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  • Neuerscheinung Nora Bossong hat zwölf Monate lang kommerzialisierte Sexualität untersucht - und ist desillusioniert

    Das Rotlicht kennt keine Lust für Frauen: Nora Bossong gibt Einblick in Tiefenrecherche

    Koblenz. Partnertausch, Sexkino, Laufhaus ... Diesen Abend werden die Besucher im ehemaligen Koblenzer Luxor-Kino so bald nicht vergessen. Ein idealer Ort für Nora Bossong und ihr Buch „Rotlicht“.

    Nora Bossong
    Nora Bossong
    Foto: picture alliance

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Einen besseren Ort für diese Lesung hätte es kaum geben können: Das Luxor, nach dem Zweiten Weltkrieg als kreuzbraves Filmtheater entstanden, hatte sein Geld vor der Schließung zuletzt als Pornokino verdient. Ob in diesen Schmuddeljahren das Publikum, das jetzt zur Lesung beim Literaturfestival „Ganz Ohr“ strömte, je den Fuß ins Luxor gesetzt hätte? Wohl eher nicht, denn wie stets bei Lesungen sind die Zuhörerinnen in der Überzahl. Und genau für sie und aus ihrer Sicht heraus hatte Nora Bossong ihr „Rotlicht“-Buch eigentlich auch konzipiert. 

    Denn die Frage zu Beginn ihrer einjährigen Recherche an Orten, die zumeist einer männlichen Kundschaft vorbehalten sind, lautete: Warum will das Milieu die Wollust immer nur an den Mann bringen, nicht aber an die Frau? Auch ein Treffen mit einem männlichen Escort, der sich Frauen anbietet, war geplant – doch rasch rückten die Mechanismen der Unterdrückung in den Fokus, die das Geschäft dominieren.

    Literarische Bestandsaufnahme

    Herausgekommen ist aber keine Streitschrift, sondern etwas Eigenes: eine literarische Bestandaufnahme käuflicher Erotik. Und die hat mit Klischees, die die Unterhaltungsindustrie für Rotlichtmilieu bereithält – ob „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich, „Pretty Woman“ mit Julia Roberts oder „Belle de Jour“ mit Catherine Deneuve – nichts zu tun. Sie sind, davon ist Bossong nach ihrem Recherchemarathon überzeugt, Abbilder männlicher Fantasien.

    Die selbstbewusste Hure, die aus Spaß am Sex vollkommen selbstbestimmt ihrer Arbeit nachgeht – solch eine Frau hat Bossong nur einmal in dem ganzen Jahr angetroffen und diese Begegnung gleich in ihrem Nachwort zu ihrem Buch verewigt. Denn insgesamt sieht Bossong das Thema Prostitution heute weit kritischer als früher: „Ich dachte immer, es ist doch gut, alles zu legalisieren, dann hat man als Staat vielleicht noch die Kontrolle.“ Doch diese Idee relativierte sich: „Offenbar entsteht bei vielen Freiern das Gefühl, wenn Prostitution erst völlig legal ist, ist auch alles, was sie machen möchten, damit legitimiert.“

    Mit diesem Anspruchsdenken männlicher Konsumenten war sie mehrfach konfrontiert, etwa in einem Tabledance-Klub im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo ein Mann für eine läppisches Trinkgeld gegen alle Regeln des Etablissements eine Tänzerin befummeln wollte – und diese Anspruchshaltung Bossong gegenüber auch noch als sein gutes Recht verteidigte. Oder auch in einem Laufhaus, wo Frauen Zimmer mieten und dann auf Freier warten: Hier hörte Bossong Gespräche auf dem Gang mit, in denen Männer versuchten, den Preis für die Liebesdienste herunterzuhandeln. „Mit dem Preis sinkt auch der Respekt“, ist die Schriftstellerin seitdem überzeugt. In den blitzsauberen Fluren dieser Bordelle hat sie eine „Discounter-Mentalität“ der Kunden ausgemacht, die für immer weniger Geld immer mehr verlangen – und erhalten. Denn bei gleichbleibend hoher Nachfrage ist durch die Vielzahl etwa osteuropäischer Prostituierter der Markt ex- und das Preisgefüge implodiert.

    Abstieg in den Untergrund

    Auf ihre Erkundungstouren ist Bossong stets in männlicher Begleitung gegangen. Der Grund: „Es gab Orte, wo ich als einzelne Frau nicht hineingekommen wäre. Und auch Orte, wo ich vielleicht nicht wieder herausgekommen wäre.“ Wer das für eine dramatische Übertreibung hält, wird diese Einschätzung womöglich überdenken, wenn er die drastischste Schilderung dieses Lesungsabends hört: den Abstieg in ein im Keller gelegenes Sexkino. Wenn die dort wartenden Männer hinter Bossong und ihrem Begleiter hertreiben, versuchen, sie zum Mitmachen zu überreden zu sexuellen Handlungen, die mit unerschütterlicher Objektivität, großer Präzision und erzählerischer Gewalt niedergeschrieben sind: Da herrscht absolute Stille im Ex-Pornokino, das früher sicherlich schon Ähnliches erlebt hat.

    Gut, dass Bossong vor „Rotlicht“ schon die Romane „Gegend“ (2007) und „Webers Protokoll“ (2009) mit Erfolg veröffentlicht und für den Gedichtband „Sommer vor den Mauern“ 2012 den Peter-Huchel-Preis erhalten hat – man möchte dieser starken und sehr individuellen Autorin das Stigma der Sex-Autorin unbedingt ersparen. Was allerdings zu „Rotlicht“ noch fehlt: das Hörbuch zu dieser sehr besonderen literarischen Reportage. Denn mit der Stimme Nora Bossongs klingen die Erzählungen noch einmal eine Spur staunend distanzierter, überhöhter – und gänzlich frei von moralinsauren Werturteilen, die bei vielen Büchern zum Thema die Sicht ebenso trüben können wie die „Irma la Douce“-Folklore vermeintlicher Romantik im „ältesten Gewerbe der Welt“.

    • Nora Bossong: „Rotlicht“, Hanser Verlag, 240 Seiten, 20 Euro
     

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