Archivierter Artikel vom 09.07.2010, 20:47 Uhr
Montabaur

Tablet-Rechner: 1&1 paddelt mit Köder im Apple-Sog

1&1 freut sich über ein neues Produkt, das über Deutschland hinaus für Aufsehen sorgt – und steckt dabei doch in der „Padsche“: Die Montabaurer wollen im Sog des iPads mit ihrem SmartPad als Zugabe Internetverträge verkaufen. Sie ärgern sich aber zugleich, wenn beide Geräte verglichen werden und ihr Leichtgewicht dabei nicht so gut wegkommt.

Schließe einen DSL-Vertrag ab und bekomme das SmartPad dazu: So hat sich das 1&1 vorgestellt. Für den Kunden sieht die Rechnung so aus: Er bekommt das Gerät und verzichtet auf 150 Euro Startguthaben. Der Tarif Doppel-Flat 16000 bedeutet außerdem einmalig 9,60 Euro für den Hardware-Versand. In den ersten 24 Monaten fallen monatlich 34,99 Euro plus die Verbindungskosten fürs Telefonieren in Mobilfunknetz an, danach 24,99 Euro plus die Verbindungskosten.

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So sieht es aus, wenn auf dem Smartpad eine E-Mail geschrieben wird.

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Kein integriertes 3G: SmartPad-Besitzer sind mit einem Surftstick unterwegs mobil. Dafür fallen dann weitere Kosten an.

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Lesen auf dem taschenbuchgroßen Pad: E-Book-Reader sind als Widgets bereits vorbelegt.

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Die Anschlüsse des SmartPads. Es hat einen SD-Karten-Schacht und einen USB-Anschluss.

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Das Gerät soll auch als Kommandozentrale für Musik und Filme dienen.

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Das Pad von der Seite gesehen. Bei den bisher gezeigten Vorserienmodellen ist der Ständer sehr wackelig, ausgeliefert werden sollen Modelle mit stabilerem Ständer. Bislang macht auch der Infrarotsender zum Teil Probleme. Beim Test unserer Zeitung funktionierte das Gerät als Fernbedienung nur in 20 Zentimetern Entfernung. Auch das soll kein Problem mehr sein, versichert der Internetanbieter.

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Montabaur – 1&1 freut sich über ein neues Produkt, das über Deutschland hinaus für Aufsehen sorgt – und steckt dabei doch in der „Padsche“: Die Montabaurer wollen im Sog des iPads mit ihrem SmartPad als Zugabe Internetverträge verkaufen. Sie ärgern sich aber zugleich, wenn beide Geräte verglichen werden und ihr Leichtgewicht dabei nicht so gut wegkommt. Es ist zuvorderst billig, und ob es auch preiswert ist, ist noch nicht ausgemacht.

Es war ein Coup, der mehr als ein Jahr in aller Stille vorbereitet worden ist: Von 1&1 gibt's einen 465 Gramm leichten Rechner im Taschenbuchformat. In zwei Wochen sollen die ersten Tablet-Geräte ausgeliefert werden. Das sind Computer, die vollständig im Gehäuse eines über Berührung gesteuerten Bildschirms untergebracht sind und die in der Branche Goldgräberstimmung auslösen. Ein US-Analyst hat gerade aus verschiedenen Faktoren eine Projektion erstellt, wonach 2011 locker 18 Millionen iPads verkauft werden dürften. Dem Apple-Gerät haben andere Hersteller flugs vollmundige Ankündigen folgen lassen. Doch 1&1 ist der erste echte „Trittpadfahrer“ und bietet ein Gerät schon an.

Das SmartPad gibt es als kostenlose Zugabe für DSL-Neukunden, die dafür auf 150 Euro Startguthaben verzichten – oder für 299 Euro für jedermann. Und wenn 1&1-Vorzeige-Mitarbeiter Marcell D'Avis im neuen Werbespot die Finger darüberfliegen lässt und behände von einem Film in die E-Mails wechselt, dann taugt das dazu, Laien das Prinzip eines Rechners im Stil des iPads näherzubringen. D’Avis sitzt in einer Halle bei 1&1 mit WLAN-Empfang, doch mit UMTS-Stick könnte er das auch von unterwegs tun.

Das Smartpad hat Aufsehen erregt – der US-Technikblog Engadget.com nannte es bereits das „ungewöhnlichste Android-Tablet, das man je sehen wird“ – und schon böse Kritiken einstecken müssen. So nannte die „FAZ“ es eine „lahme Ente“: In einem Test dauerte es mehr als eine halbe Minute, eine Internetseite aufzurufen – bei einem Versuch unserer Zeitung ging es deutlich schneller.
Als kostenlose Zugabe dürfte das SmartPad viele Nutzer für Pads gewinnen, die mit einem Kauf ansonsten zögern würden – und vielleicht die Lust auf ein iPad wecken. „Echte iPad-Fans werden wir nicht überzeugen können“, räumt 1&1-Sprecherin Ingrun Senft ein. Ziel seien die preisbewussten Kunden – für viele müsse es eben kein Apple sein. „Es gibt ja auch viele Käufer von MP3-Playern, die nicht das Geld für einen schicken iPod ausgeben. Wir reden von einer Geräteklasse zu einem anderen Preis.“ Erst durch entsprechende Nachfrage sei der Entschluss entstanden, das Gerät auch so ohne neuen Vertrag anzubieten. Mit der Resonanz von Kunden zeigt sich 1&1 generell zufrieden: „Sie ist deutlich über den Erwartungen.“ Das Unternehmen macht aber keine Angaben, wie viele der in Deutschland gemeinsam mit dem Unternehmen Kwest entwickelten und von NEC in Asien produzierten Geräte das Logistikzentrum in Montabaur verlassen sollen.
Zum Start wird es im vorinstallierten 1&1-Shop 200 kostenlose Programme geben – besonders gefragte Anwendungen (Apps), die für das Gerät angepasst wurden. 1&1 denkt aber auch über kostenpflichtige Programme nach, die nicht zwingend von außen kommen müssen: „Wir haben ja Hunderte Entwickler.“

Anders als beim iPad, wo Programme für Normalnutzer nur aus dem Apple-eigenen iTunes-Laden bezogen werden können, sollen sich Nutzer Apps für das SmartPad auch aus anderen Quellen installieren können.

Die Pluspunkte: Größter Pluspunkt des SmartPads ist, dass es überhaupt ein leichter, mobiler Tablet-Rechner für den Hausgebrauch ist – da stand das iPad ja bislang allein da. Das Betriebssystem ist offener als Apples geschlossenes System: Beim Einwählen ins Netz werden sich die Geräte demnächst die 2.2-Version des Betriebssystems Android herunterladen – derzeit ist es nur die Version 1.6. Weil USB-Anschluss und SD-Karten-Schacht vorhanden sind, lassen sich Daten einfach austauschen, und der 1-GB-Flashspeicher kann so erweitert werden.
Die Minuspunkte: Hochwertig wirkt das Gerät durch den hohen Plastikanteil nicht. Durch den kleinen 256-MB-Arbeitsspeicher ruckelt der 7-Zoll-Bildschirm beim Scrollen. Der Touchscreen wird zudem nicht durch sanftes Streicheln und Tippen bedient wie bei den kapazitiven Touchscreens vieler Smartphones und beim iPad. Der Bildschirm muss so fest gedrückt werden, dass zwei leitfähige Schichten einander berühren. Fehleranfällig in Tests – „wenn man es gewöhnt ist, lässt es sich gut bedienen“, versichert 1&1-Sprecherin Ingrun Senft.

Lars Wienand/Yannick Schiep