Robert Rimbau hat uns alte Fotos seiner Tochter zugeschickt. Amy Lopez auf ihrem geliebten Pferd. Herumalbernd mit ihrem Bruder Walter. Arm in Arm mit ihrem Vater. Eine lebenslustige junge Frau, die ihr Leben noch vor sich hat. Die 24-Jährige will Ärztin werden. Ihren Abschluss hat sie 1994 schon in der Tasche, als Rimbau ihr eine Europareise schenkt.
Doch Amy Lopez wird nie in ihre Heimat Texas zurückkehren. Am Morgen des 26. September wird sie auf der Festung Ehrenbreitstein ermordet. Fast 32 Jahre bleibt der Täter auf freiem Fuß. Die Ungewissheit legt sich wie ein dunkler Schatten über ihren Vater. Im September haben wir erstmals telefoniert. Der 85-Jährige hat erfahren, dass der Fall neu aufgerollt worden ist. Jetzt will er wissen, wie die Ermittlungen vorangehen.

Kurz vor unserem Gespräch läuft der Fall in „Aktenzeichen XY“. Ein ähnliches Format gibt es auch in den USA. Rimbau sucht nun Kontakt zur Koblenzer Mordkommission. Der Texaner mit argentinischen Wurzeln weiß, dass es wohl die letzte Chance ist, vor seinem Tod den Mörder zu finden. Damals sagt der gläubige Katholik gegenüber unserer Zeitung, dass er dem Mann gern vergeben würde. Aber er könne es nicht. Er will ihm wenigstens irgendwann in die Augen schauen.
Knapp ein halbes Jahr später meldet er sich wieder bei mir. Im Frühjahr will er wieder mit seiner Familie nach Koblenz reisen. Er sei gerade mitten in den Planungen, schreibt er. Wie immer wird er in dem Koblenzer Hotel übernachten, in dem Amy Lopez ihre letzte Nacht verbracht hat. Und dann werden sie alle gemeinsam den Tatort am General-Aster-Zimmer besuchen. Ein schmerzhafter Moment.
1994 wird die US-Touristin Amy Lopez auf der Festung Ehrenbreitstein ermordet. Seither liegen Trauer und Schmerz wie ein dunkler Schatten über ihrer Familie. 31 Jahre nach dem Verbrechen will ihr Vater Robert Rimbau endlich seinen Frieden finden.
„Ich wünschte, ich könnte ihrem Mörder vergeben“
Damals können wir beide nicht ahnen, dass sich nur wenige Tage später die Koblenzer Mordkommission mit Rimbau in Verbindung setzen wird. Per Video wird ihm dabei auch Kriminalhauptkommissarin Simone Roeder zugeschaltet, die seit Jahren in dem Cold Case ermittelt. Es muss auf beiden Seiten der Leitung eine ungemein emotionale Situation gewesen sein. Denn sie haben ihn – Amys mutmaßlichen Mörder. Fast 32 Jahre nach dem Verbrechen sitzt der Tatverdächtige in der Justizvollzugsanstalt Wittlich in Untersuchungshaft.
Die Kripo ist dem 81-Jährigen bei einem DNA-Abgleich seiner Speichelprobe auf die Spur gekommen, die mit dem genetischen Fingerabdruck des Täters übereinstimmt, die Spezialisten des Landeskriminalamts Wiesbaden aus einer Hautschuppe an der Kleidung des Opfers identifizieren konnten. Es ist der entscheidende Durchbruch in dem Fall, der Koblenz seit Jahrzehnten in Atem hält. Und für Robert Rimbau könnte es ein Abschluss sein.
32 Jahre nach dem brutalen Mord von Amy Lopez ist ein Verdächtiger festgenommen worden. Wir haben mit Kriminalhauptkommissarin Simone Roeder gesprochen, die dem mutmaßlichen Täter dank akribischer Ermittlungsarbeit auf die Spur gekommen ist.
Simone Roeder kam mutmaßlichem Mörder auf die Spur
Danach haben wir lange nichts mehr von der Familie gehört. Rimbau muss die Nachricht erst mal verdauen. Auch als Reporter, der den Fall über Jahre journalistisch begleitet hat, bin ich tief berührt. Hoffentlich kann Rimbau jetzt endlich seinen Frieden finden, bevor auch seine Asche in seiner argentinischen Heimat im selben Fluss verstreut wird wie die seiner Tochter. Dann ist er wieder mit seiner Amy vereint.
Der Autor
Dirk Eberz, Jahrgang 1972, ist seit 2022 Chefreporter der Rhein-Zeitung. Ein Schwerpunkt sind investigative Recherchen in der Region. Zuvor hat er seit 2013 als Politikredakteur gearbeitet. Seinen ersten Artikel für die Rhein-Zeitung hat er bereits 1997 im Lokalsport verfasst. Danach arbeitete er während seines Studiums der Politikwissenschaft, Geschichte und Anglistik in Trier, Port Elizabeth, Koblenz und Mainz als freier Mitarbeiter für die Rhein-Zeitung. 2002 bis 2004 volontierte er in Bad Kreuznach und Mainz. Weitere journalistische Erfahrung hat Dirk Eberz beim ZDF und beim SWR in Mainz gesammelt. Zudem hat er als Autor für den Sutton-Verlag zwei Bücher zur Regionalgeschichte verfasst. Journalist ist er aus Neugier geworden. Sein Beruf gibt ihm die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken. Polizei und Bundeswehr sind dabei zwei Themenschwerpunkte seiner Arbeit.


