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  • Ludwig Museum Koblenz: Die Ichs auf der Suche nach dem Wir

    Koblenz. Es ist schon ein bisschen ungewöhnlich und wie abgepasst für die Vorweihnachtszeit: Vier große, silbern glänzende, raumhohe Glocken hängen beziehungsweise stehen im Erdgeschoss des Ludwig Museums Koblenz, eine Installation der 1977 in Südkorea geborenen Künstlerin Seo. Die aber hat mit Weihnachten eher wenig im Sinn.

    Die Bilder Andy Denzlers fragmentieren die Realität – und verbinden auf individuelle Weise abstrakte Malerei und Figürliches.
    Die Bilder Andy Denzlers fragmentieren die Realität – und verbinden auf individuelle Weise abstrakte Malerei und Figürliches.
    Foto: Sauer-Kaulbach

    Von unserer Mitarbeiterin Lieselotte Sauer-Kaulbach

    Die Glocken sind für die Malerin und Installationskünstlerin ein Symbol, unter dem sich Ost und West, Asien und Europa unter einen Hut bringen lassen - unter umgekehrten Vorzeichen allerdings. Denn in ihrer Heimat, erklärt Seo, trete man von außen, aus der Wir-Gesellschaft, in den Tempel ein, um allein mit sich und seinen Gedanken zu sein. In Europa sei man draußen in der Ich-Gesellschaft allein und betrete eine Kirche, um dort im Gottesdienst das Wir-Gefühl zu erleben.

    Glocken führen zusammen

    Die Glocken aber rufen überall durch ihren Klang an einen Ort. Das habe sie selbst gespürt, erzählt sie, als sie bei einem Besuch in ihrer Heimat in die Natur gegangen und auf einen Berg gestiegen sei, um Ruhe zu finden. Und als sie dort oben den Klang einer Glocke hörte, sei sie regelrecht magisch angezogen, „das Gefühl in meinem Inneren“ (so auch der Titel ihrer Ausstellung) berührt worden. Genau das soll ihre Installation mit dem Betrachter tun, wenn der seinem Spiegelbild in der blitzblanken Oberfläche der in Südkorea aus Aluminium gegossenen Glocken begegnet.

    Die Beziehung zur Natur merkt man auch den aus Aluminiumplatten gelaserten Wandreliefs, den „Kalten Landschaften“ der Künstlerin an. Das erinnert an asiatische Scherenschnitte, gepaart mit technischer, durch die Nietenverbindungen der einzelnen Teile noch betonter Kühle und teilt mit den bekannten, aus winzigen Reispapierschnitzeln geschaffenen Bildern Seos die Fragmentierung, aus der ein neues Ganzes erwächst.

    Die Fragmentierung verklammert die Arbeiten Seos mit den in der ersten Museumsetage gezeigten Bildern ihres schweizerischen, gleichfalls von der Berliner Galerie Martin Schulze (die hat beim Zustandekommen der Ausstellung auch mitgewirkt) vertretenen eidgenössischen Malers Andy Denzler. Die „Distorted Moments“, die verzerrten Augenblicke des 1965 in Zürich geborenen Künstlers fragmentieren ihrerseits Realität, verleihen ihr etwas Morbides, Flüchtiges.

    Rakel (zer-)stört den Realismus

    Da fährt Denzler mit dem Rakel, mit dem Spachtel in seine Ölbilder hinein und (zer-)stört deren ansonsten beinahe fotografischen Realismus (tatsächlich dienen Fotografien als Vorlage). Für ihn sei das auch so etwas wie ein Versuch, abstrakte Malerei, von der er herkomme, und Figürliches zu verbinden. Man denkt an Gerhard Richter, an Neo Rauch oder Peter Doig, auch der Motive halber.

    Das sind meist jüngere Menschen, wie man sie auf jeder Straße treffen könnte, „Urban Figures“, so der Titel einer Denzler-Serie, typische Vertreter der von Seo apostrophierten Ich-Gesellschaft, die Köpfe gesenkt, selten mal ihr Gegenüber anschauend. Kontaktaufnahme findet nicht statt, selbst dann nicht, wenn Denzler wie in dem Bild „Wallpaper falling of the wall“, zu dem ihn das Interieur einer verfallenden Villa in Stresa inspirierte, zwei Personen ins Bild bringt. Dann beklemmt die Einsamkeit des modernen Ichs erst recht und liegt Caspar David Friedrich gar nicht mehr so fern.

    • Bis zum 18. Januar, dienstags bis samstags von 10.30 bis 17 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr (nicht am 24., 25. und 31. Dezember sowie an Neujahr)
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