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    Betzdorf/HerdorfErinnerungen an den Altkanzler: Deftiger Rüffel vom jungen Helmut Kohl

    Die Nachricht vom Tod Helmut Kohls hat auch im Kreis Altenkirchen viele bewegt. Besondere Erinnerungen an den jungen Helmut Kohl schildern der kürzlich verstorbene Eberhard Wickler aus Betzdorf und der Herdorfer Norbert Büdenhölzer.

    Der Ende März verstorbene Eberhard Wickler (links) aus Betzdorf hat Helmut Kohl in seiner Sturm-und-Drang-Zeit erlebt. Der Herdorfer Norbert Büdenhölzer (rechts) hütet ein Unterschriftenbuch, in dem sich Kohl über Jahrzehnte zu mehreren (partei-)politischen Anlässen eingetragen hat.
    Der Ende März verstorbene Eberhard Wickler (links) aus Betzdorf hat Helmut Kohl in seiner Sturm-und-Drang-Zeit erlebt. Der Herdorfer Norbert Büdenhölzer (rechts) hütet ein Unterschriftenbuch, in dem sich Kohl über Jahrzehnte zu mehreren (partei-)politischen Anlässen eingetragen hat.
    Foto: Daniel Weber

    Aus dem kleinen Büchlein mit dem karminroten Ledereinband duftet es nach altem Papier. Doch wer die angegilbten Seiten andächtig durchblättert, merkt schnell: Hier riecht es nach mehr – nach großer Zeitgeschichte. Die Rede ist vom Unterschriftenbuch des Herdorfer Politikers Raymund Helmert (1924-1994), einst Gründungsmitglied der CDU und der Jungen Union in Rheinland-Pfalz, langjähriges Mitglied im Kreistag und im Herdorfer Gemeinde- und Stadtrat, dazu Träger des Bundesverdienstkreuzes. In dem Büchlein, das Helmert über Jahrzehnte hinweg stets zu (partei-)politischen und gesellschaftlichen Anlässen mitnahm, haben sich führende Köpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte mit ihrem Autogramm verewigt – von Konrad Adenauer über Franz-Josef Strauß bis zu Richard von Weizsäcker. Und natürlich auch Helmut Kohl.

    Heute hält der Herdorfer Norbert Büdenhölzer (67) dieses historische Dokument in Ehren. „Raymund Helmert war mein Freund und gewissermaßen auch mein politischer Ziehvater“, erzählt er, „ich habe es aus seinem Erblass übernommen.“ Büdenhölzer selbst trat 1968 – ausgerechnet im Jahr der linken Studentenrevolte – in die CDU ein und wirkte bald darauf im JU-Kreisvorstand mit. Bei vielen Anlässen war er Helmerts Fahrer und lernte dabei die „Großkopferten“ der Politik persönlich kennen. Auch Büdenhölzer saß lange Jahre – von 1978 bis 1998 – im Herdorfer Rat. Und wie einst Helmert ist auch er heute im Hellerstädtchen Vorsitzender des Westerwald-Vereins.

    Bedächtig schlägt er das Büchlein auf. Der erste Eintrag datiert vom September 1950: Beim Jahreskongress der Nouvelles Equipes Internationales, einem christlichdemokratischen Parteienbund, das sich die europäische Vereinigung auf die Fahnen geschrieben hatte, unterschrieb in Konstanz ein gewisser Helmut Kohl – damals gerade 20 Jahre jung. Sein Namenszug taucht auf den weiteren Seiten häufiger auf – da war Kohl dann allerdings schon Ministerpräsident oder Bundeskanzler.

    „Ein Politiker muss Sensibilität haben, zugleich aber auch ein Machtmensch sein“, sagt Büdenhölzer. Ein Machtmensch war Kohl wohl ohne Zweifel – und das schon in jungen Jahren, wie es der Ende März 81-jährig verstorbene Betzdorfer Eberhard Wickler mal in einer persönlichen Begegnung deutlich zu spüren bekam. Wickler, der 1954 mit 19 in die CDU eintrat, erzählte in einem Gespräch mit der RZ einige Monate vor seinem Tod, wie er es einst wagte, Kohl beim Landestag der Jungen Union 1964 zu widersprechen. „Kohl machte damals den Vorschlag, das Mindesteintrittsalter von 16 auf 14 Jahre abzusenken“, erinnerte sich Wickler schmunzelnd. „Wir JU’ler aus dem Bezirk Koblenz waren dagegen, woraufhin Kohl an uns mit den Worten ,Ich gebe Ihnen den heiligen Rat…‘ drohend appellierte. Ich habe mich erdreistet, ihm zu entgegnen wie heilig der Rat denn nun sei – sofort stieg Kohl die Zornesröte ins Gesicht.“

