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    WiesbadenWiesbadener Kohlegegner will an die Grünen-Spitze

    Strickjacke überm grünen Kapuzenpulli, verbeulte Jeans und lange Haare ohne erkennbaren Schnitt: Nico Hybbeneth sieht aus wie ein klassischer Grüner. Obwohl er erst seit fünf Jahren dort Mitglied ist und aktiv wurde. Aus Verärgerung über die Bildungspolitik mit den vielen Kürzungen des damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch, wie der 22-Jährige sagt. Nun nimmt er die von der Öko-Partei stets propagierte Basisdemokratie ernst und es mit niemand geringerem als den Parteipromis auf: Der Student aus Wiesbaden will Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl werden und fordert damit politische Schwergewichte wie die Bundestagsfraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin (58) und Renate Künast (56) sowie Parteichefin Claudia Roth (57) heraus.

    Nimmt Basisdemokratie beim Wort und will's wissen: Nachwuchs-Grüner Nico Hybbeneth. 
Foto: Rolf Oeser
    Nimmt Basisdemokratie beim Wort und will's wissen: Nachwuchs-Grüner Nico Hybbeneth.
    Foto: Rolf Oeser - Michael Schick

    Ist er größenwahnsinnig? Geil auf Publicity? Oder plemplem? Auf den eher schmächtigen Nico Hybbeneth trifft nichts davon zu. "Ich bin Überzeugungstäter", sagt der Student keck. Er findet die Grünen spießig und veraltet, Jüngere müssten her. Als die Partei überraschend beschloss, das Spitzenkandidaten-Duo per Urwahl von den rund 59 000 Mitgliedern bestimmen zu lassen, da juckte es ihn. Und so stänkert der Newcomer gegen das "Establishment" seiner Partei, was in den Medien natürlich prima ankommt.

    Chancen verschwindend gering

    Seine Chancen schätzt Nico Hybbeneth aus dem Kreisverband Wiesbaden selbst realistisch als verschwindend gering ein. "Aber wer nicht kämpft, hat schon verloren", sagt er. Als aktives Mitglied, das auch schon in der Grünen Jugend als Sprecher engagiert war und gegen den Bau des geplanten Kohlekraftwerks auf der Ingelheimer Aue nicht nur demonstriert, sondern auch bei Kundgebungen gesprochen hat, reiche es ihm eben nicht, "nur das aktive Wahlrecht auszuüben". "Abstimmen und absegnen ist mir zu wenig."

    Also nutzte er die Gelegenheit der "echten Basisdemokratie". Denn den Grünen "fehlen junge Gesichter". Angesichts der Ü-50er Trittin, Künast und Roth sei ein Generationenwechsel nötig. Mit seinen 22 Jahren ist Nico Hybbeneth nun der Jüngste der 15 Spitzenkandidaten-Kandidaten.

    Und nun tingelt Hybbeneth durch die Landesverbände, um sich vorzustellen. Angst, sich im Vergleich mit den rhetorisch gewandten alten Hasen zu blamieren, hat er kaum. "Angst hatte ich nur vor Verrissen, die ein späterer Arbeitgeber beim Googeln meines Namens finden würde", lächelt der Wiesbadener, der im dritten Semester Politik und Sozialwissenschaften in Marburg studiert. Das Reden falle ihm jedenfalls leichter als das Schreiben. Vielleicht dank der Theaterprojekte an der Helene-Lange-Schule, die er - vor seinem Abitur an der Martin-Niemöller-Schule - besucht hatte.

    Die Medien von der taz bis zur FAZ beurteilten seine Auftritte dann aber als erfrischend und mutig. Weil er die grünen Panther nicht wie heilige Kühe behandelt. Sondern Trittin und Co. vorhält, in der rot-grünen Bundesregierung Hartz IV und der Senkung des Spitzensteuersatzes zugestimmt zu haben und jetzt aber dagegen zu wettern. Damit könnten sie im Wahlkampf nicht glaubwürdig als Umverteiler auftreten.

    Nico Hybbeneth dagegen schon. Schließlich hat er ja auch noch keine Kompromisse schließen müssen. Also fordert er das bedingungslose Grundeinkommen, eine Vermögensteuer und die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems. Ist alles nichts Neues, das weiß er selbst.

    Sympathisch macht den Studenten vor allem seine Empathie für benachteiligte Menschen. Der vermeintliche Nachteil, den Politiker-Sprech noch nicht zu beherrschen, ist sein größter Vorteil. Er wirkt nämlich echt. Zum Beispiel seine Empörung darüber, dass Frankfurter Kirchengemeinden Essenspakete nach Athen schicken müssen. Die Bundesregierung müsse "noch viel mehr Geld nach Griechenland schicken", meint Nico Hybbeneth.

    Über ihn selbst haben seine Eltern einen Rettungsschirm aufgespannt. Ein Luxusleben ermögliche ihm das zwar nicht, lacht er, aber fürs Studium muss er immerhin nicht jobben. Also hat er Zeit für die Kandidatenkandidatur. Dank der Semesterferien konnte er bei den Kandidatenvorstellungen in Frankfurt, Berlin und Bochum sein. Nun stehen für den Studenten noch Fahrten nach Ludwigshafen und Gelsenkirchen an. Alle Termine kann er nicht wahrnehmen. "Das Semester ist am Montag wieder gestartet."

    Über sein Privatleben gibt der 22-Jährige nicht viel preis. Gerne geht er in den Schlachthof, Kulturpalast, ins Café Klatsch. Nach Wiesbaden kommt er oft, vor allem, weil seine Freundin, die in Mainz studiert, hier wohnt. Und nach dem Abi war er auf Weltreise: 13 Länder in 13 Monaten hat er mit Rucksack und Freundin besucht. Und immer wieder für Kost und Logis gearbeitet.

    Und was, wenn's nicht klappt mit der Kandidatur? Bemüht er sich um einen Listenplatz bei den Landtagswahlen, oder will er ins Stadtparlament? "Weiß ich noch nicht", sagt er, "ich studiere ja noch". Gaby Buschlinger

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