Koblenz

Die Koblenzer wollten den Kaiser widerhaben: Ein Verlegerehepaar machte es möglich

Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky hat das Monument „als Faustschlag aus Stein“ bezeichnet, andere Literaten sahen es schlichtweg als Symbol für den preußischen Militarismus. Und auch noch heute bewegt das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck die Gemüter. Kritiker müssen jedoch einsehen: Viele Koblenzer identifizieren sich mit der imposanten Anlage, ihre Gäste lieben sie sogar. So mancher reist nur in die Stadt, um „den Wilhelm“ zu sehen, dessen „Wiederauferstehung“ einer Verlegerfamilie zu verdanken ist – und damit indirekt auch der Rhein-Zeitung.

Kurt Tucholsky nannte das Monument am Eck einen „Faustschlag aus Stein“.
Kurt Tucholsky nannte das Monument am Eck einen „Faustschlag aus Stein“.
Foto: kritzelheartists.com

Was wir heute sehen, ist streng genommen ein durch eine Rekonstruktion des Reiterstandbildes ergänzter Torso. Das Original wurde beim Marsch der US-Soldaten auf Koblenz zerstört. Für das 346. Artilleriebataillon, das den Angriff deckte, war das Denkmal ein wichtiger Zielpunkt. Gefeuert wurde aus einer Stellung bei Rübenach, und irgendwann zwischen dem 16. und 18. März 1945 fiel das Standbild – aus militärischen Gründen, oder wollte jemand einfach ein Zeichen setzen?

Zuletzt nannte Stadtarchivar Michael Koelges ein überzeugendes Argument: Die Amerikaner gingen wohl davon aus, dass sich im Denkmalsockel ein Beobachtungsstand der Wehrmacht befand, den es übrigens tatsächlich gegeben hat. Wie dem auch sei: Noch 1946 hing das zerstörte Reiterstandbild am Sockel herunter, die Reste wurden in zwei Koblenzer Firmen deponiert und verschwanden. Das Material wurde wiederverwertet, Gerüchten zufolge, um Kupferdraht für die Koblenzer Straßenbahn und die Wetterhähne der Kastorkirche herzustellen. Lediglich der Kopf des Kaisers blieb erhalten und gehört heute zum Bestand des Mittelrhein-Museums.

Streng genommen sollte das Monument fast fünf Jahrzehnte ein Torso bleiben. Daran änderte auch seine Umwidmung zum Mahnmal der deutschen Einheit nichts, die der damalige Bundespräsident Theodor Heuss am 18. Mai 1953 verkündete. Dabei hatte es schon früh Pläne für die Neugestaltung des Denkmals gegeben, der erste Ideenwettbewerb wurde bereits 1947 ausgelobt, weitere Vorschläge sollten folgen, wobei es aber nicht um ein Reiterstandbild, sondern um andere Lösungen ging. Doch nicht nur wegen der Kosten, sondern auch angesichts der politisch-historischen Hintergründe traute man sich nicht, den großen Schritt zu wagen. Im Gegenteil: Das Monument war ein ungeliebtes Kind. Schon 1952 wollte das Land Rheinland-Pfalz das Denkmal loswerden. Die Stadt lehnte das angebotene „Geschenk“ jedoch ab.

Fünf Jahrzehnte ein Torso

Die Diskussionen blieben, und die Rhein-Zeitung meldete 1974, dass einer Umfrage zufolge 95 Prozent das Reiterstandbild wiederhaben wollte. Die Folge: der Aufruf zur Gründung einer „Aktionsgemeinschaft Deutsches Eck“. Doch Bewegung in die Sache kam erst 1985. Damals erklärte der Mäzen Peter Ludwig, sein Preisgeld des Kulturpreises für die Wiedererrichtung des Reiterstandbildes zu stiften. Am 14. November 1987 gaben RZ-Verleger Dr. Werner Theisen und seine Frau Anneliese Theisen bekannt, dass sie sich notariell verpflichtet hätten, die auf 3 Millionen Mark geschätzten Kosten für die Wiederherstellung des Reiterstandbildes zu übernehmen. Der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel lehnte das Angebot ab, konnte aber nicht verhindern, dass sich eine Bürgerbewegung bildete. Die neue Bürgerinitiative Deutsches Eck schloss 1989 einen Vertrag mit dem Düsseldorfer Bildhauer Rainmund Kittl. Das Land setzte darauf hin eine Expertenkommission ein, die noch im September 1990 mit sieben gegen vier Stimmen von einer Rekonstruktion abriet.

Verlegerehepaar übernimmt die Kosten

Doch die bereits am 3. Oktober vollzogene Wiedervereinigung veränderte alles, weil die von Theodor Heuss verkündete Umwidmung ihren Sinn verloren hatte, der Weg für die Realisierung des Projektes war frei, auch wenn die kritischen Stimmen nicht verstummten. Im Februar 1993 begannen unter Regie des damaligen Staatsbauamtes Koblenz-Süd die Instandsetzung des Denkmalsockels, der nun größere Belastungen aushalten musste. Denn der in mehrere Teile zerlegte Bronzeguss, der bereits im Mai 1992 in Koblenz eingetroffen war, sollte 69 Tonnen schwer sein – das alte Standbild war 29 Tonnen leichter.

