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    Koblenz. Ein Konzert Mitte November, ein gutes Tausend Zuhörer - und doch dieses kleine Wunder: Im Saal der Rhein-Mosel-Halle ist fast nichts zu hören als Musik. Kein Schniefen, kein Schnäuzen, kaum ein halbes Dutzend Huster während der zweieinhalb Stunden beim Koblenzer Musik-Institut. Das will was heißen.

     

    Weltklasse: Die norwegische Solotrompeterin Tine Thing Helseth glänzt mit höchster Virtuosität auf ihrem Pumpventilinstrument.  Foto: Thomas Frey
    Weltklasse: Die norwegische Solotrompeterin Tine Thing Helseth glänzt mit höchster Virtuosität auf ihrem Pumpventilinstrument.
    Foto: Thomas Frey

    Von unserem Autor Andreas Pecht

     

    Heißt: Das Publikum ist gepackt, fasziniert, teils hingerissen vom dem, was drei Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts geschaffen haben und wie die Musizierenden es hier umsetzen. Ja, die hiesige Klassiksaison 2016/17 hat an diesem Abend ihren ersten Höhepunkt.

    Warten auf den Chef: Händchen bei der Auswahl der Gastdirigenten

    Es sind noch einige Monate hin, bis der neue Koblenzer Chefdirigent sein Amt antritt. Weshalb das Staatsorchester Rheinische Philharmonie beim dritten Anrechtskonzert schon unter dem dritten Gastdirigenten aufspielt. Michel Tilkin, derzeit Chef bei der Thüringen Philharmonie Gotha, erweist sich als ebenso erfahrener wie inspirierter Pultmeister - der aus sehr fein gearbeiteter Kleinteiligkeit ein stimmiges Großes zu weben versteht.

    Die Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" von Piotr Ilitsch Tschaikowsky wird unter seiner Handführung (einen Stab benutzt er nicht) zum Konzertauftakt von bemerkenswerter Qualität. Tilkin mag nichts wissen von dem bei diesem Werk oft mit erschlagender Wucht zelebrierten Bombast. Stattdessen beeindruckt die Rheinische mit trefflich portionierter Dynamik und Farbigkeit, mit fabelhaft ausgeglichenen Registern und schier makelloser, gleichwohl beseelter Präzision in allen Instrumentengruppen. Der Begriff "Klangkörper" wird oft gedankenlos dahergesagt. Aber die tatsächliche Verschmelzung von Dutzenden Musikern zur kollektiv pulsenden Ganzheit findet man nicht alle Tage. Diesmal ist sie hier zu erleben.

    Bildlich gesprochen steht Tilkin nicht anleitend davor, sondern steckt als ganz uneitel Puls gebendes Herz quasi mittendrin. Solch schöne Art des Verschmelzens setzt sich fort beim Gastauftritt der derzeit wohl besten klassischen Solotrompeterin weltweit. Tine Thing Helseth glänzt nicht nur mit höchster Virtuosität auf ihrem "jazzigen" Pumpventilinstrument. Vielmehr stellt sie ihr gefühlig differenzierendes, fast jeden Ton mit lebendiger Binnendynamik ausgestaltendes Spiel willig in den Dienst der gemeinsamen Werkrealisation auf gleicher Augenhöhe. So kommt das gesamte folkloristische, romantische, teils auch barocke Spektrum von Alexander Arutjunjans Konzert für Trompete und Orchester aus dem Jahr 1950 bewegend und in wunderbarer Durchhörbarkeit zur Geltung.

    Tine Thing Helseth in einer Aufnahme von 2009

    Nachher, bei der solistischen Zugabe der 29-jährigen Norwegerin, fällt so manchem Hörer die Kinnlade runter. Zärtliches Flüstern, schier violonistisches Singen, drängendes Stürmen, knurrendes Tiefenrollen oder triumphierende Höhenschärfe, dazu Echoeffekte, als stünden zwei, gar drei Bläser an verschiedenen Enden der Bühne: Das ist ein Kabinettstück der Trompetenspielkunst wie wir in dieser Halle noch keines gehört haben.

     

    Huldigung an die Ensemblekunst und den Jubilar Shakespeare

    Weil 2016 ein Shakespearejahr ist (der Dramatiker starb vor 400 Jahren), gibt es zum Konzertschluss noch einmal "Romeo und Julia": Opus 64 von Sergej Prokofjew, die berühmte, vielsätzige Orchestermusik zum gleichnamigen Ballett. Die Rheinische Philharmonie unter Tilkin bestätigt auch dabei das sehr hohe Niveau an diesem Abend. Von Szene zu Szene dramatisch adäquat musizierte Atmosphären rufen dem Ballettfreund eine Flut von Tanzbildern vors innere Auge, lassen den Shakespearekundigen wie den bloßen Musikfreund den Geist des Geschehens nachempfinden - ein Drama zwischen jugendlicher Lebenslust und althergebrachten Feindschaften, zwischen Liebe und Tod.

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