    Wahlkampf statt Mahlzeit

    Wie Büdenhölzer, so hütete auch Eberhard Wickler zeitlebens einen historischen Schatz: Im Gästebuch der Jungen Union Betzdorf befindet sich unter anderem ein Foto Konrad Adenauers, das Wickler beim Besuch des Altbundeskanzlers in Betzdorf 1965 geschossen hat sowie Unterschriften der Amtsnachfolger Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger. Letztgenannter war kurz vor der Landtagswahl 1967 in Altenkirchen zu Gast. Ein Foto zeigt Kiesinger mit den lokalen Politgrößen jener Zeit – und mit Helmut Kohl, der damals CDU-Landesvorsitzender war. Wickler erinnert sich: „Im Haus Hubertus sollte es Essen geben, aber Kohl sagte: ‚Wir gehen jetzt raus und machen Wahlkampf!‘ Er stand damals für eine dynamischere CDU.“

    Zu dieser Generation gehörte auch Raymund Helmert, sagt Norbert Büdenhölzer: „Er war wie Kohl, Heinz Schwarz oder Heinz Korbach ein junger Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Politik eine konservative Heimat suchte – in einer Zeit, die noch stark von Hunger und politischen Idealen geprägt war.“ Helmerts Unterschriftenbuch spiegelt auf einfache Art historische Ereignisse aus jenen Anfangstagen der Bundesrepublik wider. Der erste Bundesparteitag in Goslar im Oktober 1950 etwa gilt als Geburtsstunde der CDU auf Bundesebene, bestanden doch bis dahin nur Landesverbände. Nach der Begrüßung sangen die Teilnehmer die dritte Strophe des Deutschlandliedes – dies war zu diesem Zeitpunkt keineswegs selbstverständlich, da die Bundesrepublik noch gar keine Nationalhymne hatte. Neben Adenauer, der bei diesem Parteitag zum ersten CDU-Bundesvorsitzenden gewählt wurde, gaben beispielsweise auch der Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heinrich von Brentano, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard oder der erste rheinland-pfälzische Ministerpräsident, Peter Altmeier, ihr Autogramm.

    Bei der Feierstunde „25 Jahre nach Goslar“ 1975 in Bonn war der Herdorfer Raymund Helmert ebenfalls wieder dabei. Es unterschrieben unter anderem Franz Josef Strauß, Heiner Geißler, Norbert Blüm und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer – zwei Jahre später wurde er von RAF-Terroristen entführt und ermordet.

    Prägende Figur der Nachkriegsära

    Auch Helmut Kohls Unterschrift findet sich in dieser illustren Namensliste. Im Jahr darauf, 1976, trat er erstmals als Kanzlerkandidat der Union an. Aber erst sechs Jahre später, mit dem Bruch der sozialliberalen Koalition 1982, war er an der Reihe – um bekanntlich 16 Jahre Bundeskanzler zu bleiben.

    Büdenhölzer und Wickler sind sich einig: „Bei der Wahl 1998 hätte er nicht mehr antreten dürfen. Das war ein Fehler.“ Zur Gesamtbilanz von Kohls Politikerkarriere gehört freilich auch die unrühmliche Parteispendenaffäre: „Was er gemacht ist, war nicht legitim“, sagt Büdenhölzer, „aber es geschieht leider oft allzu schnell, dass man über jemanden den Stab bricht. Er hat nicht für sich gehandelt, sondern für die Partei. Und das hat ihn ja sogar den Ehrenvorsitz gekostet.“ Nun, da Kohl tot ist, sollten die Kritiker Zurückhaltung üben und vielmehr das politisches Vermächtnis des Kanzlers der Einheit im Vordergrund stehen, findet Büdenhölzer. Sein Appell: „Bitte lasst noch ein gutes Haar an Helmut Kohl!“

    Für Eberhard Wickler war Kohl eine prägende Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte – so wie viele, die sich in den Unterschriftenbüchern verewigten. „Heute fehlen die großen Persönlichkeiten in der Politik“, beklagte der Betzdorfer noch kurz vor seinem Tod.

    Büdenhölzer will das Buch von Raymund Helmert später an das Adenauer-Haus oder ans Bonner Haus der Geschichte übergeben: „Denn da gehört es eigentlich hin.“

    Von unserem Redakteur Daniel Weber

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