Zeitung hat Zukunft – mehr denn je: Chefredakteur Lars Hennemann über die Rolle der Redaktion

Liebe Leserinnen, liebe Leser! Das Erste, was Sie jetzt mit Sicherheit denken, ist Folgendes: So ein Chefredakteur muss ja schreiben, dass eine 75 Jahre alte Zeitung weiterhin Zukunft hat. Täte er das nicht, müsste man sich schon ein wenig wundern.

Lars Hennemann.
Lars Hennemann.
Foto: Jens Weber

Also reden wir jetzt am besten nicht lange um den heißen Brei herum und halten voreinander fest: Ja, die Zeitung hat Zukunft. Eine so sehr in ihrer Heimat verankerte Regionalzeitung wie die Rhein-Zeitung allemal. Und nicht nur das: Es ist sogar sehr gut, dass sie sie hat. Ohne Lokalzeitungen blühen Unsinn und Korruption, und der gesellschaftliche Diskurs verkommt zunehmend zum zusammenhanglosen Getöse, an dessen Ende nur gewinnt, wer am lautesten schreit. Ohne Lokalzeitungen leiden Gemeinwohl und Demokratie, wo diese am empfindlichsten sind: direkt in der Region/in den Orten, bei den Menschen. Bei Ihnen.

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, ist jetzt das Nächste, was Sie denken: Geht das auch eine Nummer kleiner? Wiederum klare Antwort: Nein. Nicht nur die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig korrekt und unabhängig recherchierte Informationen sind. Außerdem Analysen und Einordnungen, die auf diesen Informationen basieren.

Aber schon vor Corona gab es genügend Themen, die glasklar gezeigt haben, welchen unverzichtbaren Beitrag Zeitungen leisten: Sie geben Orientierung in einer zunehmend komplizierteren, globaleren Welt. Sie transportieren eben nicht nur schnelle Nachrichten (oder das, was mancher dafür ausgibt), sondern sie schaffen Mehr- und Nutzwert. Ob das weltweite Finanzsystem wegen betrügerischer Zocker beinahe kollabiert, ob die sogenannte Flüchtlingswelle unsere Hilfsbereitschaft ebenso sehr strapaziert wie unsere Toleranz, ob das sich wandelnde Klima nicht nur im Ahrtal immer dramatischere Folgen nach sich zieht oder ob eben ein Virus uns alle komplett aus jedweder Sicherheit reißt – es sind die Lokalzeitungen, die die sich daraus ergebenden Diskussionen im Familien- und Freundeskreis oder auf der Arbeit aus den Schützengräben der sogenannten sozialen Netze herausholen und im besten Sinne des Wortes erden. Versachlichen. Bewusst Meinung gegen Meinung stellen. Ohne sofort verbal im Lichte einer vermeintlichen Wahrheit draufloszuprügeln. Argument, Gegenargument, Abwägen – so funktioniert das gesamte Leben. Jedenfalls, wenn es gut gelingen soll. Und die Zeitung ist die Plattform dafür und wird es auch in Zukunft bleiben.

Seit langer Zeit ist sie dies in ihrer gedruckten Form. Auch in Zukunft wird es sie in dieser Form geben. Mit allen Vorzügen, die nur sie hat: Einmal täglich hält sie die Welt an, sortiert sie nach bestem Wissen und Gewissen. Je schneller sich unsere Welt zu drehen scheint, desto größer wird dieser Vorteil. Es ist schließlich eine absolut souveräne Geste eines jeden Lesers, mit diesem Produkt aus dem Hamsterrad unserer Echtzeitwelt zu treten. Sich ganz bewusst Zeit zu nehmen für die Zeit, die sich andere für ihn genommen haben: Im Falle unserer Zeitung und ihrer Heimatausgaben sind dies mehr als 100 Redakteurinnen und Redakteure, die jeden Tag aufs Neue das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Und am Ende dieses Prozesses jeden Tag aufs Neue einmal auf den Anhalteknopf drücken. Für Sie, liebe Leserinnen und Leser.

Wer das für Rückwärtsgewandtheit oder Technikfeindlichkeit hält, argumentiert am Thema vorbei. Wir stehen weder für das eine noch für das andere. Es muss nur schlicht wahr bleiben dürfen, was wahr ist. Und natürlich steht die gedruckte Zeitung im Jahr 2021 nicht mehr allein. Das tut sie übrigens schon lange nicht mehr. Sie hat ihre digitalisierte Schwester – das E-Paper – neben sich, das Onlineportal, die sozialen Netzwerke, Podcasts, Videos, digitale Abonnements und manches mehr. Ein modernes Medienhaus wie der Mittelrhein-Verlag, in dem die Rhein-Zeitung erscheint, will niemanden bevormunden. Jeder zahlende Kunde soll und wird das von ihm bekommen, was er oder sie am besten in seinen eigenen Alltag integrieren kann oder möchte.

