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    MainzLetzte Trinkhalle sucht einen Pächter

    Gisela Mann öffnet die Tür zu ihrer Trinkhalle, und es sieht noch genauso aus wie vor vier Monaten, als sie diese Tür das letzte Mal hinter sich abschloss. Ein paar unverkaufte Bier- und Schnapsflaschen stehen in den Regalen, auf einem Tisch liegt eine Zeitung vom 11. Oktober 2010. Seitdem steht die Trinkhalle leer, doch möglicherweise wird dort bald wieder Leben einkehren.

    Gisela Mann sucht einen Nachfolger für ihre Trinkhalle. Stammkunden gibt's genug. 
Foto: Moritz Meyer
    Gisela Mann sucht einen Nachfolger für ihre Trinkhalle. Stammkunden gibt's genug.
    Foto: Moritz Meyer

    Mainz - Gisela Mann öffnet die Tür zu ihrer Trinkhalle, und es sieht noch genauso aus wie vor vier Monaten, als sie diese Tür das letzte Mal hinter sich abschloss. Ein paar unverkaufte Bier- und Schnapsflaschen stehen in den Regalen, auf einem Tisch liegt eine Zeitung vom 11. Oktober 2010. Seitdem steht die Trinkhalle leer, doch möglicherweise wird dort bald wieder Leben einkehren.

    Karsten Lange, Vorsitzender der Neustadt-CDU, startete vor einigen Tagen den Aufruf, Ideen für die Weiterführung der Trinkhalle zu sammeln. Immerhin hätten Trinkhallen dieser Art auch eine gewisse Historie, dienten sie doch vor Jahrzehnten der Wasserversorgung der Bevölkerung. Die Trinkhalle an der Straßenbahnhaltestelle Lessingstraße, dort wo Boppstraße und Kaiser-Wilhelm-Ring aufeinander treffen, ist die letzte dieser Art in der Neustadt.

    Inzwischen haben sich bei Lange die ersten Interessenten gemeldet. Der CDU-Mann hat die Anfragen an Gisela Mann weitergeleitet. Das Grundstück gehört zwar der Stadt, aber noch immer sie ist die Besitzerin des Gebäudes, nachdem ihr Ehemann im März des vorigen Jahres verstorben war. Er hatte die Trinkhalle seit Beginn der 80er-, Jahre geführt, dazu eine weitere an der Goethestraße, die sie bereits 2007 schließen mussten. Doch an der Lessingstraße soll es weitergehen. "Die sichert dir mal deine Existenz", hatte Walter Mann zu seiner Frau gesagt. Sie versprach ihm, weiterzumachen.

    Halbes Jahr geschlossen

    Während der Krankheit ihres Mannes blieb die Trinkhalle von Oktober 2009 bis März 2010 geschlossen. Der Verdienstausfall drückt ganz schön, aber Gisela Mann denkt nicht ans Aufgeben. Zu schaffen macht ihr die starke Konkurrenz. In den letzten Jahren haben nicht nur weitere Kioske in der näheren Umgebung aufgemacht. Es kommen Dönerbuden und Internetcafés dazu. Den Kiosken und Internetcafés ist es zwar nicht erlaubt, Alkohol an Sonntagen zu verkaufen, doch sie tun es trotzdem. Gisela Mann hält sich an das Verbot und ist sich sicher, dadurch immer mehr Kunden zu verlieren. Schon ihr Mann hatte sich beim Ordnungsamt über den wilden Verkauf von Alkohol am Sonntag beschwert. Jürgen Franz, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Mainz, erinnert sich an die Beschwerden. "Vor zwei bis drei Jahren war das in der Tat ein großes Problem. Wir haben die Leute damals gezielt angesprochen und es damit gut in den Griff gekriegt", sagt er. Seither führe das Ordnungsamt stichprobenartige Kontrollen durch. Franz sagt aber auch: "Wir müssen die Verkäufer dabei ertappen, wie sie das Bier über den Tresen reichen. Der Einzelfall lässt sich nicht verhindern."

    Gisela Mann fühlt sich benachteiligt, beschwert sich immer häufiger beim Ordnungsamt, ist wütend auf die Sheriffs, die ihrer Meinung nach nicht genug kontrollieren.

    Das Aus folgte im Herbst

    Im Mai wird bei ihr eingebrochen. Der Verlust reißt ein tiefes Loch in die Bilanz. Gisela Mann verkauft ihren Schmuck, um den Verlust auszugleichen. Im Sommer streicht sie die Trinkhalle komplett neu, lässt die Rollläden reinigen. Noch heute sieht das Büdchen aus wie neu. Obwohl es für Graffitisprayer eigentlich ein gefundenes Fressen sein müsste, ist noch nicht mal eine Filzstift-Schmiererei auf ihm zu finden. Mehr Kunden bringt der neue Anstrich allerdings nicht.

    Im September 2010 schwindet Gisela Manns Durchhaltevermögen. Ihren Stammkunden ist sie dankbar, dass sie ihr noch einmal Mut zusprechen, doch sie kann nicht mehr. Eines Abends lässt sie die Zeitung vom Tag einfach liegen, schiebt die restlichen Bier- und Schnapsflaschen notdürftig zusammen, lässt die Rollläden hinunter und schließt die Tür hinter sich zu. Sie zieht zu ihrer Mutter zurück und wird in den nächsten Monaten von Hartz IV leben. Immer wieder denkt sie an ihre Trinkhalle zurück und das Versprechen, das sie ihrem Mann gegeben hat. Doch sie findet nicht die Kraft, wieder anzufangen. Das wird sie nun jemand anderem überlassen. Wem sie das Geschäft verkaufen wird, will sie nach gemeinsamen Gesprächen mit den Interessenten entscheiden. Dann wird sie noch ein letztes Mal die Tür zur Trinkhalle aufschließen, ihre letzten, dort verbliebenen Habseligkeiten mitnehmen - und dann vielleicht die Tür zu einem neuen Leben aufstoßen. Moritz Meyer

    Eure Vorschläge für die TrinkhalleWas soll aus der Trinkhalle am Lessingplatz werden?
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