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  • Serie Windenergie, Teil 4: Windkraft gilt als waldverträglich

    Vettelschoss. Der Wald ist Lebensraum für viele, auch seltene Tiere. Er ist Erholungsgebiet und Wirtschaftsfaktor. Ob es um Brennholz für den privaten Ofen geht, um Industriebedarf, Einkünfte durch Jagdverpachtung oder auch um den nächsten Weihnachtsbaum - längst drehen sich die Debatten unter den Wipfeln nicht mehr nur um den Wald als schützenswerten Naturraum.

    Die Landesregierung fördert den Ausbau von Windkraftanlagen in Waldgebieten.
    Die Landesregierung fördert den Ausbau von Windkraftanlagen in Waldgebieten.
    Foto: dpa

    Vettelschoss - Der Wald ist Lebensraum für viele, auch seltene Tiere. Er ist Erholungsgebiet und Wirtschaftsfaktor. Ob es um Brennholz für den privaten Ofen geht, um Industriebedarf, Einkünfte durch Jagdverpachtung oder auch um den nächsten Weihnachtsbaum - längst drehen sich die Debatten unter den Wipfeln nicht mehr nur um den Wald als schützenswerten Naturraum.

    Die Windkraft im Wald dürfte dabei das Kapitel in der Historie sein, das die größten Veränderungen mit sich bringt. Die Landesregierung will die Vorrangfläche für Windkraft im Wald auf zwei Prozent der Landesfläche ausweiten - und damit verfünffachen. "Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel", sagt Hans-Günter Fischer, Vorsitzender des Waldbesitzerverbands Rheinland-Pfalz, der das Thema auch am kommenden Montag bei der Mitgliederversammlung in Boppard auf seiner Tagesordnung hat.

    Im März wurde die neue Landesregierung gewählt und damit ein grünes Energieministerium auf den Weg gebracht, das den Ausbau erneuerbarer Energien massiv vorantreibt. Im - so der Fachausdruck - windhöffigen Flächenland Rheinland-Pfalz bedeutet dies besonders die Forcierung der Windkraft - auch im Wald.

    Waldbesitzer wollen Gespräch

    "Wir warten seit Monaten auf ein Gespräch mit der Landesregierung", klagt Hans-Günter Fischer Anfang September im Gespräch mit unserer Zeitung. Soeben hatte die Landesregierung mehrere große Windkraftanlagen im Wald eingeweiht und bei dieser Festveranstaltung den Ausbau der Windkraft im Wald propagiert. Fischer nutzt den Moment, um die Politik zum Gespräch mit den kommunalen und privaten Waldbesitzern aufzufordern. Er will ein gemeinsames Konzept. Doch es geschieht nichts.

    Letztlich entschließen sich die Waldbesitzer selbst dazu, eine Informationsveranstaltung unter der Überschrift "Windenergie im Wald" zu initiieren. Dazu wird die Politik als Referent eingeladen - kein schlechter Trick. Die Veranstaltung in Vettelschoß im nordwestlichen Zipfel von Rheinland-Pfalz soll ein inhaltliches Rundum-Paket bieten: Referenten aus Politik, Raumplanung, Anlagenbau und Forstwesen skizzieren, was über Chancen und Risiken von Windkraft im Wald bis dato bekannt ist.

    "Wir brauchen mehr Transparenz", erklärt Fischer eingangs der Konferenz diplomatisch, aber klar. "Wir wollen den Dialog, weil wir Waldbürger und keine Wutbürger sind. Wir wollen den fachlichen Austausch, bevor am grünen Tisch über den Wald entschieden wird."

    Es ist ein herbstlicher Nachmittag, an dem es um Vor- und Nachteile in der vermeintlichen Goldgräberzeit geht. "Die Nutzung der Windenergie darf nicht zulasten der sonstigen Aufgaben des Waldes gehen", sagt Fischer, "der Eingriff in die Waldlandschaft muss minimal bleiben."

