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    Nahles singt, Brüderle patzt: Rheinland-Pfälzer ernten Spott

    Berlin/Rheinland-Pfalz - Zwei rheinland-pfälzische Spitzenpolitiker führen in diesen Tagen eine eher fragwürde Hitliste an: Andrea Nahles (SPD) singt, und Rainer Brüderle (FDP) patzt.

    Andrea Nahles (SPD)
    Andrea Nahles (SPD)
    Foto: dpa

    Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

    Zwei rheinland-pfälzische Spitzenpolitiker führen in diesen Tagen eine eher fragwürde Hitliste an. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles singt bei ihrer Rede in der letzten Sitzung des Bundestages in dieser Legislaturperiode wenig melodiös einen Auszug aus Pippi Langstrumpf vor. Der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle vergaloppiert sich beim Tabuspielen in der ZDF-Show „Wie geht's, Deutschland?“. Beide Auftritte haben das Zeug, zu den Wahlkampf-Gags 2013 zu werden. Nahles' schräges Ständchen wurde bis Donnerstagabend mehr als 600 000-mal auf der Internetplattform YouTube geklickt. In Berlin unkt man, die Rheinland-Pfälzer in der Bundespolitik könnten endgültig die Abteilung Klamauk und Karneval für sich gepachtet haben.

    In den Wahlkampfzentralen bei FDP und SPD dürften die Auftritte geteilte Reaktionen hervorgerufen haben. So viel Aufmerksamkeit für Generalsekretärin Nahles aus der Eifel gibt es selten, und Aufmerksamkeit ist in Wahlkampfzeiten immer gut. Andererseits gibt es auch viel Spott und Häme. Nahles hatte die Zeile „Wir machen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt“, die Astrid Lindgrens rothaarige Romanfigur Pippi gern singt, inmitten ihrer Rede zur Lage der Nation im Bundestag angestimmt. Die vorherigen Beiträge der Kollegen der Regierungsfraktionen hätten sie „an das Gutenachtlied erinnert, das ich meiner Tochter in den letzten Wochen häufig gesungen habe“. Während sie singt, rudert Nahles mit den Armen, als wollte sie das Parlament zum Mitsingen ermuntern. Zuvor hatte sie Kabinettsmitglieder wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Verteidigungsminister Thomas de Maizière (beide CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) als „grobe Fehler“ auf „dieser Regierungsbank“ bezeichnet. „Die Gurkentruppe muss weg“, schlussfolgert sie, danach geht es mit dem Lied los.

    Nicht wenige finden den Auftritt zum „Fremdschämen“. Andere meinen, es sei „lustig“ und „entkrampfend“ im sonst so steifen Politikbetrieb. Der Inhalt der Rede, eigentlich eine Grundsatzkritik an der gesamten Leistung der Bundesregierung, spielt jedenfalls keine Rolle mehr. Nahles gilt in einer jedweden Koalition unter SPD-Beteiligung als gesetzt für ein Ministeramt. In ihrer Fraktion gibt es denn auch spontan Beifall für das unerwartete Ständchen.

    Rainer Brüderle (FDP)
    Rainer Brüderle (FDP)
    Foto: dpa

    Beobachter erinnern sich später, dass zuletzt am Tag des Mauerfalls am 9. November 1989, damals noch in Bonn, im Parlament frei und spontan gesungen wurde. Damals handelte es sich allerdings um die Nationalhymne. Im Parlament gelten bestimmte Verhaltensregeln, zum Beispiel darf man nicht Zeitung lesen oder essen. „Die Würde des Hauses muss natürlich immer gewahrt bleiben, aber mit Singen wird sie ja auch nicht beschädigt“, sagt eine Sprecherin der Bundestagsverwaltung. Grundsätzlich gelte: „Was der Präsident nicht bemängelt, ist in Ordnung.“ Wolfgang Thierse (SPD), der die Sitzung leitete, tadelt Nahles jedenfalls nicht. Sie selbst kommentiert die Einlage im Gespräch mit unserer Zeitung augenzwinkernd: „Ich wollte die unglaubliche Schönfärberei der Regierung aufs Korn nehmen. Hat geklappt. Aber keine Sorge: Eine Gesangskarriere strebe ich nicht an!“

    Kritische Zwischenrufe gibt es dafür schon während des Singens aus dem Lager der Regierungskoalition. Otto Fricke (FDP) kommentiert den Gesang mit der spitzen Bemerkung: „Kein Wunder, dass Steinbrück abgehauen ist!“ Und CSU-Mann Stefan Müller ruft in Anspielung auf Pippi Langstrumpf: „Wir sind nicht in der Villa Kunterbunt.“ FDP-Landeschef Volker Wissing twittert über den Gesang seiner Landsfrau: „Eher schräng als schön.“

    FDP-Spitzenmann Rainer Brüderle produziert allerdings noch am selben Abend selbst unfreiwillig einen Wahlkampfgag. Bei der Liveshow „Wie geht's, Deutschland?“ soll Brüderle Tabu mit dem Publikum spielen und das Wort „Wahlversprechen“ erklären. Der Pfälzer macht das mit den Worten: „Wenn man viel sagt, Erwartungen hat und nix rauskommt“. Als das Publikum jedoch spontan wie im Chor „FDP“ als Antwort ruft und damit für viel Gelächter sorgt, lächelt er ein wenig hilflos mit. So war das nicht gedacht. Der Scherz auf Kosten der Liberalen verbreitet sich im Netz rasant. Fast 100 000-mal wird die Szene bis Donnerstag angeklickt. Auch die FDP kann zwar Aufmerksamkeit vertragen. Im Sinne ihres Wahlkampfs um Glaubwürdigkeit dürfte den Wahlkampfstrategen jedoch eher das Lachen im Halse stecken geblieben sein.

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