Entscheidend bei der Beantwortung der Frage, ob eine Zeitung Zukunft hat, ist demnach etwas anderes: Sie muss von genügend Menschen als gute Quelle eingestuft werden. In einer Zeit, in der im Prinzip jeder etwas behaupten und mit wenig bis null Aufwand, aber dafür sofortigem Widerhall in digitalen Filterblasen publizieren kann, ist die uralte Kulturtechnik, gute Quellen von schlechten unterscheiden zu können, wichtiger denn je. Man übertreibt etwa beim Beispiel Corona kaum, wenn man sogar sagt lebenswichtig. Denn: Wo jeder schon recht haben soll, nur weil er etwas posten kann, ist das Chaos nicht weit. Und dagegen tritt eine Zeitung an: ein Kollektiv bestens ausgebildeter Journalistinnen und Journalisten, die das eine tun, ohne das andere zu lassen. Sie recherchieren wie eh und je gründlich, unabhängig und neutral, um die Ergebnisse dann unter dem Gütesiegel „Rhein-Zeitung“ zu veröffentlichen. Nach wie vor sehr gern auf Papier und ebenso gern auf Displays in jedweder Größe. Inhalt kommt vor Verpackung – wer etwas anderes behauptet, verkauft von Haus aus Verpackungen. Und eben nicht zuallererst wertvolle Inhalte.

Das also bedeutet „Zeitung“ in Zukunft: Ihre Bedeutung wird mehrschichtiger, auch konsequent digitaler, ohne dass sie dafür ihre Tradition verleugnen müsste. Damit sie auch weiterhin ihre elementar wichtige Funktion für jede freie Gesellschaft ausüben kann. Für Leser wie für User. Wie wichtig sie ist, merkt man überall dort, wo es freie Zeitungen nicht oder nicht mehr gibt. Staaten schikanieren ihre Bewohner, der Grad an Informiertheit und damit letztlich auch an Selbstbestimmtheit der Bürger sinkt unausweichlich. Nicht von ungefähr sind Journalisten in vielen Diktaturen oder Autokratien die ersten, die die Gefängnisse füllen. Aber auch im weiterhin freien Teil der Welt gilt: Wo Zeitungen – so gut wie immer von einschlägig interessierter Seite – zurückgedrängt oder schlechtgeredet werden, da verlernen Menschen, vernünftig miteinander zu reden. Das zivilisierte Ringen um die beste Lösung weicht stumpfer Rechthaberei und verbalem Scharfrichtertum. Freiheit kann auch von innen sterben.

Sie stirbt tatsächlich, wenn wir nicht als Gesellschaft sorgsam aufeinander aufpassen. Ein Thema, das weit über eine Zeitung hinausgeht. Aber ohne Zeitungen ganz schnell noch weitere, ungute Dynamik bekommt. Deshalb hat sich auch die Rhein-Zeitung auf den Weg in die digitale Zukunft gemacht. Nicht wissend, wie diese Zukunft aufs kleinste Komma aussehen wird. Aber ganz genau wissend, was sie weiterhin will und wird: zwischen Sieg und Nahe, zwischen Ahr und Lahn sowie an Rhein und Mosel verlässlich informieren. Natürlich unterlaufen uns dabei auch Fehler. Nur wo keine Menschen arbeiten, geht nie etwas schief. Aber, und das macht erneut den Unterschied: Man kann uns auf unsere Fehler ansprechen. Versuchen Sie spaßeshalber einmal, jemanden bei Facebook oder Twitter ans Telefon zu bekommen. Erst recht jemanden, der wirklich zuhört und sich nach besseren Argumenten neu ausrichtet. Wir tun das, im Dialog mit Ihnen. Weil wir – bei aller speziellen, unverrückbaren Bedeutung, die eine Zeitung hat – wie Sie Teil der Region sind und bleiben wollen. Damit diese wunderbare Heimat auch morgen noch frei, lebenswert und respektvoll bleibt. Eben Zukunft hat.

Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, liebe Userinnen und User, Sie hatten absolut recht mit Ihrer ersten Vermutung: So ein Chefredakteur muss genau das schreiben. Weil es richtig und wichtig ist. Wegen Ihnen und für Sie.