Gespräche mit Zeitzeugen
Stimmen, die an die Grausamkeit des Krieges erinnern
Gefühle, Gedanken und Geräusche sind nach 80 Jahren noch immer präsent: Zeitzeugen aus dem Kreis Bad Kreuznach blicken zurück au
Gefühle, Gedanken und Geräusche sind nach 80 Jahren noch immer präsent: Zeitzeugen aus dem Kreis Bad Kreuznach blicken zurück auf ihre Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Doch wie lange können wir ihnen noch zuhören? Als Protagonisten unserer Serie "Dem Ende entgegen – Das Kriegsende im Kreis" teilten unter anderem (von links) Erich Steinhauer (Hüffelsheim), Rosemarie Schitteck (Bad Kreuznach), Werner Barth (Becherbach bei Kirn), Rosemarie Schlink (Bad Kreuznach) und Rudolf Dröscher (Heimweiler) ihre Erinnerungen.
Hannah Klein, Montage: Svenja Wolf. Hannah Klein

Bombeneinschläge, Gefangenschaft, Todesangst: Zeitzeugen erinnern sich lebhaft an den Zweiten Weltkrieg zurück. Doch wie lange können wir ihnen noch zuhören? Für unsere Reporterin war es ein Privileg, all diese Erinnerungen aufschreiben zu dürfen.

Lesezeit 3 Minuten

Ein ohrenbetäubendes Zischen und Pfeifen an einem neblig-trüben Tag. Eine Bombe schlägt ein, zerstört das Amtsgebäude in der Ortsmitte. Dann die Stimme einer Frau, die ihm das Leben rettet. Staub. Überall nur noch Schutt und Asche.

In der heimischen Küche sitzt derselbe Mann, der den Bombeneinschlag auf seinen Heimatort, Becherbach bei Kirn, vor mehr als 80 Jahren überlebte. Seine Stimme ist ruhig. Manchmal kommt sie ins Beben. Werner Barth erzählt mir seine Geschichte. Die Geschichte darüber, wie er den Zweiten Weltkrieg erlebte – oder besser gesagt: überlebte. Es sind Erinnerungen, die ich selbst bis dahin nur aus Geschichtsbüchern kannte.

Hannah Klein
Hannah Klein
Kevin Ruehle

Informiert habe ich mich über den Zweiten Weltkrieg auf verschiedenen Wegen. Aber mit Zeitzeugen gesprochen, das hatte ich bis zum Frühjahr 2025 nicht. Als Volontärin war ich zu diesem Zeitpunkt in der Lokalredaktion in Bad Kreuznach unterwegs. Der 8. Mai stand kurz bevor, und damit rückte der Tag näher, an dem im Jahre 1945 der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete. Ein historisches Ereignis.

Ich wollte herausfinden, ob es rund um Bad Kreuznach noch Menschen gibt, die sich erinnern. Wirklich erinnern, weil sie den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Ich startete einen Aufruf in unserer Zeitung. Innerhalb kürzester Zeit trudelten die ersten E-Mails ein. Mein Telefon klingelte mehrmals am Tag. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Es meldete sich Kurt Dörr. Am Tag unseres Treffens in Traisen bei Bad Kreuznach ist er 96 Jahre alt. Er erinnerte sich zurück an den Tag im November 1944, als er als 16-Jähriger einberufen wird. Er soll sich als Flakhelfer melden.

Nur wenige Monate später findet er sich in Gefangenschaft wieder. Läuse, Schlamm und Dreck: Gemeinsam mit anderen deutschen Gefangenen lebt Dörr in elendigen Zuständen. Als am 8. Mai 1945 der Krieg endet, herrscht unter den Gefangenen keine Euphorie: „Wir waren so fertig, wir konnten uns nicht mehr freuen.“

Außerdem war da ein Treffen mit den Schwestern Wilma Fahlsing und Edith Kappel (beide geborene Vier). Sie erinnerten sich daran, wie ihr Leben kurz vor dem offiziellen Kriegsende, „am seidenen Faden hing“.

An einem Tag im März erreichen amerikanische Panzertruppen Holzbach im Hunsrück. Über den Köpfen der Mädchen rumpelt es. Sie sitzen im Keller eines Backsteinhauses. Deutsche Soldaten verstecken sich mit ihnen. Die US-Soldaten kommen, bereit, Granaten in den Keller zu werfen. Todesangst. Widerwillig verlassen die deutschen Soldaten den Keller, werden von den US-Soldaten gefangen genommen. Die Schwestern überleben.

Die Gespräche mit den Zeitzeugen haben mir noch einmal klar vor Augen geführt: Das, was da in den Geschichtsbüchern steht, das war mal grausame Wirklichkeit – so unvorstellbar es auch sein mag. Es ist ein echtes Privileg, dass ich den Menschen zuhören und ihre Geschichten aufschreiben durfte. Das alles haben echte Menschen durchlebt, überlebt. Und das alles hat sie geprägt – ein Leben lang.

Die Autorin

Hannah Marlene Klein (Jahrgang 1996) hat an der Universität Mannheim „Germanistik: Sprache, Literatur, Medien“ studiert. Seit Oktober 2024 ist sie als Volontärin bei der Rhein-Zeitung tätig, nachdem sie zuvor einige Monate als freie Mitarbeiterin gearbeitet hat. Als Volontärin durchläuft sie verschiedene Stationen, um alle Bereiche der Redaktion und die vielfältige Arbeit der Journalistinnen und Journalisten kennenzulernen. Darum ist sie Journalistin geworden: „Es gibt unzählige Geschichten – oft geraten sie nach einer gewissen Zeit in Vergessenheit, weil es niemanden gibt, der sie erzählt. Ich möchte diese Geschichten aufschreiben und Menschen mit ihnen zum Nachdenken bringen, sie inspirieren und darüber informieren, was vor ihrer Haustür passiert.“

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

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