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RZ-SERIE: Frauenfußball in Rheinland-Pfalz (3) – Mit Drill wie beim Militär werden die Meisterträume wahr

Am 26. Juni beginnt die WM der Frauenfußballerinnen in Deutschland. Zu diesem Anlass nimmt die Sportredaktion in einer vierteiligen Serie die Entwicklung des Frauenfußballs in Rheinland-Pfalz unter die Lupe. Im dritten Teil erinnert Stefan Kieffer an den Gewinn der Deutschen Meisterschaft des SC 07 Bad Neuenahr Ende der 1970er Jahre.

Rheinland-Pfalz – Am 26. Juni beginnt die WM der Frauenfußballerinnen in Deutschland. Zu diesem Anlass nimmt die Sportredaktion in einer vierteiligen Serie die Entwicklung des Frauenfußballs in Rheinland-Pfalz unter die Lupe. Im dritten Teil erinnert Stefan Kieffer an den Gewinn der Deutschen Meisterschaft des SC 07 Bad Neuenahr Ende der 1970er Jahre.

Die erste „deutsche Nationalmannschaft“: die Frauen des SC 07 Bad Neuenahr im Jahr 1970.
Die erste „deutsche Nationalmannschaft“: die Frauen des SC 07 Bad Neuenahr im Jahr 1970.

Die ersten Anläufe des SC 07 Bad Neuenahr, der dominierenden Frauenfußballmannschaft im Rheinland, auf den deutschen Meistertitel sind nicht von Erfolg gekrönt. Auch der renommierte Fußballlehrer Jakob Oden, der sein Handwerk noch bei Sepp Herberger persönlich gelernt hatte, kann den großen Wurf nicht vollbringen und sagt nach der Saison 1975 Bad Neuenahr ade.

Auf der Suche nach einem Nachfolger stößt Vereinschef Heinz Günter Hansen, genannt HG, auf den ehemaligen SC 07-Spieler Rolf Kleser und teilt ihm unverblümt mit: „Du trainierst jetzt unsere Frauen.“ Kleser ist nicht minder überrascht als die Mannschaft. Schließlich eilt dem neuen Mann ein fürchterlicher Ruf voraus, weil er lange Jahre bei der als „Schleifer“ Bundeswehr die Rekruten ausgebildet hat. Bei der offiziellen Vorstellung tritt Kleser, der vom neuen Job nicht überzeugt ist, bewusst „burschikos“ auf und kündigt an, er werde den Damen erst mal das Laufen beibringen. Die mannschaftsinterne Abstimmung über den neuen Trainer fällt denkbar knapp aus: Nur eine Stimme entscheidet pro Kleser. Prompt ergreift ein Großteil des Teams die Flucht. Nicht weniger als sieben Stammspielerinnen melden sich ab, der neue Coach muss ein neues Team aufbauen.

Konditionsläufe an der Ahr

Zunächst macht Kleser seine Drohung wahr und lässt seine Schützlinge Kondition bolzen. „Wir sind an der Ahr entlanggelaufen, Richtung Heimersheim, da sind die ersten schon nach einem Kilometer stehen geblieben“, erzählt er lachend. „Aber nach ein paar Monaten war die Truppe konditionell eine Stufe höher.“ Bald ist die neu formierte Mannschaft auch national wieder konkurrenzfähig. Das liegt nicht zuletzt an den starken Neuzugängen, die HG Hansen immer wieder an Land zieht. 1976 kommen die Nüsser-Schwestern aus Bonn, beide hochbegabte Fußballerinnen und 1975 mit dem Bonner SC Deutscher Meister geworden. Durch ein Last-Minute-Tor gegen Bergisch-Gladbach scheidet der SC 07 im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft 1977 aus – und rüstet weiter auf.

Zur neuen Saison kommt neben Ilse Förster aus Monschau, Marita Pütz aus Bonn und Evi Eisenhuth aus Ellingen auch die Ingelheimerin Bärbel Wohlleben, die 1974 zur ersten Meistermannschaft des TuS Wörrstadt gehörte und als Torschützin des Monats bundesweiten Fernsehruhm genossen hat. Mit dieser Mannschaft, der stärksten, die bisher für den SC 07 gespielt hat, scheinen die Meisterträume realistisch. Nach dem obligatorischen Spaziergang zum Rheinlandtitel setzen sich die Neuenahrerinnen in der ersten DM-Runde mühelos mit 6:0 und 3:1 gegen Schleswig-Holsteins Meister TSV Rendsburg durch.

