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  • Triumphator in der Flüchtlingskrise: Uwe Junge ist zufrieden

    Mainz. Uwe Junge trinkt Wasser. Es ist spät geworden an diesem Sonntagabend im Mainzer Abgeordnetenhaus. Der AfD-Landeschef wartet seit geraumer Zeit darauf, dass sich die Spitzenkräfte der anderen Parteien zur neuerlichen Elefantenrunde in einem improvisierten Studio des ZDF einfinden.

    Uwe Junge (AfD)
    Das zweistellige Ergebnis der AfD hätte es ohne Asyldebatte nicht gegeben: Das unterstreichen Resultate aus Gemeinden.
    Foto: Roland Holschneider - dpa

    Von unserem Chefreporter Volker Boch

    Während Malu Dreyer, Julia Klöckner, Volker Wissing und Daniel Köbler nach und nach eintröpfeln, steht Junge seit rund einer Viertelstunde regungslos am Studiotisch und trinkt Wasser. Der große Triumphator des Wahltags zeigt keinerlei Mienenspiel, kein Lächeln, nichts. Junge steht wie ein durchtrainierter Fitnesscoach kerzengerade im Raum, alles an ihm wirkt korrekt. Der blaue Einreiher, die Manschettenknöpfe, der auf den Punkt gebundene Schlips mit Krawattennadel, die Frisur, der Schnurrbart – alles wirkt so preußisch wie der AfD-Mann selbst. Freude über den Durchmarsch in den Landtag, in die Büros dieses bis dato fremden Abgeordnetenhauses, ist nicht zu erkennen, nicht mal Genugtuung.

    Lediglich FDP-Chef Wissing, der im Interview direkt neben ihm steht, schüttelt dem Oberstleutnant die Hand. Dass die anderen Junge schneiden, wo es nur geht, scheint ihn nicht anzufechten. Am Ende verlässt der 58-Jährige den Politring nicht mit den Gesten eines Boxers, der einen großen Kampf gewonnen hat, es ist eher ein stiller Abgang. Nachdem die etablierten Politiker rasch entschwunden sind, spult Junge mit kühler Professionalität letzte Interviews ab, raucht im Kreise seiner Begleiter eine Zigarette und verlässt das Abgeordnetenhaus.

    AfD-Chef bezeichnet Partei als ideologiefrei

    Es bleibt von diesem Abend vor allem die Erklärung des AfD-Landeschefs haften, dass seine Partei ideologiefrei sei. Dass keine der anderen Parteien mit der AfD zusammenarbeiten will, steht bereits seit Tagen fest, es scheint Junge dementsprechend nicht im Geringsten zu stören, dass dies am Wahlabend immer wieder betont wird. „Wir werden klare Oppositionspolitik betreiben“, sagt er. „Wenn man über Sachthemen redet, werden die anderen Parteien merken, dass man mit uns inhaltlich reden kann.“ Er habe ein demokratisches Verständnis und sei gläubiger Christ, wenngleich er nicht in der Kirche sei. „Im Sinne der Bürger von Rheinland-Pfalz zusammenzuarbeiten, das ist unsere Aufgabe“, erklärt er. Es bleibt die Frage, was dieser Satz bedeutet.

    Geht es nach den Aussagen der anderen Parteien, ist mit der AfD kaum oder gar nicht zusammenzuarbeiten. Arbeitet die AfD künftig also nur im Sinne der Bürger, die für sie votiert haben? Und weshalb wurde die AfD gewählt? Fest steht, dass die Flüchtlingskrise die Partei extrem beflügelt hat.

    Uwe Junge (AfD)
    AdD-Landesvorsitzender Uwe Junge.
    Foto: Fredrik von Erichsen - dpa

    Während die AfD mit 10 Prozent in Junges Wohnort Mertloch im Kreis Mayen-Koblenz unter dem Landesergebnis von 12,6 Prozent liegt, finden sich Hochburgen, in denen die Partei deutlich mehr erreicht hat. Oft deutet sich dabei eine direkte Verbindung zur Flüchtlingsfrage an. So kommt die AfD in der Verbandsgemeinde Herdorf-Daaden im Kreis Altenkirchen auf 16,6 Prozent der Zweitstimmen, obwohl es hier keinen AfD-Direktkandidaten gibt. Eher dürfte dies mit der nahen Erstaufnahmeeinrichtung Stegskopf zu tun haben, die mehr als 1000 Flüchtlinge beherbergt. In fünf dieser VG-Gemeinden erreicht die AfD mehr als 17,5 Prozent, in Emmerzhausen wird mit 22 Prozent der lokale Spitzenwert registriert. Das unweit im Westerwaldkreis gelegene Dorf Lautzenbrücken meldet 21,6.

    Regionale Hochburgen der AfD

    Im Rhein-Hunsrück-Kreis erzielt die Partei in Büchenbeuren 21,4 Prozent und damit mehr als die CDU. Auch hier gibt es keinen Direktkandidaten, außer Plakaten ist von der AfD nicht viel zu sehen. Beobachter führen dies auf mehr als 150 Flüchtlinge im 1800-Seelen-Ort zurück, dessen Bewohner aus 49 Nationen stammen. In den Anrainerdörfern der inzwischen deutlich verkleinerten Flüchtlingsunterkunft auf dem Hahn kommt es ebenso zu hohen Stimmenanteilen – vor allem Aussiedler, heißt es, wehren sich gegen die Flüchtlinge.

