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  • Tanzend wäre die Welt eine bessere

    Wiesbaden. "Spiegelungen" ist die neue dreiteilige Produktion der gemeinsamen Compagnie Wiesbaden/Darmstadt überschrieben. Und sie spiegelt auf vielfältige Weise im Lichte der Tanzkunst, was uns allen eigen ist: Bewegung, zuvorderst das Gehen von einem Ort zum anderen.

    Gegen die Strenge alltäglicher Konventionen: Tim Plegges Choreografie "Tabula rasa", Mittelteil des Ballettabends "Spiegelungen".  Foto: Regina Brocke
    Gegen die Strenge alltäglicher Konventionen: Tim Plegges Choreografie "Tabula rasa", Mittelteil des Ballettabends "Spiegelungen".
    Foto: Regina Brocke

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Das ist mutig. Tim Plegge, Chef des Hessischen Staatsballetts, stellt der Uraufführung seiner eigenen Choreografie "Tabula rasa" zwei schon bewährte Meisterwerke des modernen Balletts zur Seite. "Spiegelungen" ist die neue dreiteilige Produktion der gemeinsamen Compagnie Wiesbaden/Darmstadt überschrieben. Und sie spiegelt auf vielfältige Weise im Lichte der Tanzkunst, was uns allen eigen ist: Bewegung, zuvorderst das Gehen von einem Ort zum anderen.

    Der Abend der Wiesbadener Premiere beginnt mit der deutschen Erstaufführung des Tanzstückes "Infra" von Wayne McGregor, einem weltweit gefragten Multispartenkünstler und Hauschoreografen beim Royal Ballet London. Über ein Projektionsband oben am Bühnenhintergrund gehen, schreiten, flanieren, eilen aus Lichtpunkten zusammengesetzte Icons von Frauen, Männern, Arbeitern, Büromenschen. Passanten im Alltag, etwas unterschiedlich und doch sehr gleichförmig. Auf der leeren Bühne davor setzen zwölf Tänzer zu einer Geräusch-/Musik-Komposition von Max Richter der digitalisierten Gleichförmigkeit ein weites Spektrum tänzerischer Lebendigkeit entgegen. Mag sein, dass es sich um Sinnbilder für das verborgene, verschüttete Innere jener Passanten handelt.

    Weg von der Tristesse

    McGregors Choreografie verlangt von Solisten, Paaren und Gruppen höchste Güte und Präzision, verknüpft Tanz auf Spitze mit zeitgenössischen Techniken zu einer eigenen Art Modernität. Diese ergeht sich anfangs in langsamer, streng auf akkurateste Ausbildung einzelner Figuren abhebende Einsamkeits- oder Zuwendungsmelancholie. Beschleunigt nachher Zug um Zug hin zu beinahe hektisch variierenden Beziehungsgeflechten, um schlussendlich bei einem innigen Pas de Deux unter dem erloschenem Lichtband zu landen. Will wohl sagen: Wer sein Inneres lebt, befreit sich von der Tristesse.

    Es scheint fast, als wolle Plegge mit seinem "Tabula rasa" die Konsequenz aus "Infra" ziehen. Zur gleichnamigen Komposition von Arvo Pärt lässt er drei Frauen und drei Männer seiner hochkarätigen Compagnie quasi die zuvor erlebte Akkuratesse McGregors aufbrechen. Zugleich opponieren die sechs gegen die Konvention disziplinierter Strenge in der Welt, die im Bühnenbild von Thomas Mika ein haushohes, geometrisches Stahlgerüst symbolisiert. Davor, darunter, darin wird nun barfuß oder auf Socken getanzt, wird immer wieder wie zufällig gegen die Symmetrie- und Eleganznormen des Balletts verstoßen, wird die körperliche Ausdrucksweise offener, freier, natürlicher - aber auch beliebiger.

    "Tabula rasa" ist eine interessante, eine sehr ordentliche Arbeit. Sie reicht indes nicht ganz heran an die Stringenz und Reife von "Infra" sowie der abschließenden Choreografie "left right left right". Letztere hatte Alexander Eckmann 2012 fürs Nederlands Dans Theater kreiert, und sie war schon 2015 in Wiesbaden als deutsche Erstaufführung zu sehen. Eine Wiederaufnahme also, die jedoch ausgezeichnet in diesen Abend der Spiegelungen passt, weil sie sich in raumgreifenden Formationen auf humorig eigenwillige Weise mit Stehen, Gehen, Marschieren, Laufen befasst.

    Tanz auf dem Laufband

    Da erwächst aus höchster kollektiver Präzision eine frappierende Leichtigkeit von enormem Reiz. Da treiben zwei Dutzend Tanzakteure auf ebenso vielen Laufbändern dem Gleichschritt das Martialische aus und tanzen stattdessen verspielten Gemeinschaftsmarsch. Ein schmunzeln machendes Video dokumentiert zwischendurch, wie sie ihre Probenarbeit auch in die Innenstädte von Darmstadt und Wiesbaden getragen haben. Ein Tanz-Flashmob inmitten irritierter Passanten mit der Botschaft: Tanzend wäre die Welt eine bessere. Jubel im Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters.

    Termine und Tickets unter Tel. 0611/13 23 25

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