    Es geht nicht ohne den Forst

    In einem Land, dessen Fläche zu gut 42 Prozent aus Wald besteht, geht der Ausbau der Windkraft nicht ohne den Wald - vor allem, wenn bis 2030 der Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie gedeckt werden soll. "Wir wollen den Wald nicht stilllegen", ruft Staatssekretär Thomas Gierse den Anwesenden in Vettelschoß zu, "Rheinland-Pfalz hat im Bundesvergleich bei der Windkraft im Wald eine Vorreiterstellung." Aus Regierungssicht eignen sich Waldflächen besonders, weil sie aufgrund ihrer Windhöffigkeit prädestiniert für Windräder sind - vergleichbar mit Küstengebieten. "Die Flügel drehen sich 30 bis 50 Meter über den Baumkronen", sagt Gierse, "Windkraftanlagen lassen sich oft ins Waldbild integrieren."

    Auch Michael Diemer, Leiter des Forstamts in Kastellaun (Rhein-Hunsrück-Kreis) hat grundsätzlich positive Erfahrungen mit den Rädern gemacht, nicht nur mit denen, die in seinem Amtsbezirk stehen. 112 Anlagen sind in Rheinland-Pfalz im Wald aufgestellt, also etwa zehn Prozent aller Windräder im Land. Grob gesehen gibt es dabei zwei Schwerpunkte: den vorderen Hunsrück und den Windpark Hartenfelser Kopf im Westerwald. "Die Waldverträglichkeit ist gegeben", sagt Diemer, "die Rotoren drehen sich so hoch, dass der Wald mehr oder minder unangetastet bleibt." Etwa 0,5 bis 0,6 Hektar Waldfläche wird pro Windrad benötigt - so groß ist der durchschnittliche Flächenverbrauch inklusive Zuwegung und spezieller Kurvenradien für die großen Kranwagen, die für das Aufstellen der monströsen Anlagen eingesetzt werden. "Wenn Windradpositionen fein justiert werden, kann der Flächenverbrauch minimiert werden", erklärt Diemer - unter anderem werden existierende Wege in der Planung berücksichtigt.

    Im Genehmigungsverfahren gibt es forstrechtliche Mindestanforderungen, die beachtet werden müssen: das freie Betretungsrecht des Waldes, der Ausschluss von Eiswurf, die minimale Inanspruchnahme des Waldes, die Waldbrandvorbeugung. Solange diese Anforderungen erfüllt und im behördlichen Genehmigungsverfahren auch die klassischen Fragen wie die des Vogelzugs, der Fledermauspopulation oder der Schwarzstorch-Existenz beantwortet sind, kann gebaut werden.

    Entscheidungen wirken lange nach

    "Wenn Gemeinden ein Windrad mit einem Abstand von gut 900 Metern Entfernung zum Ort planen, müssen sie aber bedenken, dass diese Planung für 25 Jahre gilt", sagt Diemer, "das heißt auch, dass in die Richtung dieses Windrads beispielsweise kein Neubaugebiet mehr ausgewiesen werden kann."

    So verträglich die Windkraft für den Wald dargestellt wird und so sehr die Politik den Ausbau der Projekte forciert, so wenig sind einige Grundfragen geklärt: Es fängt bei der Klage der Kommunen über eine mangelhafte Regionalplanung an. Es geht weiter über die ungeklärte Frage, wie die Tierwelt im Wald langfristig auf Windräder reagiert. Es hört bei der fast philosophischen Debatte auf, welche Waldgebiete überhaupt noch so schützenswert sind, dass in ihnen keine Windräder gebaut werden.

    Bis auf drei Ausschlusskategorien will die Landesregierung alle Waldflächen für Windkraft freigeben: Nur Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturschutzgebiete tragen künftig ein Windkraft-Stoppschild. Momentan laufen gerade bezüglich des Nationalparks Diskussionen, welches Gebiet im Land Nationalpark werden soll - der Pfälzer Wald oder der Soonwald. Klar ist derzeit lediglich: Nur ein kleiner Teil des Waldes im Land wird windkraftfrei bleiben.

    Von unserem Redakteur Volker Boch

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