    Gerade in der Pfalz erhält die AfD Stimmen, fast 13 000 allein in der SPD-Hochburg Ludwigshafen (19,9 Prozent). 18,5 Prozent in Frankenthal erschüttern nicht nur den hier lebenden CDU-Landesvize Christian Baldauf – auch hier gibt es mehrere Hundert Flüchtlinge. In der Stadt Germersheim kommt die AfD auf 25,0 Prozent, hier leben rund 300 Flüchtlinge. Matthias Joa zieht hier direkt für die AfD in den Landtag ein, seine politischen Schwerpunkte sind: „Einwanderung, Asyl, Wirtschaftspolitik, Innere Sicherheit“.

    Extrem sind die Resultate im Kreis Kusel. In der Stadt Kusel, in der im Herbst eine Unterkunft mit mehr als 600 Flüchtlingen eingerichtet wurde, gibt es 17,3 Prozent, im Umland deutlich mehr. Im 1000-Einwohner-Dorf Pfeffelbach sind es 30,3 Prozent, in Ehweiler (knapp 200 Einwohner) überholt die AfD mit 29,6 Prozent fast die CDU (30,6) als stärkste Partei. In der Stadt Pirmasens, in der aufgrund hohen Leerstands inzwischen Hunderte Flüchtlinge leben, kommt die AfD auf 16,2 Prozent.

    Im Kreis Bad Kreuznach zeigt sich in der SPD-Hochburg Hundsbach die AfD mit 18,6 Prozent als zweitstärkste Kraft, im kleinen Ort Horbach (VG Kirn-Land) kommt die Partei auf 26,7 Prozent.

    Es gibt auch Gegenbeispiele. In Ingelheim im Kreis Mainz-Bingen kommt die AfD ohne Direktkandidaten „nur“ auf 10,6 Prozent, obwohl es hier eine Erstaufnahmeeinrichtung gibt. Ebenso werden aus den Städten Trier (9,5) und Hermeskeil (12,7), die jeweils viele Flüchtlinge aufgenommen haben, keine Spitzenergebnisse gemeldet.

    Am Ende bleibt die Frage, wie konstruktiv Uwe Junge und seine AfD tatsächlich im Landtag mitarbeiten wollen. Die Wähler der AfD setzen wohl vor allem auf eine klare Ablehnung der aktuellen Flüchtlingspolitik. Das Klima im Landtag dürfte rauer werden. 

     

    Zur Person: AfD-Abgeordnete aus dem Norden des Landes

    Uwe Junge: Der 58-Jährige ist seit Juli 2015 AfD-Chef im Land. Er war 34 Jahre lang CDU-Mitglied und trat aus der Partei aus, da er Angela Merkels Kurs für falsch hält. 2011 war er in der Anti-Islam-Partei „Die Freiheit“. Er ist Oberstleutnant am Zentrum Operative Kommunikation in Mayen und war zweimal in Afghanistan. 

    Joachim Paul: Der 45-Jährige ist Berufsschullehrer in Neuwied und Uwe Junges zweiter Stellvertreter. Bis 2013 war in der FDP. Er wurde bekannt, da er seit seinem Studium an der Uni Bonn Mitglied der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks ist, die 2011 eine Art „Ariernachweis“ für Neumitglieder forderte. Paul distanzierte sich davon.

    Jan Bollinger: Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler (38) aus Neuwied trat 2013 in die AfD ein, weil er sich ärgerte, dass die Bürger in Politikfeldern wie der Europa- und der Einwanderungspolitik „keine echte Wahl“ hätten. Seit der Kommunalwahl 2014 sitzt er für die Partei in Stadtrat und Kreistag.

    Silvia Groß: Die Medizinerin (63) aus Dichtelbach ist seit 2013 in der AfD und Schatzmeisterin im Rhein-Hunsrück-Kreis. Zuvor stand sie der CDU nahe. Im Wahlkampf forderte sie unter anderem eine Schließung der deutschen Grenzen und den „Erhalt der christlich-abendländischen Kultur“.

    Jürgen Klein: Der 42-Jährige aus Waldböckelheim (Kreis Bad Kreuznach) trat 2013 im Zuge der Euro-Krise nach 22 Jahren aus der CDU aus und in die AfD ein. Seit 2014 sitzt er für sie im Kreistag. Politisch sieht der Betriebswirt und Abwassermeister sich als Konservativen, doch er fühlt sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten. Angela Merkels Politik lehnt er ab.

    Gabriele Bublies-Leifert: Die frühere Postbeamtin (49), die mit ihrem Mann im Hunsrückort Stipshausen eine Hundezucht betreibt, sitzt seit 2014 für die AfD im Kreistag Birkenfeld, ist zudem Vorsitzende des Kreisverbands. Mit inhaltlichen Aussagen ist sie bislang kaum in Erscheinung getreten. Die gebürtige Westfälin sieht Energie- und Sozialpolitik als ihre Steckenpferde an.  

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