Archivierter Artikel vom 08.02.2013, 17:03 Uhr

Whisky-Journal: Deutscher Whisky will salonfähig werden

Wer hätte gedacht, dass es in Deutschland mehr aktive Whiskybrennereien als in Irland oder gar Schottland gibt? Rund 29 000 Obst- und Kornbrennereien hat die Republik, etwa 100 lassen auch Whisky in ihren Fasslagern reifen. Und die Zahl der Destillen, die auf diesen Zug aufspringen, steigt.

Foto: Benjamin Stöß

Wer hätte gedacht, dass es in Deutschland mehr aktive Whiskybrennereien als in Irland oder gar Schottland gibt? Rund 29 000 Obst- und Kornbrennereien hat die Republik, etwa 100 lassen auch Whisky in ihren Fasslagern reifen. Und die Zahl der Destillen, die auf diesen Zug aufspringen, steigt. Kein Wunder: Der Pro-Kopf-Spirituosenkonsum sinkt in Deutschland seit Jahren. Zudem läuft am 30. September das Branntweinmonopol für landwirtschaftliche Verschlussbrennereien aus. Für die kleineren Obstgemeinschafts- und Abfindungsbrennereien, die zwischen 50 und 300 Liter Branntwein im Jahr produzieren dürfen, enden die staatlichen Beihilfen in vier Jahren. Die Suche nach neuen Absatzmärkten tut also not.

Foto: Benjamin Stöß

Da kommt es gerade recht, dass sich Whisky, der seine letzte Hochzeit als In-Getränk während des Wirtschaftswunders in Gestalt von „Racke Rauchzart“ feierte, derzeit seinen Platz an den Bars zurückerobert. „Früher war es hip, sich am Tresen über Bordeaux und Burgunder zu unterhalten. Heute ist man cool, wenn man sich mit Single Malts auskennt“, sagt Ewald Stromer, Bar Manager im traditionsreichen Düsseldorfer Hotel „Breidenbacher Hof“. Den Freaks, die Whisky über Jahrzehnte die Treue hielten, schließen sich plötzlich Besserverdiener, Golfreisenbucher in den 30ern und „Mad Men“-Gucker an.

Unter deutschen Brennern nahm der Trend seinen Anfang vor rund 20 Jahren mit Pionieren in Franken und Schwaben. Genau genommen ist das Thema Whisky unter Brennern aber gar nicht so neu: Kornbrennereien finden über die Modeerscheinung wieder zu ihren Wurzeln zurück. Und traditionelle Obstbrenner, die 100 Kilo Früchte einsetzen müssen, um je nach Sorte zwischen ein und vier Litern Destillat zu gewinnen, sehen im Whisky, der es immerhin auf 25 bis 30 Liter Ausbeute pro 100 Kilo Malz bringt, eine willkommene Erweiterung ihrer Produktpalette. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner hat sich im vergangenen September der Verband Deutscher Whiskybrenner (VDW) gegründet. „Jeder, der in Deutschland zur Whiskykultur beiträgt, soll dabei sein können“, sagt der Vorsitzende Hans-Gerhard Fink, der mit seiner Brennerei auf der Schwäbischen Alb zu den größten Whiskydestillen gehört. Seine 3000-Liter-Brennblase produziert aktuell eine Viertel Million Liter Whisky im Jahr. Mit seinem „Schwäbischer Highlandwhisky Finch“ will er nun die Märkte in Asien und Osteuropa erobern. Solche Dimensionen sind bei deutschem Whisky allerdings die Ausnahme. Bei den Herstellern überwiegen die Klein- und Kleinstbrenner, die ihren Whisky wie Bückware unter guten Bekannten handeln, weil sie allenfalls ein bis zwei Fässer pro Jahr produzieren.

Dass die Nachfrage derzeit deutlich über dem Angebot liegt, bescheinigt dem Markt gute Wachstumschancen. Doch die werden vielerorts verspielt: Kleine Mengen finden reißenden Absatz – das geht auf Kosten der so wichtigen Lagerhaltung. Zwar darf sich der Kornbrand, nachdem er drei Jahre im Holzfass gelegen hat, Whisky nennen. Doch solche Jungspunde sind bei Kennern verpönt. Je länger die Reifung, desto mehr finden Korn, Holz und Alkohol zu einem geschmacklich runden Gleichgewicht. Wer zu früh abfüllt, der hat diese Chance verschenkt.

Eben das lässt manchen Kenner über deutschem Whisky die Nase rümpfen. Gegen die kraftvollen, bisweilen auch recht ruppigen Schotten, so sagen sie, kommt der oft viel zu junge deutsche Whisky nicht an. Sie kritisieren fehlendes Fassmanagement und die Lagerung in Fässern „ohne Geschichte“. Brenner, die es sich leisten können, beginnen, darauf zu reagieren. Sie investieren in Lagerhäuser und kaufen gebrauchte Fässer von Sherrywinzern und berühmten Whiskydestillen auf, um ihren Whisky darin geschmacklich zu veredeln. Der Verzicht auf schnelle Rendite erfordert einen langen Atem, denn das Investment zahlt sich erst nach einem Jahrzehnt oder später aus. Glücklich ist, wem zu diesem Zweck eine Großbrennerei oder auch -brauerei finanziell den Rücken stärkt.

Wer sich einen Überblick über die heterogene deutsche Whiskylandschaft verschaffen will, für den listet der „Whisky Guide Deutschland“ alljährlich und mit steigender Tendenz sämtliche Brenner sowie die wichtigsten Whiskybars und -händler auf. Die Branche präsentiert sich mit eigenen Messen in Frankfurt („InterWhisky“ im November) und Limburg („Whisky Fair“ im April) sowie auf regionalen Whiskytagen von Mecklenburg bis Schwaben. Auch auf der größten Weinmesse der Welt in Düsseldorf („ProWein“ im März) ist deutscher Whisky präsent. In Rheinland-Pfalz haben die AV Brennerei in Wincheringen (Kreis Trier-Saarburg), die Birkenhof-Brennerei in Nistertal (Westerwald), die Brennereien Faber in Ferschweiler (Kreis Bitburg-Prüm), Gemmer in Rettert (Rhein-Lahn-Kreis), die Nordpfalz Brennerei in Winnweiler sowie die Firma Eifel Destillate in Koblenz eine oder mehrere regionale Whiskysorten im Programm. In diesem Sommer füllt die Lahnsteiner Brauerei ihren ersten Bier-Whisky ab. Er ist bereits ausverkauft, die Brauerei nimmt Order für den Folgejahrgang an. Unverständlich bleibt, dass deutsche Whiskybrenner zu ihrer Legitimierung oft krampfhaft nach keltischen Wurzeln forschen. Die Suche nach einer eigenen Identität ist in vollem Gang.

NICOLE MIEDING