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    MainzMal droht der Alb, mal kichert der Schalk: Poesie als Erlebnis

    Draußen dämmert es, das Experiment kann beginnen. In der Fachhochschul-Dependance an der Holzhofstraße öffnet das "LyrikLabor" seine Pforten.

    Studenten der Fachhochschule und der Uni gemeinsam an der Arbeit: Ihr Projekt macht Poesie sicht- und hörbar, schmeck- und spürbar.
    Studenten der Fachhochschule und der Uni gemeinsam an der Arbeit: Ihr Projekt macht Poesie sicht- und hörbar, schmeck- und spürbar.

    Mainz - Menschen in weißen Kitteln hasten hin und her, den Mundschutz lässig um den Hals gehängt. Aus einem Lautsprecher schallen Durchsagen wie im Krankenhaus. Die Probanden sitzen wartend auf ihren Stühlen. Draußen dämmert es, das Experiment kann beginnen.

    In der Fachhochschul-Dependance an der Holzhofstraße öffnet das "LyrikLabor" seine Pforten. Studenten der Germanistik und der Innenarchitektur machen erstmals gemeinsame Sache. Poesie soll in dieser Nacht mehr sein als nur ein paar Zeilen auf Papier. Es geht darum, sie zu schmecken, zu sehen, zu fühlen, zu erspüren. Möglich gemacht hat dies das Projekt "Stadt der Wissenschaft". Es brachte die Initiatorinnen, FH-Gastprofessorin Susanne Maier-Staufen und Kerstin Rüther vom Deutschen Institut, zusammen.

    In Zehnergruppen führen Laboranten ihre Versuchskaninchen zu den Installationen, die im gesamten Haus versteckt sind. Von elf Gedichten haben sich die Studenten inspirieren lassen.

    Professor Falk Ruckes leitet die Gruppe "Heisenberg". Er wirkt gehetzt, denn er fürchtet, dass Probanden verloren gehen, dass Kollegen sie für "inhumane Lyrikexperimente" abzweigen könnten. Eine solche Kollegin huscht gerade vorbei. "Geht es Ihnen gut?", fragt sie. "Sind Sie darauf eingestellt, dass es einiges an Turbulenzen geben kann? Sollten Sie auch."

    Im Glaswürfel kauert ein Mann. Auf seiner nackten Haut sind Worte zu lesen. Er starrt ins Dunkel, wo die zehn Lauschenden stehen. Aus dem Off erklingen die Verse von Georg Trakls "De profundis": "Bei der Heimkehr / Fanden die Hirten den süßen Leib / Verwest im Dornenbusch." Saskia Jung, Anna Roscher und Vanessa Genzmer haben eine verstörende Szene erdacht. Sie passt gut zur Lyrik des Expressionisten, der sich früh das Leben nahm. Professor Ruckes mahnt zwischendurch zur Eile. Sein Regiment ist streng: "Kein Klatschen, Ruhe!"

    Im Barock besang Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau die "Vergänglichkeit der Schönheit". Lena Gepperts und Johanna Jungs Interpretation zeigt Schaufensterpuppen. Die erste ist noch halbwegs intakt, allerdings gähnt ein Loch in ihrer Brust. Ein Plastikherz ist zu sehen. Ihre Schwestern sind nur dürftig mit Klebeband repariert. Da fehlt ein Bein, dort ein Arm. "Es wird der bleiche Tod / mit seiner kalten Hand ..."

    Nicht alle Installationen kommen so gruselig daher. Ein Zelt mit Kissen lädt zum Verweilen, ein Mosaikfenster beeindruckt, und zur Pause wartet ein Buffet, angelehnt an Kurt Schwitters' "An Anna Blume": Lebkuchenherzen und Blüten aus Obst oder Gemüse locken. Die Nacht rauscht vorbei wie ein bunter Traum. Mal droht der Alb, dann wieder kichert der Schalk. Den Studenten ist etwas Großartiges gelungen, ihr "LyrikLabor" bezirzt alle Sinne. Falk Ruckes und seine Kollegen, natürlich ebenfalls Studenten, leiten herrlich schräg durch das wilde Panoptikum.

    Für 200 Gäste war Platz in dieser Nacht im Labor. Es gibt eine gute Nachricht für alle, die sie verpasst haben: Das Projekt wird Bestand haben: Gelder sind bewilligt, die Reise geht weiter.  Gerd Blase

    "LyrikLabor" - So wirken Gedichte auf alle Sinne
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