40.000
  • Startseite
  • » Berliner Büro
  • » Kommentare aus Berlin
  • » Kommentar: Zschäpe - Plötzlich Rechtsterroristin
  • Aus unserem Archiv

    Kommentar: Zschäpe - Plötzlich Rechtsterroristin

    Es war einmal ein Mädchen, das hatte eine schwere Kindheit, geriet an die falschen Freunde und fand sich plötzlich unschuldig als mutmaßliche Rechtsterroristin vor Gericht wieder. Das ist die Geschichte, die Beate Zschäpe nicht nur dem Gericht, sondern auch den Hinterbliebenen der zehn Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vorgesetzt hat. 

    Johannes Bebermeier
    Johannes Bebermeier

    Ach ja, "aufrichtig" entschuldigt hat sich die Hauptangeklagte bei den Hinterbliebenen auch noch. Auf eine solche "Entschuldigung" hätten die wohl gut und gern verzichtet, wenn Zschäpe ihnen stattdessen zumindest ein paar Hinweise darauf gegeben hätte, warum ihre Lieben sterben mussten.

    Zschäpes Entschuldigung ist zynisch und wohlfeil, weil sie gleichzeitig jede Verantwortung für die Taten weit von sich weist. Sie will "weder an den Vorbereitungen noch an der Ausführung" der zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge beteiligt gewesen sein. Von den Taten will sie immer erst im Nachhinein erfahren haben. Immer wieder habe sie auch aussteigen wollen, sich letztlich aber nicht dazu durchringen können, auch weil Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mit Suizid gedroht hätten. Sagt sie. Ein umfassendes Geständnis Zschäpes war ohnehin nicht zu erwarten, niemand muss sich vor Gericht selbst belasten. Einen Gefallen getan hat sie sich mit dem jetzigen Versuch, sich durch die Aussage als ahnungsloses, ängstliches, machtloses Mädchen zu inszenieren, aber nicht.

    Diese Darstellung passt zum einen nicht zu dem, was man bisher über Zschäpe weiß, und ist deshalb wenig glaubwürdig. Im Prozessverlauf ist zuvor das Bild eines durchaus dominanten Charakters gezeichnet worden. Eine Einschätzung, die sich auch in ihren Machtproben vor Gericht widerspiegelt, ihren nervenzehrenden "Verteidiger, wechsle dich"-Spielchen.

    Zschäpe hat darüber hinaus mit ihrer Aussage ungewollt die Strategie ihrer ursprünglich einzigen Verteidiger Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm bestätigt, die es für keine gute Idee hielten, dass Zschäpe überhaupt aussagt. Denn sie hat den Richtern die Widersprüche in ihrer Argumentation frei Haus geliefert. Und Widersprüche können einem Angeklagten im Prozess schnell auf die Füße fallen. Zschäpe will völlig abhängig von Böhnhardt und Mundlos gewesen sein, über die Morde immerhin im Nachhinein Bescheid gewusst haben - aber niemals von weiteren Mordvorbereitungen auch nur etwas bemerkt haben?

    Böhnhardt und Mundlos seien ihre "Familie" gewesen, sie habe nach deren Tod auch das berühmte NSU-Bekennervideo verschickt - will den Film aber erst im Gericht gesehen haben und selbst natürlich kein Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds gewesen sein, der sich in dem Video zu den Taten bekennt? Das kann man glauben, muss man aber nicht.

    E-Mail: johannes.bebermeier@rhein-zeitung.net

    Kommentare aus Berlin
    Meistgelesene Artikel