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RZ-KOMMENTAR: Vertrauen der Ex-Heimkinder in den Rechtsstaat wird erschüttert

Es klingt nach einer honorigen Geste, die Anerkennung verdient: Das Land hilft ehemaligen Heimkindern mit knapp 3,3 Millionen Euro.

Christian Kunst
Christian Kunst
Foto: Jens Weber

Es klingt nach einer honorigen Geste, die Anerkennung verdient: Das Land hilft ehemaligen Heimkindern mit knapp 3,3 Millionen Euro.

2,3 Millionen Euro fließen in den nächsten fünf Jahren für Rentenansprüche oder Therapien. Weitere 975 000 Euro steckt das Land in eine Anlauf- und Beratungsstelle, um den Opfern Gehör zu verschaffen und ihr Leid systematischer als bisher geschehen aufarbeiten zu können.

Dem Land ist kein Vorwurf zu machen: Mit seiner jetzigen Entscheidung setzt Rheinland-Pfalz nur das um, was auf Bundesebene der runde Tisch Heimerziehung empfohlen hat – die Einrichtung eines 120 Millionen Euro umfassenden Wiedergutmachungsfonds, der zu je einem Drittel von Bund, Ländern und Kirchen finanziert wird. Und doch legt die jetzt bekannt gegebene Zahlung des Landes offen, um was es sich bei dieser Form der Wiedergutmachung handelt: um einen Skandal, bei dem die Opfer jahrelanger, oft von Kirche und Staat geduldeter Gewalt und Willkür erneut zutiefst gedemütigt werden.

Bis zu 800 000 Kinder und Jugendliche – schätzungsweise 40 000 in Rheinland-Pfalz – haben zwischen 1945 und 1975 in Heimen die Schattenseiten des deutschen Wirtschaftswunders kennengelernt. Sie wurden misshandelt, geschlagen, getreten, zu Zwangsarbeit genötigt und nicht selten auch noch sexuell missbraucht. Nun mag der eine oder andere denken, dass dies ja nur Einzelfälle waren.

Doch der runde Tisch Heimerziehung hat in seinem Ende 2010 vorgelegten Abschlussbericht eindrucksvoll belegen können, dass diese Misshandlungen das Resultat eines flächendeckenden Unrechtssystems waren. Von den Eltern, die ihre Kinder nicht selten in die Heime einweisen ließen, über die Jugendämter, die dies zuließen, und die Heimträger, vor allem die Kirchen, die unter ihrem Dach menschenverachtende Zustände zuließen, bis hin zu den Ländern, die ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkamen, wurden schwere Fehler gemacht.

Wenn Unrecht System hat, sollte es auch systematisch entschädigt werden, wie dies die Opferverbände seit Jahren verlangen. Sie fordern dies in Anlehnung an den Zwangsarbeiterfonds, mit dem deutsche Unternehmen für den Umgang mit Zwangsarbeitern in der NS-Zeit bezahlen. Es ist unverständlich, warum die ebenfalls schwer traumatisierten Heimkinder kein Recht auf eine solche Entschädigung haben sollen. Wiedergutmachungszahlungen sind nicht mehr als Almosen, die auf die heute 70 bis 80 Jahre alten Ex-Heimkinder wie Hohn wirken müssen. Eine solche Wiedergutmachung wird das Vertrauen der Opfer in den Rechtsstaat, das in ihrer Kindheit und Jugend ohnehin stark erschüttert wurde, weiter schwinden lassen. Eine aufgeklärte Demokratie sollte dies eigentlich unbedingt verhindern.

E-Mail: christian.kunst @rhein-zeitung.net