse zu sein. „Wahrscheinlich ist er abgehauen“, sagt Lazar, „aber das weiß man nicht.“ Dennoch verschwende die Dame im Lied keinen Gedanken an Rache, gibt Lazar den Inhalt des Textes wieder.

    Was die Treffen für sie so besonders macht, ist die ungezwungene Atmosphäre. Es müssten keine Konzerte vorbereitet werden, für die alles zu 100 Prozent sitzen soll. „Wir spielen einfach zu unserem Vergnügen“, sagt Lazar – auch wenn die einen oder anderen Melody-Transfer-Musiker dann doch ab und an in verschiedenen Konstellationen zusammen in der Region auftreten.

    Und das Projekt verfolgt noch ein weiteres Ziel, wie Conner Sorensen erklärt: „Jüngere Musikanten sollen von älteren lernen.“ Der 74-Jährige unterrichtet Gitarre und Geige und hat beispielsweise seine Schüler schon zu der Session eingeladen. „Die sind 15 Jahre alt und haben hier fleißig mitgespielt und Spaß gehabt.“

    Mindestens drei Generationen hätten so schon gemeinsam Musik gemacht. Jeder steuert sein eigenes Repertoire aus unterschiedlichen Jahrzehnten bei, so Sorensen – und auch seine ganz eigene musikalische Vita.

    Marion Renner aus Kaub, 55 Jahre: „Ich spiele afrikanische Trommeln und andere Percussioninstrumente wie Schellen“, erklärt Renner. Seit zwölf Jahren macht sie mit den Trommeln Musik – seit sie die erste von ihrem Mann geschenkt bekommen hat. „Man kann rhythmisch alles damit anstellen“, sagt Renner, „was man so fühlt oder was gerade passt.“ Oft begleite sie die Meldoy-Transfer-Gruppe intuitiv. „Ich kann aber auch traditionelle afrikanische Rhythmen spielen – mehrstimmig im Zusammenspiel mit anderen Trommeln.“ Aber auch ihre Tin Whistle kommt manchmal zum Einsatz. Das Instrument wird beispielsweise bei irischer Folkmusik genutzt. Renner liebt die Improvisation in der Musik. Die sei ihr noch wichtiger als die Melodie. Daher mag sie auch die Musikertreffen in Reitzenhain. „Jeder bringt etwas mit, und dazu wird dann relativ frei improvisiert.“

    Rudolf Raab aus Gemmerich, 65 Jahre: „Musik ist für mich alles, das ist mein stärkstes Hobby“, betont Raab. In seiner Familie habe man schon immer Musik gemacht: der Vater auf der Gitarre, die Mutter mit der Zitter, die Schwester lernte Cellospielen, der Bruder Geige. „Ich war der Jüngste und durfte ans Klavier.“ Mit 16 hat er sich Gitarrespielen beigebracht. Denn „ins Zeltlager kann man nicht so viel mitschleppen“. Später hat er in Big Bands gespielt, mit seinem Bruder in den 90er-Jahren Kaffeehausmusik gemacht, und ihn als Straßenmusikant mit in die Fußgängerzone geschleppt. „Ich habe gesagt: Zu Hause spielst Du Bach und Beethoven auswendig. Du musst im Freien spielen, die Kritik aushalten.“ Viele Top-Musiker würden derlei Auftritte scheuen. „Aber sie vergeben sich die Chance, sich in einem anderen Rahmen zu zeigen“, findet Raab. Es sei eine stressfreie Atmosphäre, aber man habe dennoch den Anspruch, „dass man sein Bestes gibt“. Das Besondere an den Jamsessions in Reitzenhain ist für ihn, dass man mehr über die Musiker in der Runde erfahre. Odelia Lazar kenne er schon seit Jahren. Mit ihr habe er etwa schon zusammen auf der Bühne gegen die Schrecken der Reichspogromnacht angespielt. „Ein Musiker muss auch politisch sein.“

    Odelia Lazar aus Niederwallmenach, 59 Jahre: Lazar unterrichtet musikalische Früherziehung an verschiedenen Kindergärten in der Region. „Das ist altersgerecht“, sagt sie, „wir singen zusammen.“ Dabei müsse man allerdings beachten, dass die Kinder bis zum sechsten Lebensjahr noch kein ausgebildetes Gehör haben. Lieder dürfen nicht zu schnell sein, die Töne nicht zu weit voneinander entfernt. „Sie sollen einen Bezug zu ihrer Stimme herstellen, auch zum Sprechen.“ Englische Schlager seien daher nicht empfehlenswert. Denn die Texte sollten von den Kindern verstanden werden. Auch bei sich zu Hause gibt Lazar Musikstunden. Sie unterrichtet Klavier, Keyboard und Akkordeon. „Aber nicht so, wie meine Lehrerin mich unterrichtet hat“, betont Lazar. Denn damals durfte nur Klassik gespielt werden. Vorsingen und Prüfungen standen auf dem Programm. „Bei mir kann man auch ,Lieblingsmensch' von Namika spielen“, sagt Lazar. Das bedeute aber nicht, dass ihre Schüler nichts lernen. „Man lernt seine Technik dann eben bei Stücken, die einem was sagen.“ Lazar kommt aus Israel, daher bringt sie auch jiddische Stücke bei Melody Transfer mit ein. Aber auch Irisches, Schottisches oder Pop hat sie im Gepäck. „Das sind super Musiker, die hier sitzen“, sagt Lazar über die Jamsession-Truppe. Außerdem spiele sie so auch Lieder, die sie selbst nie spielen würde – wie eben die Winnetou-Melodie. „Und jetzt werde ich das wahrscheinlich noch eine Woche lang summen“, meint Lazar. Und die ganze Gruppe muss lachen.

