Archivierter Artikel vom 03.08.2011, 12:10 Uhr

Und wieder stolpern die Bayern über den BVB

Am Freitag beginnt die neue Saison der Fußball-Bundesliga. Schon bevor überhaupt der erste Ball getreten wurde, wagt die Sportredaktion eine Prognose, welcher Verein im nächsten Mai wo in der Tabelle enden wird. Dass alles am Ende auch so kommt, können wird allerdings nicht garantieren.

An uns geht's nicht vorbei: Der Dortmunder Robert Lewandowski bremst  Bayern-Star Arjen Robben. Ein Bild mit Symbolcharakter – auch für die am  Freitag beginnende Saison?
An uns geht's nicht vorbei: Der Dortmunder Robert Lewandowski bremst Bayern-Star Arjen Robben. Ein Bild mit Symbolcharakter – auch für die am Freitag beginnende Saison?
Foto: Imago

Am Freitag beginnt die neue Saison der Fußball-Bundesliga. Schon bevor überhaupt der erste Ball getreten wurde, wagt die Sportredaktion eine Prognose, welcher Verein im nächsten Mai wo in der Tabelle enden wird. Dass alles am Ende auch so kommt, können wird allerdings nicht garantieren.

Fast alle Bundesliga-Trainer tippen mal wieder auf den FC Bayern München als Meister. Erstens, weil sie es immer tun. Und zweitens, weil sie damit häufig richtig gelegen haben. Das ist einfach. Vielleicht ein bisschen zu einfach. Natürlich wird die teuerste Mannschaft der Liga nicht Sechster oder Vierter – aber Erster, denken wir, wird sie am Ende auch nicht. Und dafür gibt es Gründe.

Es gibt aber auch Mannschaften im oberen Tabellendrittel, die ebenfalls nicht Erster werden – und damit deutlich besser leben können als die Bayern.

Platz 6: Diese Faustregel ist so alt wie die Liga: Mindestens eine positive Überraschung gibt's in jeder Saison. Bei Hannover 96 wissen sie, wovon die Rede ist. Platz vier im Mai war das überragende Ergebnis einer jener Mannschaften, die deutlich besser waren als ihr Ruf. Die große Kunst ist es nun, solch eine Spielzeit zu bestätigen – und sich nicht zeitgleich zu verirren im internationalen Geschäft, das früher mal so schön Uefa-Pokal hieß. Dem Kader der 96er und Trainer Mirko Slomka ist das zuzutrauen; entscheidende Spieler haben den Klub nicht verlassen – und der eingespielte Rest weiß bekanntlich, wie viel eine Mannschaft ohne Stars erreichen kann. Solange sie auch weiß, dass gar nichts von allein kommt.

Platz 5: Ist Felix Magath ein schlechter Trainer? Im Prinzip nein. Ist der VfL Wolfsburg eine lausige Mannschaft? Nein. Höchstens charakterlich. Ist das DFB-Pokalaus bei Regionalligist RB Leipzig ein schlechtes Zeichen? Jein. Fast könnte man meinen, die Mannschaft aus der VW-Stadt hat noch immer nicht begriffen, was ihr da in der vergangenen Saison passiert ist als Folge einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz. Sicher aber dürfte sein: Ein weiteres Jahr Tabellenkeller ist mit Magath nicht zu machen. Der strenge Trainer hat eine Menge zu beweisen; seit einiger Zeit steht der Name des früheren Meistermachers für ein teures Missverständnis (Schalke) und Abstiegskrampf bei einem der finanzkräftigsten Klubs der Liga (Wolfsburg). Knapp 18 Millionen Euro hat der Verein nun in die Hand genommen, richtige gute Fußballer wie Christian Träsch und Srdjan Lakic geholt. Wenn sich jetzt noch ein Dummer findet, der den schwer erziehbaren Diego kauft, hat der Trainer sogar mindestens einen weiteren Wunsch frei. Falls das dann am Ende wider Erwarten doch nicht reicht für den Europapokal, dann hieße das wohl endgültig, dass weder viel Geld noch Felix Magath Einfluss haben auf die Qualität des Fußballs. Wie auch immer man das findet.

