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    Entsetzen über den „Fritzl von Fluterschen“

    Fluterschen - „Auch die Mutter gehört fortgeschlossen.“ Diesen Satz hören die Reporter immer wieder, als sie am Donnerstag im Westerwalddorf Fluterschen Stimmen zu einem unfassbaren Verbrechen einfangen wollen.

    Entsetzen über den „Fritzl von Fluterschen“
    In Fluterschen im Kreis Altenkirchen ist es vorerst vorbei mit der Ruhe: Das unfassbare Missbrauchsdrama lockte viele Medien in das 750-Seelen-Dorf und vor das Haus, in dem der Täter mit den Kindern lebte.
    Foto: Jürgen Vohl

     Von unserer Reporterin Gudrun Kaul und unserer Mitarbeiterin Kathrin Stricker 

    Fluterschen - „Auch die Mutter gehört fortgeschlossen.“ Diesen Satz hören die Reporter immer wieder, als sie am Donnerstag im Westerwalddorf Fluterschen Stimmen zu einem unfassbaren Verbrechen einfangen wollen.

    Gemeint ist die Frau von Detlef S., der am kommenden Dienstag vor dem Landgericht Koblenz mit unfassbaren Vorwürfen konfrontiert wird: Er soll mit seiner Stieftochter acht Kinder gezeugt und sowohl die Stieftochter als auch seine eigene Tochter jahrelang sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Das monströse Missbrauchsdrama, das an den Fall Josef Fritzl in Österreich erinnert, hat das 750-Seelen-Dorf ins Rampenlicht der Medien gezerrt.

    Fluterschen am Donnerstagmorgen: Die Idylle trügt. Während der kühle Morgennebel ganz langsam zaghaften Sonnenstrahlen weicht, eilen bereits mehrere Kamerateams durch das Dorf. Sie sind auf der Suche nach Bewohnern, die vor der Kamera einen Kommentar abgeben wollen über die Familie, in der das Entsetzliche geschah. Medienvertreter stehen vor dem Haus, in dem der mutmaßliche Täter lange Jahre gelebt hat. Das Gebäude, zwischen zwei gepflegten Wohnhäusern gelegen, macht einen verlassenen, heruntergekommenen Eindruck. Die Rollläden sind teils heruntergelassen, Briefkasten und Klingel ohne Namen. An der einst prächtigen historischen Haustür mit Schnitzereien und schmiedeeisernen Verzierungen ersetzen Styroporplatten die teilweise zerstörten Glasscheiben. Die Frau des 48-Jährigen soll hier noch wohnen. Welche Rolle hat sie bei dem Martyrium der jungen Frauen gespielt? Das wird eine der Fragen sein, die in dem mehrtägigen Prozess geklärt werden müssen.

    Neben dem Entsetzen der Dorfbewohner über die schrecklichen Ereignisse, die sich über Jahre in der Gemeinde abgespielt haben sollen, gilt das Mitgefühl in erster Linie den vielen jungen Opfern – den zwei missbrauchten Frauen und den kleinen Kindern. Der Angeklagte soll mit seiner Stieftochter seit dem Jahr 2000 acht Kinder gezeugt haben, eines ist bereits verstorben und wurde auf dem Friedhof eines kleinen Nachbardorfs beigesetzt.

     

    So viele offene Fragen

    Die wenigen Fluterscher, die überhaupt mit den Medien sprechen, sind empört und fassungslos. „Wenn die wüssten, was sie den nachfolgenden Generationen angetan haben“, klagt einer an. „Die haben doch alle keine richtige Chance mehr in ihrem Leben“, befürchtet eine Frau aus dem Dorf.