Eine Rekonstruktion aus getriebenem Bronzeblech war jedoch nicht mehr möglich. Kein Unternehmen konnte mehr nach dem ursprünglichen Verfahren arbeiten. Am 2. September 1993 konnte das Reiterstandbild wieder auf seinen Sockel gehoben werden. Dr. Werner Theisen erlebte diesen großen Tag nicht mehr. Er war am 5. Mai 1993 gestorben.

Am 31. August 1897 fand die Einweihung des Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmals am Deutschen Eck in Koblenz statt.
Am 31. August 1897 fand die Einweihung des Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmals am Deutschen Eck in Koblenz statt.
Foto: RZ-Archiv

Die Geschichte des Kaiserdenkmals

Kaiser Wilhelm I. hatte untersagt, dass zu seinen Lebzeiten Denkmäler errichtet werden, die seine Leistungen würdigen. Nach dem Tod des Monarchen am 9. März 1888 änderte sich die Situation schnell.

Und so beginnt die Geschichte des Reiterstandbildes am Deutschen Eck bereits in der kurzen Regierungszeit von Friedrich III. Der Sohn des Reichsgründers starb aber nach nur 99 Tagen im Amt an Kehlkopfkrebs. Nach dem Tod des Vaters schlug die Stunde von Wilhelm II. Er verfolgte mit dem Bau von Monumenten eine klare Agenda. Sie sollten für Kontinuität und Stabilität stehen.

Und was geschah in Koblenz? Bereits am 13. April 1888 beschlossen die Koblenzer Stadtverordneten, ein Standbild vor dem Koblenzer Schloss zu errichten. Eine 14-köpfige Denkmalkommission wurde eingerichtet. Dem Gremium gehörten Repräsentanten des Adels, der Wirtschaft und der Kirche an. Auch die Finanzierung wurde bereits früh angeschoben. Ausgerechnet die schon damals fast chronisch überschuldete Stadt wollte 30 000 Mark stiften. Für die damaligen Verhältnisse war das eine bedeutende Summe.

Es folgte die Entscheidung, beim Provinziallandtag der preußischen Rheinprovinz die Errichtung eines Kaiserdenkmals zu beantragen. Am 9. Juni 1888 war es so weit. Man brauchte die Unterstützung aus Düsseldorf, auch weil feststand, dass die zur Verfügung stehenden Mittel nicht ausreichten. Dazu kam eine psychologische Komponente. Ein Denkmal für Wilhelm I. wurde von Anfang an als Prestigeobjekt gesehen, die Stadtväter wollten deshalb schneller sein als andere Städte.

Das Deutsche Eck als Standort

Und man wollte etwas Besonderes schaffen. Deshalb entbrannte auch die Diskussion um den Standort neu. Vor allem Oberbürgermeister Emil Schüller trieb die Debatte voran. Unter dem Pseudonym Irenäus veröffentlichte er eine Broschüre und brachte einen exponierten Standort am Deutschen Eck ins Spiel – das Denkmal sollte schon von Weitem erkennbar sein. Einer Realisierung stand jedoch die Stadtbefestigung im Wege.

Wie sein Vorgänger Karl Heinrich Lottner setzte sich auch Schüller für die Abschaffung der strengen Vorschriften und eine Beseitigung der Anlagen ein. Im März 1889 sollte er dieses Ziel erreichen. Doch damit waren noch nicht alle Hürden genommen. In Köln, Düsseldorf und Aachen – dort konnten sich viele immer noch nicht damit abfinden, dass Koblenz Provinzhauptstadt war – favorisierte man einen Standort im Siebengebirge. Der Kaiser entschied sich jedoch für Koblenz.

Mit der Verfügung Wilhelms II. vom 13. März 1889 war der Weg für die Bauvorbereitungen frei. Zunächst einmal sollte das Hafenbecken vor dem eigentlichen Deutschen Eck, das seinen Namen von der örtlichen Ballei des Deutschen Ordens hatte, im Januar und Februar 1891 zugeschüttet werden. Zwei Jahre später lobte der Provinzialausschuss einen Wettbewerb aus. 26 Entwürfe gingen ein, 15 wurden gewertet. Schließlich setzten sich Bruno Schmitz, der wohl 
bedeutendste deutsche Denkmalarchitekt seiner Zeit, und Emil Hundrieser durch. Sie überarbeiteten dann ihre Entwürfe, im September 1895 konnten dann die Arbeiten an den Fundamenten beginnen.

Hightech im 19. Jahrhundert

Heute würde man sagen, dass sich der Ort, an dem das Denkmal entstehen sollte, in eine Hightechbaustelle verwandelte. Die modernsten Maschinen kamen zum Einsatz, ebenso die neuesten Materialen wie Stahl und Beton. Der heutige Eindruck täuscht also: Das Monument war nie als Natursteindenkmal konzipiert, sondern wurde in weiten Teilen mit Ziegelsteinen errichtet und später mit Granitplatten verblendet.

Auch das 14 Meter hohe Reiterstandbild wurde in einer Leichtbauweise errichtet. Es bestand aus getriebenem Kupferblech, das auf einem Stahlgerüst montiert wurde. Die Kosten waren übrigens gigantisch und lagen am Ende bei 1,5 Millionen Reichsmark. Das war das Dreifache des ursprünglich eingeplanten Betrages. Dennoch ließ man es sich nicht nehmen, die Fertigstellung im großen Stil zu feiern. Am 31. August 1897 wurde das Denkmal in Gegenwart des Kaiserpaares eingeweiht.

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