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Kreuzberg

Philipp Freiherr von Boeselager: Der Traum des Barons vom Tyrannenmord

"Et si omnes – ego non": Seit Menschengedenken schon schmückt diese Inschrift ein Fachwerkhaus von 1648 unterhalb der Burg Kreuzberg im Ahrtal. "Und wenn alle – ich nicht": Fast wirkt es so, als hätte sich der Bau mit dem lateinischen Wahlspruch dafür den denkbar passendsten Bewohner gesucht: Das Haus ist der Alterssitz von Baron Philipp Freiherr von Boeselager. Der letzte Überlebende des Widerstandes in der Wehrmacht gegen Hitler lebt hier. Ein Mann, der ganz nah an Menschen und Momenten war, die die Weltgeschichte hätten verändern können.

Philipp Freiherr von Boeselager gehörte zum Verschwörerkreis vom 20. Juli 1944. Foto: dpa
Philipp Freiherr von Boeselager gehörte zum Verschwörerkreis vom 20. Juli 1944.
Foto: dpa

Von Chefredakteur Christian Lindner

Seinen Eid aufkündigen? Seinen obersten Befehlshaber töten? Vor dem Krieg denkt Boeselager nicht im Traum an solche Entscheidungen. Die Kindheit auf Burg Heimerzheim westlich von Bonn, die Jugend von 1928 bis 1936 im Aloisiuskolleg Bad Godesberg – das formt einen jungen Mann, der sich, wie so viele seiner Generation, ein anderes , sein Vaterland als vom Versailler Vertrag geknechtet, die Weimarer Republik als schwach. In dieser Situation "sickerte der Nationalsozialismus", so der 90-Jährige nachdenklich, gleichsam ein.

Boeselager besorgte den Sprengstoff für Stauffenbergs Attentat auf Hitler in Ostpreußen. Foto: dpa
Boeselager besorgte den Sprengstoff für Stauffenbergs Attentat auf Hitler in Ostpreußen.
Foto: dpa

Nach dem Abitur 1936 will Boeselager Jura studieren, danach in den Auswärtigen Dienst. Sein Großvater rät ab: "Als Diplomat bei den Nazis müsstest Du lügen. Werde Soldat." Boeselager tritt 1936 in das Kavallerie-Regiment 15 in Paderborn ein. Kriegsschule in Dresden, Kavallerieschule in Döberitz – 1938 ist er als Leutnant wieder bei seinem Regiment. Auch in dieser Zeit gibt es noch keine echte Auseinandersetzung mit den neuen Machthabern. Zwar haben alle deutschen Soldaten schon seit August 1934 Hitler persönlich "unbedingten Gehorsam" zu schwören, zwar schwadroniert der schon 1937 vor hohen Generälen unverhohlen von seinen Eroberungsplänen zur "Überwindung der deutschen Raumnot" im Osten. Bei Boeselagers Vorgesetzten aber ist in diesen Jahren "von Nationalsozialismus nie die Rede". Die Erfolge im Frankreich-Feldzug begeistern selbst skeptische Soldaten. Dennoch bildet sich ein zartes Netzwerk – von oft christlich oder preußisch geprägten Soldaten, die zunehmend über die Skrupellosigkeit der Nationalsozialisten nachdenken und sprechen.

"Zigeuner sonderbehandelt"

Im Dezember 1941 wird Boeselager vor Moskau schwer verwundet. Üble Beinverletzungen, bis heute Schmerzen, damals "nicht frontverwendungsfähig". Er wird Ordonnanz-Offizier von Generalfeldmarschall Günther von Kluge. Der fest im christlichen Glauben verwurzelte Rheinländer sitzt also unvermittelt im Vorzimmer des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Mitte. Dort hört Boeselager plötzlich viel. Zu viel für sein Gewissen. Meldungen wie "Fünf Zigeuner sonderbehandelt" gehen durch seine Hände. Der junge Offizier will wissen, was das heißt. Ein SS-Mann klärt ihn kalt auf: "Alle Feinde des Reiches werden umgebracht." Boeselager beginnt, zu begreifen: Im Hinterland der Front morden deutsche Sonderkommandos. Und das Morden ist nicht das Wüten Einzelner – es ist die Linie des Staates, dem er dient. Schon 1941 hat Hitler für das Kriegsgebiet im Osten erlassen, dass "für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht gegen feindliche Zivilpersonen begehen, kein Verfolgszwang besteht, auch dann nicht, wenn die Tat ein militärisches Verbrechen ist". Der Baron erfährt von immer mehr Gräueltaten: "Ich war bestürzt. Ich war nicht Offizier geworden, um Morde zu dulden."

