Archivierter Artikel vom 14.03.2017, 15:36 Uhr
Bad Neuenahr

Yogatherapie nach Iyengar: Anerkannte Heilkunst mit Fesseltricks

Wer's nicht besser weiß, meint, in einer Folterkammer gelandet zu sein: Am Boden hingestreckt liegen Menschen mit Gewichten auf Schultern und Händen, die Ober- und Unterschenkel mit langen Gurten gefesselt.

Nicole MiedingLesezeit: 3 Minuten

In ihrer „Folterkammer“ erlöst Rita Keller ihre Patienten von vielerlei Leiden: Die Yogatherapie hat messbare medizinische Erfolge. Sie wirkt positiv auf den Bewegungsapparat und die Psyche der Patienten – auch wenn man beim Anblick der Hilfsmittel erst einmal erschrickt. Foto: Martin Gausmann
In ihrer „Folterkammer“ erlöst Rita Keller ihre Patienten von vielerlei Leiden: Die Yogatherapie hat messbare medizinische Erfolge. Sie wirkt positiv auf den Bewegungsapparat und die Psyche der Patienten – auch wenn man beim Anblick der Hilfsmittel erst einmal erschrickt.
Foto: Martin Gausmann

Auf einem Podest liegt ein stattlicher Mann in starker Rückbeuge über einen Stapel von Kissen gebettet, die Arme waagrecht von sich gestreckt, die Augen bandagiert und die Füße gegen ein Podest gestemmt – der Anblick erinnert an einen Gekreuzigten. Nur die Ruhe im Raum lässt aufhorchen: Kein Ächzen und Stöhnen, lediglich tiefes Ausatmen ist ab und zu zu hören. Den Menschen scheint es gut zu gehen.

Die bizarre Szenerie spielt nicht im Sado-Maso-Studio, sondern in einem Übungsraum für Yogatherapie. Die hat als Teil der Naturheilkunde inzwischen einen wichtigen Stellenwert in der Komplementärmedizin, weil sie evidenzbasiert ist, also nachweislich wirkt. Heilungserfolge bei chronischen Schmerzen, Migräne, Rheuma sowie anderen Gelenk- und Muskelerkrankungen, Herzkranzgefäßverengung, Bluthochdruck, Diabetes, Angst- und Schlafstörungen, leichte bis mittelschwere Depressionen, Stress- und Entzündungsreaktionen im Körper sind durch Studien belegt. Das eigentlich Wunderbare an der Yogatherapie ist aber ihr immenser psychischer Effekt. Das Verfahren gibt Patienten ein Mittel zum Handeln und damit ein Stück Autonomie über ihren aus dem Takt geratenen Körper zurück. Und: Es wirkt auch, wenn man nicht dran glaubt.

Komplementärmedizin nutzt Heilmethoden, die klassische Therapieverfahren ergänzen und Krankheiten im Idealfall vermeiden.
Komplementärmedizin nutzt Heilmethoden, die klassische Therapieverfahren ergänzen und Krankheiten im Idealfall vermeiden.

Yoga hat eigentlich zum Ziel, dem Entstehen von Krankheiten vorzubeugen. Die Menschen, die sich im Therapieraum des Iyengar Yoga Instituts in Bad Neuenahr (Kreis Ahrweiler) gerade „malträtieren“ lassen, wirken aber nicht wie das klassische Wellnesspublikum, bei dem Yoga zum Lifestyle gehört. Die Männer und Frauen fortgeschrittenen Alters sind vom Leben gebeugt oder tragen Wohlstandsbäuche. Die Jüngste ist Mitte 20, eine gestresste junge Mutter, der Älteste, ein Schmerzpatient mit starken Bewegungseinschränkungen, hat die 80 überschritten. „Zu uns kommen Menschen, für die wir der letzte Strohhalm sind“, bringt es Rita Keller auf den Punkt. Die 64-Jährige ist eine Koryphäe in der Yogawelt. Iyengar-Yoga hat sie über Jahrzehnte beim Guru persönlich studiert: B. K. S. Iyengar, der bis 2014 im indischen Pune lebte und lehrte. Sein Buch „Licht auf Yoga“ (1966) wurde international zum Standardwerk und machte Yoga in der westlichen Welt berühmt. Keller bat er, seine Gesundheitslehre weiterzutragen. Sie etablierte Iyengar-Yoga-Zentren in Bad Neuenahr und Köln, setzte sich deutschlandweit für eine standardisierte Ausbildung ein und trainiert noch heute Yogalehrer und Therapeuten in der ganzen Welt.