    Und dann sind da viele Fragen. „Warum hat die Stieftochter sich nicht gewehrt? Warum hat sie sich nicht Hilfe gesucht bei Außenstehenden?“, grübelt eine Dorfbewohnerin. „Aber irgendwie kam man an die junge Frau nicht heran.“ Und auch das erfährt unsere Zeitung: „Die Frau war allen Kindern, die der Stiefvater gezeugt haben soll, immer eine gute Mutter“, beschreibt eine andere Frau ihre Eindrücke. Alle acht Kinder sind katholisch getauft, die meisten besuchten den kommunalen Kindergarten „Sternschnuppe“ im Ort – nur wenige Hundert Meter vom Wohnhaus der Familie entfernt. Auch die „Sternschnuppe“ wird von den Medienvertretern umlagert – allerdings erfolglos. Niemand gibt Auskünfte. Im Dorf dagegen gibt es viele Gerüchte und Szenen, die in Erinnerung geblieben sind. Wenn die Stieftochter wieder einmal ganz offensichtlich schwanger war, erfuhr man auf beiläufige Nachfragen von der Familie, das sei in der Disco passiert – und der Vater unbekannt, sagen Fluterscher Bürger. Einmal habe sogar die Ankündigung die Runde im Dorf gemacht, jetzt werde bald geheiratet, ein Brautkleid sei sogar schon gekauft. „Meine Tochter war mit der leiblichen Tochter des Angeklagten befreundet. Sie gingen zusammen in eine Klasse“, erinnert sich eine andere Frau. Sie berichtet von einem freundlichen, netten Mädchen, das aber von den Eltern sehr streng behandelt wurde. „Die durfte nichts.“

     

    Sohn mit Lederriemen traktiert

    Schwer wiegen dagegen Vorwürfe, die Anwohner vorbringen. Sie berichten davon, dass ein Sohn des 48-Jährigen sich bereits vor neun oder zehn Jahren ans Jugendamt gewendet habe, nachdem sein Vater ihn mit einem Lederriemen verprügelt hatte. „Geschehen ist nichts.“ Außerdem habe ein anderer Sohn in der Vergangenheit für einige Wochen Zuflucht in der Nachbarschaft gesucht.

    Ein Fluterscher, der einige Zeit mit dem Beklagten zusammengearbeitet hat, kann kaum glauben, was er hört. „Mir waren zwar die Gerüchte über ihn bekannt, doch ich dachte, das wäre üble Nachrede. Ich habe ihn immer als ganz normalen Mann erlebt“, erzählt er. „Ich dachte, als Zugezogener hat er es hier schwer.“ Auch er hat allerdings gehört, dass der Mann zu Alkoholexzessen und Gewalt neige. Bei einem Besuch habe er aber nichts Auffälliges festgestellt: „Ich habe keinen Verdacht geschöpft.“

    Da haben andere Bewohner ganz anderes erlebt. „Es verging keine Woche, ohne dass die Polizei dorthin ausrücken musste“, erinnert sich einer. Manchmal habe sogar jemand aus der Familie die Polizei gerufen. Saufgelage waren an der Tagesordnung. „An den Wochenenden wurde durchgesoffen“, die Kinder sortierten später sogar die Flaschen. Wenn Nachbarn sich über Lärm und Ruhestörung beschwerten, hagelte es verbale, ausfallende Attacken – mit der Androhung von schlimmerer Gewalt. Dann zeigte der 48-Jährige auch mal den Baseballschläger. „Es ist traurig, dass so etwas in unserem Dorf passiert ist“, sagt ein Rentner, der in Hörweite des Hauses wohnt. „Wir hatten keinen Kontakt zu den Leuten, wenn es mal wieder laut wurde, haben wir die Fenster geschlossen.“ Gedanken werden wach an den „Fall Fritzl“, der vor noch nicht einmal drei Jahren weltweit Schlagzeilen machte. Josef Fritzl aus Amstetten in Niederösterreich sitzt lebenslang im Gefängnis, weil er seine eigene Tochter fast 24 Jahre lang in einer unterirdischen Kellerwohnung im eigenen Haus gefangen hielt. In dem schalldichten Verließ vergewaltigte er seine Tochter viele Male. Sieben Kinder kamen dort zur Welt, eines starb kurz nach der Geburt. In Fluterschen waren es acht Kinder. Eines starb.

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