Baron von Boeselager, der letzte Überlebende des Widerstandes in der Wehrmacht gegen Hitler, warb in vielen Diskussionen mit Schülern für Zivilcourage. Foto: Vollrath
Baron von Boeselager, der letzte Überlebende des Widerstandes in der Wehrmacht gegen Hitler, warb in vielen Diskussionen mit Schülern für Zivilcourage.
Foto: Vollrath

Boeselager merkt aber auch, dass er damit im Stab nicht allein ist. Wenn etwa "militärisch blödsinnige Befehle" Hitlers einlaufen, zeigen ihm Blicke und Bemerkungen, wer ähnlich denkt. Abendliche Runden von zunehmend Vertrauten bringen Klarheit: Einige Stabsoffiziere sind wie er nüchtern zu dem Schluss gekommen, dass Hitler "seine Armee in den Untergang führt" – "und ein Verbrecher ist".

"Keine andere Lösung"

Besonders Oberst Henning von Tresckow, der 1. Generalstabsoffizier Kluges, hat die Courage, dieser Lagebeurteilung ganz im Sinne soldatischen Denkens "ein Also" folgen zu lassen. Erst appelliert er an Kluge, mit anderen Befehlshabern Hitler zu einem Waffenstillstand zu drängen. Es kommt nie dazu – so sterben an der Ostfront weiter täglich 3000 deutsche Landser. Bald nehmen deshalb die abendlichen Debatten eine andere Richtung. Ihre zentrale Frage: "Ist Tyrannenmord sittlich gerechtfertigt?" Auch hier bleibt es nicht bei Theorie. Tresckow fragt Boeselager: "Machst Du mit?" Gemeint ist ein Attentat auf Hitler. Boeselager ist klar: "Wenn es schiefgeht, kostet es das Leben" und bedroht zugleich seine Familie. Auch er entscheidet soldatisch: "Es gab keine andere Lösung, als Hitler umzubringen." Und sein Eid? Ohne Zögern antwortet er: "Ein Eid ist eine zweiseitige Bindung. Und Hitler hatte den Eid vorher schon gebrochen." Kluge will ein Attentat auf Hitler allenfalls dulden, nicht aber unterstützen. Er ist damit symptomatisch für weite Teile der hohen Generäle der Wehrmacht: Auch sie sehen in Hitler das totale Verderben, fühlen sich aber durch ihren Eid gebunden. Meist agieren statt ihrer jüngere Stabsoffiziere.

Der deutsche Offizier und spätere Widerstandskämpfer Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Foto: dpa
Der deutsche Offizier und spätere Widerstandskämpfer Claus Graf Schenk von Stauffenberg.
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So bearbeitet Tresckow Hitlers Chefadjutanten, dass der Oberbefehlshaber sich ein Bild von der Lage an der Front machen soll. Das gelingt sogar: Hitler will mit SS-Chef Heinrich Himmler am 13. März 1943 Station in Smolensk machen. Tresckow arbeitet den Plan aus, Hitler im Kasino erschießen zu lassen. Vertraute von Boeselagers Bruder Georg sollen die SS-Wachen ausschalten, vier Widerständler sollen auf Himmler schießen, vier auf den "Führer". Philipp Freiherr von Boeselager soll mit auf Hitler feuern. Kurz vor dem Attentat aber sagt Kluge alles ab – weil Himmler doch nicht mitgekommen ist und er bei einer alleinigen Tötung Hitlers "einen Krieg der SS gegen die Wehrmacht" befürchtet.

Boeselager sitzt also dem "Blutsäufer" Hitler (Generalstabsschef Franz Halder) mit geladener Pistole gegenüber. Er will schießen, er soll es aber nicht. Auch 2007 ist Boeselager die quälende Anspannung dieser Minuten noch anzumerken. Sonne scheint in sein Refugium in Kreuzberg, als der letzte Zeuge dieses dramatischen Ringens offenbart, welcher Traum ihn bis heute nachts bisweilen aufschrecken lässt: Was wäre geschehen, wenn er sich dem Befehl seines Generals widersetzt hätte? Der Kern des Traums ist immer gleich: "Hätte ich doch geschossen." – "Dann werde ich wach", verrät der Baron. Und für einen kurzen Moment kündet ein Schwanken seines sonst so festen Blickes davon, welche Last seither auf ihm liegt: Er spürt wie wohl kein anderer Mensch die Dimension der Gewissheit, dass ein früheres Ende des Krieges Millionen von Menschen das Leben gerettet hätte.

Boeselager war am Ende des Krieges Kommandeur des Reiterregimentes 41.
Boeselager war am Ende des Krieges Kommandeur des Reiterregimentes 41.

Genau deshalb setzt Boeselager noch öfter sein Leben für weitere Aktionen gegen Hitler ein. So zweigt er von Sprengstoff-Untersuchungen 20 handliche britische Bomben ab – ideale Sprengkörper für Attentate. Unter hohem Risiko bringt er die brisante Fracht nach Ostpreußen. Zwei Bomben dieses Vorrats bekommt später Claus Graf von Stauffenberg für sein Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in Ostpreußen.