Nach der Niederlage blieb der Fahrdienst aus

Im Viertelfinale kommt der SC 07 gegen den SC Freiburg zu Hause nicht über ein 1:1 hinaus; schlechte Aussichten fürs Rückspiel, sollte man meinen. Entsprechend froh gelaunt empfangen die Freiburgerinnen ihre Gäste, holen sie am Bahnhof ab und kutschieren sie ins Quartier. Nach dem 2:1-Sieg der Bad Neuenahrerinnen sieht’s indes anders aus: Der versprochene Fahrdienst bleibt aus, mit Müh und Not und der Hilfe diverser privater Autofahrer erreichen Mannschaft und Begleitung gerade noch den Zug nach Hause.

Auch Halbfinalgegner FCR Duisburg glaubt sich nach dem torlosen Hinspiel in Bad Neuenahrs dicht vor dem Ziel. Es fehlt ja nur noch ein Heimsieg, und den feiern die Duisburgerinnen schon vor dem Anstoß mit lauten Freudengesängen in der Kabine. Die Neuenahrerinnen glauben sich im falschen Film, als die Gegnerinnen ihnen vor dem Spiel einen großen roten Plüschelefanten überreichen – quasi als Trost für die anstehende Niederlage. Doch sie haben sich verrechnet. „Ich musste gar nichts sagen“, freut sich Trainer Kleser, „das war Motivation genug.“ Nachdem im Hinspiel seine Torjägerin Christa Nüsser gegen die „athletische Abräumerin“ der Duisburgerinnen in der Sturmmitte überhaupt nicht zum Zug gekommen ist, lässt Kleser seine Torjägerin diesmal am rechten Flügel stürmen.

Der Trick funktioniert; ehe die Gegnerinnen das Spiel durchschaut haben, führt der SC 07 bereits mit 2:0. Christa Nüsser erzielt aus der ungewohnten Position ein Tor, das andere macht Regine Keller. Der Gegner ist konsterniert; „als sie anfingen, sich anzuschreien, wusste ich, dass wir gewinnen“, erzählt Käthe Weyer, die dem Trainer nicht nur die beste, sondern auch die liebste Spielerin ist – ein Jahr später heiraten die beiden. Obwohl ihr Team noch etliche Chancen erspielt, bleibt es beim 2:0; der SC 07 hat zum ersten Mal das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreicht.

Hinspiel im strömenden Regen

Endspielgegner ist der SC Marpingen aus dem Saarland, und wieder findet das erste Spiel in Bad Neuenahr statt. Die Hoffnungen von Manager Heinz Günter Hansen, mit den Zuschauereinnahmen aus dem Heim-Finale die Vereinskasse aufzufüllen, erfüllen sich nicht. Im strömenden Regen sehen nur rund 700 Unentwegte den 2:0-Sieg des SC 07. Christa Nüsser fühlt sich ausgesprochen wohl im Sauwetter und erzielt beide Tore – insgesamt hat sie von 16 SC-Treffern in der Endrunde 13 auf ihr Konto gebracht, davon neun mit dem Kopf! Aber die Ungewissheit bleibt: Ob der Vorsprung reicht?

Schon in der Schlussphase des Hinspiels haben die Saarländerinnen dem Heimteam mächtig zugesetzt, zweimal Pfosten und Latte getroffen. Zum Rückspiel hat sich das halbe Saarland aufgemacht nach Eppelborn. Die Sonne scheint, 4500 Zuschauer sorgen für eine stimmungsvolle Kulisse, und nach dem Abspielen der Nationalhymne fälscht SC-Linksverteidigerin Christel Schreiber die erste Ecke des Spiels unglücklich ins eigene Tor ab – und ist danach ein nervliches Wrack. Trainer Kleser stellt Stürmerin Regine Keller auf die kritische Position und kann so den Angriffsdrang der Saarländerinnen ein wenig eindämmen.

