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    Serie "Unsere Natur": Fallenstellen für den Artenschutz

    Die Artenvielfalt in Feld und Flur ist durch die fehlenden Rückzugsräume für die Tiere in Gefahr. Das Raubwild hat so leichtes Spiel und schadet der Vielfalt zusätzlich, sagen die Jäger. Deshalb gehen sie mit Fallen auf Fangjagd.

    Viele Felder, wenige Hecken: Damit sich die Tiere dort zurückziehen können und nicht gefressen werden, stellen Jäger Fallen auf, um das Raubwild zu bejagen. Eine hat Robert Ackermann in einem Betonrohr versteckt.
    Viele Felder, wenige Hecken: Damit sich die Tiere dort zurückziehen können und nicht gefressen werden, stellen Jäger Fallen auf, um das Raubwild zu bejagen. Eine hat Robert Ackermann in einem Betonrohr versteckt.
    Foto: Sascha Ditscher

    Vielleicht kann man sich das Ganze vorstellen wie bei Mäusen in der Vorratskammer. Damit die Mäuse nicht den ganzen Speck wegfressen, stellt man Mäusefallen auf. Klare Sache. Die Fallen, die Robert Ackermann und seine Kollegen in der Natur aufstellen, sind nur wesentlich größer und sehen anders aus. Und sie fangen keine Mäuse, sondern Raubwild, also Dachse, Marderhunde, Waschbären und Füchse. Und die fressen nicht den Speck weg, sondern Feldhamster, Rebhühner, Fasane, Lerchen, Kiebitze, Weihen und andere.

    Robert Ackermann holpert mit seinem dunkelgrünen Geländewagen einen unbefestigten Weg entlang. Egal, ob er links oder rechts aus dem Fenster schaut, er blickt auf endlose Stoppelfelder. Nur wenige schmale Wege schlängeln sich durch die Äcker, einige von ihnen führen zu Häusern. Die Grünstreifen, die die Landschaft durchziehen, lassen sich an zwei Händen abzählen. Auf einen steuert Ackermann zu, stellt seinen Wagen ab und steigt aus. Er muss nach seiner überdimensionalen Mausefalle sehen.

    Ackermann ist in seinem Revier, buchstäblich. Er ist Jäger, Revierjagdmeister um genau zu sein. Beim Landesjagdverband Rheinland-Pfalz leitet er die Beratungsstelle, die unter anderem die überwiegend ehrenamtlichen Jäger im Land unterstützt. Und er kümmert sich mit seinen Kollegen um das Lehrrevier des Verbands in Weinsheim im Kreis Bad Kreuznach.

    "So muss eine Feldholzinsel aussehen", sagt er, als er an dem bunten, undurchdringlichen Grünstreifen entlang geht. Feldholzinseln, so nennen Jäger diese kleinen Biotope aus Hecken, Büschen und Bäumen inmitten von Wiesen und Feldern. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Reviers, weil sie vielen Tierarten als Zuhause dienen. Genau deshalb sind sie aber auch beliebte "Vorratskammern" für das Raubwild, die Prädatoren in dieser Landschaft, die sich von anderen Tieren ernähren. Oder wie Ackermann es nennt: "Eine Feldholzinsel ist wie ein ständig voller Kühlschrank für den Fuchs." Weil Füchse Allesfresser und Nahrungsopportunisten sind - sie also das fressen, was sie am einfachsten bekommen können -, greifen sie dort zum Beispiel bei den Gelegen der verschiedenen Vögel, die am Boden brüten, kräftig zu.

    Na gut, könnte man nun sagen, Natur heißt eben auch immer: fressen und gefressen werden. Zum Problem wird das aber, davon sind Ackermann und seine Kollegen überzeugt, weil der Mensch die Natur zum Nachteil einiger Tierarten verändert hat. Unter anderem durch die intensive Landwirtschaft und den Straßenbau gibt es schlicht zu wenige Feldholzinseln, in denen sich Tiere zurückziehen und vermehren können. Deshalb werden die Prädatoren, die diese Grünstreifen als "Kühlschrank" nutzen, zur Gefahr für die Artenvielfalt in Feld und Flur, so das Argument. Und deshalb gebe es die Fangjagd, sagt Ackermann, die Jagd mit Fallen. "Fangjagd ist praktizierter Artenschutz."

    Ackermann schlägt sich ins Gebüsch. "Hier, ein Ameisenbau", sagt er und zeigt auf einen kniehohen Hügel, auf dem munterer Betrieb herrscht. "Zum Beispiel Fasane nutzen Ameisen als Nahrung." Und dann steht da ein paar Meter weiter eine etwa drei Meter lange und einen halben Meter breite Kiste, die sicherstellen soll, dass die Fasane hier nicht dauernd gerissen, also getötet werden: die Falle für die Prädatoren. Ein Zaun leitet die Tiere vorn und hinten direkt in die Öffnungen. "Das nennt man Zwangspass, sonst würde das Raubwild an der Falle vorbeischnüren." Der Weg in die Falle ist von Laub und Gestrüpp befreit, das haben die Tiere lieber. In der Mitte der Falle lockt ein Köder.