Boeselager verehrt Stauffenberg "für dessen Schneid", den Sprengsatz in das Führerhauptquartier zu schmuggeln – und nach der Zündung nach Berlin zurückzuhetzen, um dort den ausgeklügelten Umsturzplan "Walküre" in Gang zu setzen. Wieder wäre dem 26-jährigen Boeselager dabei eine wichtige Rolle zugekommen: Kurz vor dem Attentat hat er rund 1000 ausgewählte Männer seines Kavallerie-Regiments in einem Gewaltritt von der Front zu einem Feldflugplatz bei Warschau gejagt: 200 Kilometer in 36 Stunden. Nur zwei Rittmeister sind in den Grund der Hetze eingeweiht: 20 Flugzeuge sollen die Soldaten nach einem Erfolg des Stauffenberg-Attentats sofort nach Berlin bringen. Boeselagers Auftrag: Mit seinen Männern das SS-Sicherheitshauptamt stürmen, dort Himmler und Propagandaminister Joseph Goebbels "festsetzen". Kurz vor Start aber erreicht ihn die Nachricht seines Bruders: "Alles in die alten Löcher" – zurück also an die Front. Er weiß sofort: "Hitler ist wieder einmal davongekommen." Und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch Boeselager enttarnt, gefasst, abgeurteilt und hingerichtet wird.

Generaloberst Ludwig Beck war einer der höchsten Offiziere der Wehrmacht und wurde einer der beharrlichsten Widersacher des NS-Regimes. Von den Verschwörern des 20. Juli 1944 um Graf Stauffenberg war Beck ausersehen, nach dem Bombenanschlag auf Hitler die Regierungsgewalt zu übernehmen. Foto: dpa
Generaloberst Ludwig Beck war einer der höchsten Offiziere der Wehrmacht und wurde einer der beharrlichsten Widersacher des NS-Regimes. Von den Verschwörern des 20. Juli 1944 um Graf Stauffenberg war Beck ausersehen, nach dem Bombenanschlag auf Hitler die Regierungsgewalt zu übernehmen.
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Doch es ist, als will das Schicksal gerade diesem mutigen Mann ein langes Leben gönnen: Seine 1000 Mann halten dicht. Viele in das Attentat eingeweihte Widerständler schweigen trotz Folter, viele wählen den Freitod – um niemanden zu verraten. Auch Tresckow geht diesen grausam geraden Weg. Boeselager muss deshalb nie in die Brusttasche seiner Uniform greifen, die er – untypisch unkorrekt – nicht mehr schließt: Darin trägt er eine Zyankali-Kapsel mit sich – für den Fall, dass die Nazis ihm doch auf die Spur kommen. Am 8. Mai 1945 kann er das tödliche Gift in einen Fluss werfen. Die deutschen Truppen haben kapituliert, er wird in Ungarn von den Engländern interniert. Schon im Juni 1945 wird Boeselager entlassen. "Mit Ritterkreuz und Pistole" kann er den Heimweg ins Rheinland antreten.

Dort ist der Widerstand lange Zeit kein Thema, für ihn nicht, für sein Land erst recht nicht. Viele Mitverschwörer sind nicht mehr am Leben, die Überlebenden sind verstreut – und die junge Bundesrepublik will vom ehrenvollen Widerstand in der Wehrmacht gegen Hitler noch weniger wissen als von den zwölf braunen Jahren. Nicht zornig, aber sehr ernst stellt der Baron fest: "Erst die Enkelgeneration hat dem Widerstand Achtung entgegengebracht."

Natürlich hat auch Boeselager ein Leben nach dem Krieg: Er studiert Volkswirtschaft, kümmert sich um 250 Hektar Wald seiner Familie, engagiert sich in den Organisationen der Waldbesitzer, macht sich auch dort durch Gradlinigkeit einen Namen. Bekannt aber wird er vor allem wegen seiner vielen Vorträge vor jungen Leuten über den Widerstand. "Immer mit Diskussion, darauf bestehe ich!" Was rät er den Schülern und Studenten dabei? "Engagieren Sie sich politisch – egal wo. Sonst überlassen wir den Extremen das Feld." Sein Appell geht noch weiter: "Zeigen Sie immer Zivilcourage." Für Boeselager ist das "der Widerstand in normalen Zeiten". Wer so etwas so überzeugend sagen kann, der wird auch mit 90 Jahren noch häufig zu Vorträgen gebeten. Der letzte lebende Widerständler ist von Bremen bis St. Blasien gefragt, reist aber nur noch ungern so weit: "Ich will einfach zu Hause schlafen."

Zu Hause – dort, wo der Mann, der mit Mitte 20 Hitler erschießen wollte, heute seinen 90. Geburtstag "ganz gemütlich" verbringen möchte. In seinem schlichten Alterssitz, dessen größter Prunk weiße Buchstaben in rotem Gebälk sind: "Et si omnes – ego non." "Und wenn alle – ich nicht."

Rhein-Zeitung, 6. September 2007

Widerstand
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