Platz 4: Die Aufräumarbeiten sind weitgehend abgeschlossen; es war viel zu tun auf der Baustelle FC Schalke 04. Angelos Charisteas ist weg, Ali Karimi auch, Nicolas Plestan sowieso und dazu ein paar andere, die den „Königsblauen“ in der Magath-Zeit zugelaufen waren. Und von denen noch heute keiner so richtig weiß, wofür sie S04 denn hätte gebrauchen können. Ralf Rangnick ist noch da; das dürfte den Schalkern deutlich helfen bei der Rückkehr in Tabellengegenden, in die sie gehören. Der 53-Jährige steht für Kontinuität und ein Konzept – beides kann dem Pokalsieger nach einer wirren Saison und Platz 14 nicht schaden. Dass Keeper Manuel Neuer weg ist, schmerzt in erster Linie die Fanseele; deutlich besser als zuletzt wird der Klub auch ohne seine alte Nummer eins. Zugegeben: Platz vier und damit die Chance, sich für die Champions League zu qualifizieren, ist eine mutige Prognose. Verwegen ist sie nicht.

Platz 3: Natürlich kann einem Bayer Leverkusen leidtun. Die spielen doch immer so toll, bis es um etwas geht. Dann spielen sie nicht mehr so toll. Man kann aber auch sagen: Wer Michael Ballack verpflichtet, muss sich nicht wundern, dass er bestenfalls Zweiter wird. Oder auch nur Dritter. Vielleicht ist Leverkusen also selbst schuld. Andererseits muss solch eine Mannschaft nicht Meister werden; die Konkurrenz ist stark, die Luft ganz oben ziemlich dünn, und unter den ersten drei der Liga ist die talentierte Werkself bestens aufgehoben. Auch mit einem Andre Schürrle, der beim FSV Mainz 05 eine bärenstarke Saison gespielt hat. Und auch ohne einen Arturo Vidal, der lieber mit Juventus Turin Fünfter oder Sechster wird in der Serie A. Neu-Trainer Robin Dutt, vom SC Freiburg gekommen, dürfte am Ende mit Platz drei glücklich sein. Weil es die deutlich dankbarere Aufgabe ist, aus wenig viel zu machen wie im Breisgau als aus viel noch mehr.

Platz 2: Die Sportredaktion war sich ausnahmsweise mal einig. Und das ist im konkreten Fall besonders bemerkenswert. Niemand tippte auf den FC Bayern München als Meister, wo es doch so einfach wäre. Die teuerste Mannschaft der Liga hat mal wieder nicht auf den Cent geschaut, knapp 45 Millionen Euro in talentierte Beine investiert, die Abwehr verstärkt, was dringend notwendig war, und den wohl besten Torhüter der Welt geholt. Was spricht da noch gegen den Nobelklub von der Isar? Eigentlich nur drei Dinge. Erstens: So schön es ist, sich auf geniale Kicker wie Arjen Robben und Franck Ribery verlassen zu können, so fatal ist die Abhängigkeit von ihnen. Schon in der Vorbereitung nahmen sich beide Stars eine Verletzungspause – es wird nicht die letzte gewesen sein. Was das für das Bayern-Spiel bedeutet, hat die letzte Saison gezeigt. Zweitens: Am 19. Mai 2012 steigt das Finale der Champions League in München, und da wollen die Bayern mit aller Macht hin. Koste es auch Kraft und Konzentration für den Alltag. Drittens: Jupp Heynckes ist ein solider Trainer, ein Schritt hin zu einer Modernisierung des Bayern-Fußballs ist seine Verpflichtung nicht. Am Ende werden sich die Münchner wieder auf ihre individuelle Qualität verlassen (müssen); das alles ist ist in der Summe vielleicht ein bisschen zu wenig.

Platz 1: Auch da gab's unter den Kollegen keine zwei Meinungen. Der Erste wird der Erste sein: Borussia Dortmund. Bis auf Nuri Sahin starten die Schwarz-Gelben im Wesentlichen mit demselben Personal in die neue Runde, das in 34 Spielen sagenhafte 75 Punkte sammelte – und dabei derart durch die Saison pflügte, dass man sich eine Fortsetzung fast schon wünscht. Und sei es nur aus fußballromantischer Verklärung.

Eine junge Mannschaft mit dynamischem Trainer besiegt, beseelt von Teamgeist, Leidenschaft und Offensive, den Geldadel der Liga. Einfach so. Ist das nicht eine schöne Geschichte? Und am Ende wird Jürgen Klopp wieder ein oder zwei Spieler aus dem Hut gezaubert haben, die vorher kaum einer kannte.

Von unserem Redakteur Alessandro Fogolin