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  • Wie kann das Internet die Welt verbessern?

    Die Frage in der Überschrift ist natürlich ungerecht – wieso setzt man ein junges Medium so sehr unter Druck? Der erste echte Browser, also das Programm, mit dem man durch das Netz surft, wurde erst 1994 vorgestellt. Sollte man nicht wenigstens bis zur Volljährigkeit des Internet abwarten? Auf der anderen Seite sind Jugendliche mit sechzehn Jahren oft ernstzunehmende Gesprächspartner, über das "Wahlrecht ab 16" wird sogar diskutiert. Das spätpubertäre Internet sollte diesem Alter also ein wenig Verantwortung übernehmen können.

    Chefredakteur (41day) Sascha Lobo kommentiert. Foto: Jens Weber
    Chefredakteur (41day) Sascha Lobo kommentiert.
    Foto: Jens Weber

    Es kommentiert RZ-Chefredakteur (für einen Tag) Sascha Lobo

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    Die Frage in der Überschrift ist natürlich ungerecht – wieso setzt man ein junges Medium so sehr unter Druck? Der erste echte Browser, also das Programm, mit dem man durch das Netz surft, wurde erst 1994 vorgestellt. Sollte man nicht wenigstens bis zur Volljährigkeit des Internet abwarten? Auf der anderen Seite sind Jugendliche mit sechzehn Jahren oft ernstzunehmende Gesprächspartner, über das "Wahlrecht ab 16" wird sogar diskutiert. Das spätpubertäre Internet sollte diesem Alter also ein wenig Verantwortung übernehmen können.

    Und genau das passiert schon überall dort, wo Menschen mit guten Ideen und technischem Sachverstand Webseiten geschaffen haben, die die Welt verbessern. Eines der Vorzeigebeispiele ist charitywater.org, eine Hilfsorganisation, die Menschen in der Dritten Welt mit sauberem Wasser versorgt. Scott Harrison wünschte sich zum Geburtstag statt Geschenken eine Spende für die Wasserversorgung in Afrika – aus diesem simplen Vorschlag entstand eine Plattform, die heute mehr als 800.000 Personen den Zugang zu Trinkwasser ermöglicht. Charitywater.org kommuniziert fast ausschließlich über das Netz, vor allem über soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube und Twitter. Wenn Harrison seine Geschichte erzählt – was er gern tut und vielfach im Netz dokumentiert – dann merkt man ihm seinen früheren Beruf an. Er war Club-Promotor in New York, sein Job bestand daraus, möglichst reiche und schöne Menschen auf Parties zu locken. Es ist kein Zufall, dass sich viele erfolgreiche Weltverbesserungsprojekte im Netz "cool" anfühlen sollen. Herkömmliche Hilfsorganisationen setzen eher auf Mitleid, unterstützt durch Fotos von Kindern mit großen Augen. Im Internet wird diese Motivation durch soziale Effekte ergänzt oder ersetzt: meine Freunde spenden, also tue ich es auch. Da ist es kein Hindernis, wenn helfen gleichzeitig cool ist. Im deutschsprachigen Internet führen das mustergültig betterplace.org und helpedia.de vor. Dort kann jeder ein eigenes Hilfsprojekt einstellen – was immer es auch sei. Von der klassischen Katastrophenhilfe über die Rettung eines kleinen Blumenladens bis zur finanziellen Unterstützung einer Reise für jemanden, der sich das allein nicht leisten kann; die Spendenabwicklung wird von den Betreibern übernommen. Wenn man dort etwas stöbert, ist man gleichzeitig berührt und positiv überrascht, wofür sich Menschen engagieren und begeistern lassen – wenn sie dank Internet die Möglichkeit dazu bekommen.

    Spenden sind aber nur der Anfang der Weltverbesserung und dazu ein recht klassischer Weg. Interessant wird es dort, wo das Internet seine Vernetzungsfähigkeiten ausspielt. Die Plattform Fixmystreet.com aus Großbritannien verbessert mit einer simplen, aber wirkungsvollen Idee die unmittelbare Umgebung der Bürger. Jeder kann dort Probleme in seinem Bezirk melden und mit Fotos dokumentieren – Schlaglöcher in der Straße, kaputte Laternen, angezündete Mülleimer. Die Betreiber der Seite, die von einer Stiftung finanziert wird, kennen alle relevanten Ansprechpartner in der Verwaltung und leiten die Meldungen an sie weiter. Sie fragen später aber auch nach und dokumentieren, ob die Probleme schon gelöst wurden. Und genau darüber führen sie im Netz Buch, aufgeteilt nach Bezirken. So wird ganz transparent, wie schnell und effizient die Administration arbeitet. Völlig abgesehen davon, dass durch die Vielzahl der Bürger solche Defekte wesentlich schneller bemerkt und so auch behoben werden können. Die Frage, wie eine ältere, alleinstehende Dame vom Internet profitiert, lässt sich so ausgesprochen plakativ beantworten: die Laterne vor ihrer Haustür wird schneller repariert.

    Einen ganz besonderen Ansatz, mit dem Netz für eine bessere Welt zu kämpfen, hat ushahidi.com entwickelt. Es handelt sich um eine Art Facebook für Krisengebiete. Was sich anhört wie eine Spielerei, birgt das Potenzial, unsere Wahrnehmung von Krisen und Kriegen dramatisch zu verändern. "Ushahidi" bedeutet Augenzeuge in der afrikanischen Sprache Kiswahili und so werden mit dieser Software Augenzeugenberichte in Katastrophengebieten gesammelt: SMS, Handyfotos und -filme, Twitterbotschaften, Texte. So ergibt sich ein völlig anderes Bild eines Konflikts, als die Inszenierung, die heute wie selbstverständlich von allen Kriegsparteien gegenüber der Presse vorgeführt wird. Hunderte Augenzeugenberichte sind kaum zu kontrollieren, nur schwer zu fälschen und gar nicht logisch zu orchestrieren. Ushahidi bringt die Öffentlichkeit mit dieser Bündelung der Informationen aus vielen Quellen damit näher an die Wahrheit heran. Und dass die Wahrheit die Welt verbessert, wenn sie ans Licht gezerrt wird – das ist eine der Grundannahmen des Journalismus. Der Glaube an die weltverbessernde Wirkung der wahrhaftigen Information ist auch die Motivation, weshalb Reporter in Krisengebiete fahren und dort ihr Leben riskieren. Sie möchten der Welt zeigen, dass man dankbar sein muss, Trinkwasser zu haben, funktionierende Laternen und zu Hause mit dem Laptop ins Internet gehen zu können. Und dass man sich genau deshalb nicht nur witzige Youtube-Clips ansehen sollte, sondern auch die selbst die Welt verbessern. Obwohl das Internet mit 16 noch in Pubertät ist, kostet nicht viel mehr als ein paar Klicks.

     

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