Aspekt des Heilens ist im Westen neu

Kellers Patienten haben kaum etwas zu verlieren. „Mein Orthopäde war mit seinem Latein am Ende. Er hat gesagt, er kann nichts mehr tun“, erzählt ein Senior auf Eifeler Platt, der sein Alter mit 82 angibt und seit zwei Jahren trainiert. Zu Beginn der Therapie nahm er starke Schmerzmittel und konnte „keine 500 Meter weit gehen“, wie er erzählt. „Heute schaff ich zehn Kilometer ohne Gehhilfe und Tabletten“, berichtet er stolz. Und dass er jeden Tag zu Hause übt. Ganz pragmatisch sagt er das, und nicht, als ob er vom Guru erleuchtet wäre. „Für viele ist Yoga ein Trendsport. Eine Art Stretching mit hinduistischem Hintergrund“, resümiert Keller. Der Aspekt des Heilens und Korrigierens körperlicher Defizite ist im Westen recht neu. „In Indien weiß das jedes Kind.“ Auch, dass Geist und Körper untrennbar verbunden sind. „Yoga richtet sich immer an den Geist – egal, mit welchem Zipperlein man kämpft. Ich muss zuerst eine Verbindung im Kopf herstellen“, erklärt Keller. Das Programm der Therapie wird auf den Patienten abgestimmt und entwickelt sich mit ihm. Durch stete Wiederholungen der Übungen und Meditation „lernt“ der Körper: Synapsen verdrahten sich neu, Zellen werden gebildet und sogar ihr genetisches Programm ändert sich.

Das alles klingt nach Heiligem Gral, ist den meisten Menschen hier aber erst einmal vollkommen egal. Sie merken bloß, dass ihnen die Therapie hilft. „Meine Krankenkasse hat angerufen und wollte wissen, warum mein Orthopäde keine Rechnungen mehr einreicht“, erzählt der Kursälteste, während er sich über eine Streckbank beugt. Rita Keller richtet seinen Körper peinlich gerade aus, streicht die verhärteten Muskeln am unteren Rücken entlang, klopft ihm lobend auf die Schulter und motiviert: „Bis du 90 bist, haben wir dich wieder ganz chic!“

Sämtliche Folgen unserer Serie „Heilen mit der Natur“ unter www.ku-rz.de/naturhilftheilen

Von unserer Redakteurin Nicole Mieding

Iyengar-Yoga

Yoga, eine mehr als 2000 Jahre alte Lehre zur Gesunderhaltung des Körpers, ist in Mode. Rund 180 verschiedene Yogastile gibt es allein in Deutschland. Iyengar-Yoga, eine Unterform des Hatha-Yoga, ist eine der vier klassischen Formen, die Körperübungen mit Meditation und Atemtechnik kombinieren.

Gründer B. K. S. Iyengar achtete penibel auf die exakte Ausrichtung des Körpers entlang seiner anatomischen Achsen (Alignment). Hilfsmittel wie Gurte und Klötze ermöglichen es auch Ungeübten, die Haltungen (Asanas) ideal einzunehmen. Aufgrund der Systematik und Wiederholbarkeit existiert eine wachsende Zahl medizinischer Studien, die die Wirksamkeit von Yoga/Iyengar- Yoga wissenschaftlich belegen.

Yogatherapie-Check

Wirksamkeit: Vorbeugende und heilende Effekte von Iyengar-Yoga sind durch Studien gut belegt. So senkt es das Stresshormon Cortisol und Entzündungswerte im Körper, regt die Bildung neuer Zellen an und gilt für den Einsatz in der Yogatherapie als besonders geeignet.

Kosten: 30 Euro pro Gruppentherapiestunde, von Krankenkassen anerkannt und bezuschusst.

Ausbildung: Iyengar-Yoga verlangt tiefe medizinische und anatomische Kenntnis. Die Grundausbildung dauert mehrere Jahre und beinhaltet Übepraxis, Theorie und den Einsatz in der Therapie, anfangs immer mit einem Supervisor.

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