Archivierter Artikel vom 25.01.2013, 07:18 Uhr
Mainz

Stark übergewichtige Leichen machen Krematorien Probleme

Das Thema ist delikat: Die Fettleibigkeit einzelner Bürger überfordert die Krematorien. In Rostock sorgte ein übergewichtiger Leichnam für einen Kurzschluss, in Hameln schmolzen Teile des Edelstahlschlots, und auch in Manz musste jetzt die Feuerwehr anrücken.

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Stark übergewichtige Leichen können bei der Einäscherung zur Überhitzung führen. Städte suchen nach technischen Lösungen.
Stark übergewichtige Leichen können bei der Einäscherung zur Überhitzung führen. Städte suchen nach technischen Lösungen.
Foto: picture alliance

Mainz – Das Thema ist delikat: Die Fettleibigkeit einzelner Bürger überfordert die Krematorien. In Rostock sorgte ein übergewichtiger Leichnam für einen Kurzschluss, in Hameln schmolzen Teile des Edelstahlschlots, und auch in Mainz musste jetzt die Feuerwehr anrücken.

Bei der Einäscherung eines schwergewichtigen Leichnams schaltete das Sicherheitssystem der Anlage aufgrund der Überhitzung im Ofen auf „Bypass“, sprich, eine Klappe öffnete sich und leitete die Verbrennungsluft durch den Schornstein ab. Ein Vorfall, den sich beim Wirtschaftsbetrieb niemand so recht erklären kann. „Die Anlage ist für die Verbrennung von Verstorbenen inklusive Sarg bis zu einem Gewicht von 300 Kilo ausgerichtet“, erklärt Vorstandsmitglied Jeanette Wetterling. Der Sarg allein sei etwa 50 Kilo schwer, der Grenzwert im aktuellen Fall nicht erreicht worden. „Das hätte nicht passieren dürfen. Wir sind nun dabei, die Ursachen zu erforschen.“

Bereits im November 2012 war es im Krematorium laut Wetterling zu einer Rauchentwicklung infolge zu hoher Temperaturen gekommen. „Das Sicherheitssystem steht unter kontinuierlicher Kontrolle, wir sind mit dem Hersteller der Anlage im Gespräch, damit es noch einmal genau geprüft und optimiert wird. Erst dann können wir Genaueres sagen“, sagt Wetterling.

Schwierige Ursachenforschung nach Zwischenfällen

Doch nicht nur in Mainz sind Übergewichtige ein Problem. Im bayerischen Kempten geriet die Verbrennung einer 200 Kilo schweren Leiche außer Kontrolle, der Schlot glühte, Rohrteile begannen zu schmelzen. Zu einer Verpuffung kam es im Krematorium Hamburg-Öjendorf, als ein fettleibiger Mann eingeäschert wurde. Bei der Einäscherung eines ungewöhnlich schweren Leichnams in Rostock war der Ofen dermaßen überhitzt, dass ein Mitarbeiter zum Feuerlöscher greifen musste.

Carlo Schmidt, Betriebsleiter des Krematoriums Hameln, ist ob des Vorfalls ebenso ratlos wie die Mainzer. „Das kann normalerweise nicht passieren“, antwortet er auf die MRZ-Anfrage. In Hameln kühlten Helfer den rauchenden Schlot von der Seite. Mithilfe einer Wärmebildkamera konnten sie genau beobachten, wie sich die Hitze ausbreitete. Das Kaminrohr glühte bei einer Temperatur von 600 Grad. Es dauerte vier Stunden, bis der Leichnam zu Asche wurde.

Immer mehr Schwergewichtige

„Früher hatten wir einmal pro Monat einen Schwergewichtigen, heute einmal pro Woche“, zeigt der Leiter der Friedhofsverwaltung Schweinfurt, Helmuth Schlereth, eine alarmierende Entwicklung auf. „Wenn ein Sarg sehr schwer ist, geht damit auch eine größere Hitzeentwicklung bei der Verbrennung einher.“

Dies hielten die Schamottsteine aber nur bedingt aus. So hat man sich in Schweinfurt darauf verständigt, stark Übergewichtige erst am Montagmorgen einzuäschern, wenn sich die Anlage übers Wochenende abgekühlt hat. Abgewiesen werden fettleibige Leichname nicht. „Wir äschern sie mit ungutem Gefühl ein und hoffen, dass die Anlage keinen Schaden nimmt“, so Schlereth.

Ein weiteres Problem, an deren Lösung die Städte derzeit arbeiten: In Schweinfurt und Nürnberg wurden die Ofentüren erweitert, um übergroße Särge aufnehmen zu können. Die üblichen 80 bis 90 Zentimeter großen Öffnungen reichen nicht aus. Auch in Mainz denkt man darüber nach, die 80 Zentimeter Einfahrbreite bei der Errichtung des zweiten Ofens in diesem Jahr auszudehnen.

Von Sabine Jakob