    Michael Wienecke aus Niederwallmenach, 63 Jahre: Wieneckes musikalische Karriere startete in seiner Studienzeit – mit der Band Quodlibet. Bei einem Fest an der Uni war damals eine Musikgruppe ausgefallen. Spontan sprangen er auf der Gitarre, ein junger Mann mit Wuschelhaarfrisur auf der Geige und ein Kommilitone mit dem Banjo ein. „Da waren 1000 Leute im Audimax und wir haben uns zwei Stunden oder so gekannt“, erinnert sich Wienecke an den spontanen Start ins Bandleben. Danach hat er mit seiner Studententruppe auch Straßenmusik gemacht. „Wir sind nach Irland gefahren, um dort zu spielen.“ Auch heute noch liebt er irische Balladen. Nach dem Studium hat Wienecke sich nach einer Schaffenspause einer neuen Gruppe angeschlossen: Diesmal standen orientalische Lieder auf dem Programm. Auch mit Freunden aus Kehlbach hat er später musiziert, bevor er 2015 zu „Melody Transfer“ stieß. Wienecke ist reiner Autodidakt und spielt neben Gitarre auch Flöte und Mandoline. Von seinen Mitmusikanten in Reitzenhain lernt er so einiges. „Conner hat mir schon ein paar Akkorde gezeigt, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.“ Und: Michael Wienecke hat seine Lebensgefährtin Odelia Lazar bei den Jamsessions kennengelernt. „Wir haben nach einer Session ganz lange hier auf den Stufen gesessen“, erzählt Lazar. „Bis es morgens wieder hell wurde“, sagt er. Dabei haben die beiden gemerkt, „dass wir so viele Gemeinsamkeiten haben“.

    Jutta Fischer aus Nastätten, 68 Jahre: Fischer hat eine Leidenschaft für Musik aus Afrika. Das Feuer entfacht hat Ende der 90er-Jahre ein Workshop zu afrikanischen Gospels in Strüth. „Das Beste dabei war, immer alles zusammen harmonisch rüberzubringen: die Bewegungen und den Gesang“, erinnert sie sich. Bei der Choreografie wurde etwa im Rhythmus gestampft oder die Arme wurden mitgenommen. Über Rudolf Raab, der den Gospelchor damals auf der Gitarre begleitet hat, ist Fischer zu Melody Transfer gestoßen. Anfangs habe sie daran gezweifelt, ob man in einer Gruppe musizieren kann, in der jeder einen anderen Geschmack hat: „Da habe ich gedacht: Oh Gott, das ist ja tierisch.“ Inzwischen ist klar: Alle haben Spaß dabei. „Man kann hier etwas lernen. Und wenn man Musik mag, ist man ja offen für andere Musikrichtungen.“

    Conner Sorensen aus Eschbach, 74 Jahre: Zwei Jahre hat der gebürtige Amerikaner Geige an der Universität studiert – bis er auf Geschichte umgeschwenkt ist. „Die Geige habe ich zur Seite gelegt und 30 Jahre überhaupt nicht gespielt.“ Allerdings hatte Sorensen sich selbst Gitarre und Banjo beigebracht. Letzteres kam ihm zugute, als er mit seiner Frau nach Alaska zog. Dort hat er zusammen mit Freunden eine Band gegründet und Banjo gespielt. „Das hat mir unheimlich Spaß gemacht“, sagt Sorensen. „Das war etwas ganz anderes als im Orchester in der Universität.“ Als das Paar zur Zeit der Wiedervereinigung nach Deutschland kam, machte Sorensen viel Kirchenmusik. So schloss er sich kurz nach seinem Umzug nach Eschbach im Jahr 2000 dem von Dekanatskantor Markus Ziegler geleiteten Kammerorchester an. „Ich holte meine Geige wieder raus und seitdem spiele ich im Collegium Musicum.“ Bei seinem Melody-Transfer-Projekt gehe es vor allem darum, „Spaß an der Musik zu haben, voneinander zu lernen und sich inspirieren zu lassen“. Als Vorbild diente ihm eine ähnliche Gruppe: „Grandma's Farm“. Die hat er nahe seiner alten Heimat in Kansas auf einem Bauernhof musizieren gehört.

    Wer Interesse hat, mitzumusizieren, kann sich bei Conner Sorensen unter Telefon 06771/599.315 melden.

    Von unserer Redakteurin Cordula Sailer

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