Zur Matchwinnerin wird, wie schon so oft, Torfrau Maria Breuer. Schon vor der Pause vollbringt sie ihre größte Tat, als sie einen Handelfmeter pariert. Und auch nach der Pause hat Torhüterin Breuer alle Hände voll zu tun, die Kolleginnen verteidigen ihren knappen Vorsprung mit großer Leidenschaft – und dürfen nach 80 hochdramatischen Minuten ausgelassen jubeln. Zum ersten (und bis heute einzigen) Mal erringt der SC 07 Bad Neuenahr, Frauenfußball-Protagonist der ersten Stunde, die deutsche Meisterschaft.

Feiertour im Borussen-Bus

In der Heimat werden die Meistermädchen begeistert empfangen. Eine Brauerei hat dem Meister für die Fahrt durch die Stadt einen offenen Doppeldecker-Bus zur Verfügung gestellt, in dem die männlichen Kicker von Borussia Mönchengladbach ihre – damals noch häufigen – deutschen Meisterschaften zu feiern pflegen.

Im großen Sitzungssaal werden große Reden geschwungen, allen voran von Bürgermeister Rudolf Weltken, einem SC-Fan der ersten Stunde: „Es ist Wirklichkeit geworden, was wir alle seit Gründung der Frauenfußball-Abteilung im Jahre 1969 in einem stillen Kämmerlein unseres Herzens erhofft haben.“ Und an die Adresse von „Meistermacher“ HG Hansen sagt der Stadtchef: „Nehmen Sie bitte Glückwünsche, Dank und Anerkennung einer Stadt entgegen, die durchaus zu schätzen weiß, was Ihr unermüdliches Engagement – auch zum Wohle der Stadt – bewirkt.“

Für die Kickerinnen steht am nächsten Tag noch eine ganz spezielle Form der Meisterfeier an. Irmgard Richelmann, seit 16 Jahren eine der Leistungsträgerinnen beim SC 07, beendet auf dem Höhepunkt ihre Karriere; immerhin ist sie schon 43. Weil sie gewettet hat, dass ihr Team wieder nicht das Endspiel erreicht, muss sie als stolze Verliererin die 63 Kilometer von Bad Neuenahr bis in ihren Heimatort Seelscheid zu Fuß zurücklegen. Doch sie ist nicht allein. Die halbe Mannschaft marschiert mit und macht den zweitägigen Fußmarsch zum feucht-fröhlichen Happening.

Überflüssig zu erwähnen, dass sich zu der spontanen Party beim Zwischenstopp in Oberpleis auch der (fußkranke?) Rest der Meistermannschaft einfindet. Und in Seelscheid wartet natürlich noch einmal ein großer Bahnhof auf die Heldinnen.

Lakonisch vermerkt die Vereinschronik des SC 07 den weiteren Fortgang der Ereignisse: „Nach einem weiteren gemütlichen Beisammensein traten nun einige Tage der Ruhe ein.“

STICHWORT: SC 07 Bad Neuenahr – der „ewige“ Bundesligist

Seit mehr als 40 Jahren ist der SC 07 Bad Neuenahr im Rheinland mehr oder weniger unangefochten die Nummer eins im Frauenfußball. Bis zur Bundesliga-Einführung 1990 gewinnen die Bad Neuenahrerinnen 15 von 19 möglichen Rheinlandmeisterschaften. Die zweigeteilte Bundesliga (1990 bis 1997) wird für den SC 07 zur „Fahrstuhlklasse“, drei Aufstiegen stehen ebenso viele Abstiege gegenüber. Erst in der eingleisigen Bundesliga wird der SC 07 zum festen Inventar, ist in 14 Spielzeiten noch nie abgestiegen. Die beste Platzierung schaffen die Bad Neuenahrerinnen 2005/2006 mit Platz vier; die abgelaufene Saison 2010/2011 beendete der SC 07 auf Rang sechs.

Von unserem Redakteur Stefan Kieffer

Im nächsten Serienteil lesen Sie: Der Urknall von Siegen: Deutschland wird mit zwei Westerwälder Assen erstmals Europameister

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