    Ackermann öffnet den Deckel der Kiste, und drei aneinandergereihte Betonrohre kommen zum Vorschein. "Das hier ist eine Wipprohrfalle, Modell Dose, nach dem Erfinder benannt." Das Raubwild läuft in die Falle, das mittlere Rohr wippt, wenn es betreten wird, und löst damit zwei Falltüren an den Öffnungen der Falle aus - das Tier ist gefangen. "Es kann sich nicht verletzen, weil es in der Mitte steht, wenn die Falltüren an den Seiten ausgelöst werden." Das schreibt das Jagdgesetz für solche Lebendfangfallen vor. Außerdem müssen die Tiere, nachdem die Falle ausgelöst hat, im Dunklen sitzen, damit sie sich beruhigen und nicht unnötigem Stress ausgesetzt sind. Ausschließlich dazu berechtigte Jäger dürfen die Fangjagd betreiben. "Mindestens einmal am Tag morgens muss der Jäger kontrollieren, ob er etwas gefangen hat", sagt Ackermann. Der ganz überwiegende Teil der Prädatoren ist nämlich nachtaktiv, deshalb können die Jäger sie ihrer Überzeugung nach auch nicht ausschließlich mit der Waffe bejagen. Ist ein Tier in der Falle, das der Jäger bejagen will, tötet er es zügig mit einem gezielten Schuss - auch das ist vorgeschrieben. Hat sich eine andere Art in die Falle verirrt, lässt er sie frei. Mit der Falle wird auch nur Raubwild gefangen, das Jagdzeit hat. "Wenn ein Elterntier Junge hat, dann geht es zum Beispiel natürlich gar nicht, es zu töten", sagt Ackermann. Zudem wird ihm zufolge immer erst nach einer Zählung der Tiere im Revier entschieden, was bejagt wird. "Wenn es nur wenige Prädatoren gibt, dann werden sie nicht bejagt."

    Sieben Fallen verschiedener Modelltypen haben Ackermann und seine Kollegen derzeit im 420 Hektar großen Lehrrevier Weinsheim, das der Landesjagdverband seit 2013 gepachtet hat, im Einsatz. Im Jahr 2014 haben sie 77 Prädatoren erlegt. "Wir schöpfen nur die Spitze des Eisbergs ab." Die erlegten Tiere verwerte man anschließend weiter, sagt Ackermann. Der Balg der Füchse, also das Fell, wird zum Beispiel als nachhaltig erwirtschafteter Pelz verkauft; der Sommerbalg, der dafür nicht geeignet ist, wird zur Ausbildung der Jagdhunde genutzt; und aus Dachshaaren werden Rasierpinsel. Doch wie wirkt sich die Fangjagd auf die Artenvielfalt aus? Ackermanns Kollege Christoph Hildebrandt, Akademischer Jagdwirt und Leiter der Landesjagdschule, hat das an einem anderen Ort in Rheinland-Pfalz untersucht, dem 972 Hektar großen Revier Osthofen-Nord. 2001 zählte er dort 327 Feldhasen, 180 Kaninchen, 30 Fasane und 42 Rebhühner. Dann stellte er zehn Fallen gegen die Prädatoren auf. Und 2007 waren es 683 Feldhasen, 600 Kaninchen, 325 Fasane und 189 Rebhühner.

    In einigen Bundesländern gibt es schon Artenschutzprojekte, bei denen Jäger mit anderen Naturschutzorganisationen bei der Fangjagd zusammenarbeiten. Auch der Nabu Rheinland-Pfalz sagt, dass die Fangjagd mit Lebendfangfallen unter bestimmten Voraussetzungen eine Option ist. "Die Regulierung im Sinne des Wildtiermanagements kann Sinn ergeben", sagt Geschäftsführer Olaf Strub. Er plädiert dafür, darüber in jedem Fall einzeln zu entscheiden. "Da muss man ganz genau gucken, ob es etwas bringt, wenn ich eingreife, und wie genau ich dann eingreife." Denn die Beziehungen zwischen Tieren seien sehr komplex. Außerdem könne es bei den Zählungen zu Fehlern kommen, denn Tiere hielten sich nicht an Reviergrenzen. "Langfristig muss man an der Ursache des Artenschwunds ansetzen, nämlich der Landnutzung und der ausgeräumten Landschaft."

    Da ist er sich mit Jäger Robert Ackermann einig. Dieser sitzt wieder in seinem dunkelgrünen Geländewagen, fährt an einem bunten Grünstreifen vorbei und sagt: "So etwas brauchen wir viel mehr."

    JOHANNES BEBERMEIER

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