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  • Ein pralles "Hamlet"-Mosaik in Koblenz

    Koblenz. Die Schauspieleröffnung löst Shakespeares Handlungsabfolge auf und setzt auf hinzugefügte Texte.

    Die Fechtszene als Klammer: In der Koblenzer Neuproduktion darf jeder Darsteller mal Hamlet sein - ein echtes Puzzle. Gespielt wird dabei durchgängig mit Hingabe. Foto: Matthias Baus
    Die Fechtszene als Klammer: In der Koblenzer Neuproduktion darf jeder Darsteller mal Hamlet sein - ein echtes Puzzle. Gespielt wird dabei durchgängig mit Hingabe.
    Foto: Matthias Baus

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Eines sei vorangestellt: Der vom Theater Koblenz jetzt zur Premiere gebrachte "Hamlet" besteht im Kern zwar aus der Tragödie von William Shakespeare, ist aber doch etwas anderes. Die von Intendant Markus Dietze inszenierte, gut dreistündige Produktion hält sich nicht an die Chronologie des Originals von 1602, verteilt die Titelfigur auf viele Darsteller, fügt reichlich bei Shakespeare nicht vorgesehene Ingredienzien ein. Darf man so mit Klassikern umgehen? Die Kunst darf. Aber ist das auch sinnvoll? Kommt aufs Ergebnis an.

    Der Anfang nimmt das Ende vorweg: Etliche ins anzugähnliche Hamlet-Outfit (Kostüme: Astrid Noventa) gesteckte Protagonisten fechten mit Degen wild jeder gegen jeden; bis allesamt tot darnieder liegen. Darauf tritt Tatjana Hölbing, ebenfalls im Hamlet-Kostüm, an die Rampe, um den berühmten Monolog "Sein oder Nichtsein" zu rezitieren. Die Kammerschauspielerin übernimmt nachher in düsterer Strenge die Rolle des Neukönigs Claudius.

    Die Handlung in Kurzfassung

    Womöglich weil Dietze ahnte, dass Zuseher, denen die Story unbekannt ist, sie aus seinem Mosaikkonzept nicht verstehen könnten, greift er zu einem Kniff: Die Hälfte des zwölfköpfigen Ensembles tritt zu einer Hip-Hop-Nummer an, in der die Geschichte vom unglückseligen Prinzen Hamlet zusammengefasst wird, dessen Mutter Gertrud (Raphaela Crossey) den Brudermörder ihres ersten Gatten ehelicht. Wer akustisch versteht, wovon die Hip-Hopper sprechsingen, weiß Bescheid, als hätte er zuvor die Zusammenfassung im Lexikon überflogen.

    Ob solche Kenntnis der Rezeption dieser Inszenierung zuträglich ist oder ihr eher im Wege steht, dürfte Gegenstand vieler Nachgespräche sein. Denn was die Regie auseinandergenommen hat, versucht des Kenners Hirn fortwährend wieder zusammenzusetzen. Das gilt nicht nur für den gebrochenen Handlungsverlauf, sondern auch für das Rollenverständnis: Hatte Shakespeare innere Zerrissenheiten und ambivalente Entwicklungen einer Persönlichkeit im Blick, so verteilt Dietze diverse Persönlichkeitsaspekte auf mehrere Darsteller.

    Dass dabei auch Männer Frauen und Frauen Männer spielen, ist im Shakespeare'schen Theater ebenso normal wie die Nutzung unterschiedlichster Stile vom hohen Schauspielernst bis zum Volksklamauk. In Koblenz stoßen klassische Manier auf heutigen Prollgestus, sind Elemente der Commedia dell' arte und des Vaudeville mit allerhand Gesangseinlagen dabei, wird der Wohnzimmerzynismus eines Tennessee Williams hinzugezogen - und die Frage eingestreut, ob es sich bei "Hamlet" um Tragödie oder eher Komödie handle. So oder so: Der Abend auf der abstrakten, durch bewegliche Boden- und Hinterwandelemente strukturierten Bühne von Bodo Demelius bietet pralles Theater, auf jeder Positionen mit Hingabe gespielt.

    Auch ein Tänzer wird zu Hamlet

    Dass aber selbst Polonius (Marcel Hoffmann), der Totengräber (Christof Maria Kaiser), Horatio (Ian Mc Millan), die gespenstische Personifikation von Gertruds inneren Stimmen (Reinhard Riecke) und Tänzer Rory Stead für längere Passagen zu Hamlet werden und die übrigen zumindest für einige Momente, das ist etwas sehr Fremdes. Über den Erkenntniswert ließe sich im Einzelnen streiten. In toto bleibt die als kollektiver Appell ans Publikum gerichtete Botschaft, wonach wir alle einen Hamlet in uns haben und also auch dessen normative Dummheit. Doch braucht es für solche Einsicht das verspielte wie anstrengende Hamlet-Puzzle Dietzes? Oder findet sich das nicht sowieso in den Tiefen von Shakespeares Original?

    Noch ein eigener Blick auf die Ophelia-Figur. In der steckt bei Shakespeare zwar ein Universum fraulicher Tragik, das jedoch nur knapp ausgearbeitet ist. Magdalena Pircher gibt in Koblenz die Haupt-Ophelia, flankiert von älteren und alten Varianten (Jana Gwosdek, Marie Anne Fliegel), die das Problem der Stellung der Frau quasi auf alle Zeitalter übertragen. Pircher formt, über mehrere Szenen verteilt, peu à peu die naiv-mädchenhafte, die schüchterne, die fürsorgliche, die fordernd liebende, die verstoßene, die zu Tode verzweifelte, und hier nun auch mit einer wütenden Suada wider ewige Mannsherrschaft die aufbegehrende Frau. So wird das Ophelia-Puzzle zu einem hohen Wert für sich - innerhalb eines Hamlet-Puzzles, dessen Betrachtung man beenden kann mit Brecht: "Der Vorhang zu und alle Fragen offen."

    Termine und Tickets unter Tel. 0261/129 28 40

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