Archivierter Artikel vom 06.09.2010, 17:20 Uhr

Rückkehr ans Meer

Jakob und Manu verkaufen zwar nicht ihre Körper, lassen sich aber für ihre Gefühle bezahlen. Doch die vermeintliche Marktlücke wird zur gefährlichen Falle. In „Zarte Parasiten“ schildern die Filmemacher Hilflosigkeit und Überlebenswillen zweier Außenseiter.

Scheitern sie am Ende an ihrem ungewöhnlichen Leben: Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne)?
Scheitern sie am Ende an ihrem ungewöhnlichen Leben: Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne)?
Foto: Verleih

Berechnung oder Zuneigung: Die Begriffe sind austauschbar in dem neuen Film von Christian Becker und Oliver Schwabe, „Zarte Parasiten“. Erzählt wird die Liebesgeschichte von Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne). Sie haben keine Arbeit, keinen festen Wohnsitz, nur den diffusen Traum von einem besseren Leben. Gegen Bezahlung geben sie anderen, wonach sie sich selber sehnen: Familie, Wärme und Geborgenheit: Sie kümmert sich rührend um eine bettlägerige alte Frau, er spielt überzeugend den Ersatzsohn für einen ehemaligen Manager, der über den Tod seines Kindes trauert.

Beide Regisseure begannen ihre Laufbahn unter anderem als Fotografen. In schönen, präzis komponierten Kameraeinstellungen entsteht so nun eine ungewöhnliche Milieustudie, bewegend ohne je sentimental zu werden. Die Bildkompositionen erinnern an den Erzählstil eines Thrillers: Oft beginnen die Szenen mit einem Close up, langsam vergrößert sich der Bildausschnitt, in jeder Phase verändert sich die Bedeutung des grade Gesehenen, wächst die Spannung. Was die Protagonisten planen, wie ihre Gönner reagieren, das ist unvorhersehbar. Nur eins wird klar: Jakob und Manu sind keine Schmarotzer und darin liegt die Tragik des Films.

Der Zuschauer erfährt dabei nichts über die Vergangenheit der zwei jungen Außenseiter, er weiß kaum mehr als die Menschen, die den beiden zufällig begegnen. Ein oberflächliches Urteil ist schnell gefällt. Manu und Jakob sind aber weniger Täter als Opfer, nicht weil sie am Rande der Gesellschaft leben, in einem Wald campieren, sondern weil sie von jedem missverstanden werden. Sie lassen sich bezahlen, doch der Lohn ist gering, reicht selten zum Überleben. Irgendwann wird die Marktlücke zur bedrohlichen Falle, denn eigentlich würde Jakob alles dafür opfern, wirklich Sohn sein zu dürfen, selbst seine Liebe zu Manu.

Die Rollen sind für Robert Stadlober („Sommersturm“) und Maja Schöne („Buddenbrooks“) nicht einfach umzusetzen: Wut, Angst, Glück, Hoffnung oder Enttäuschung, die unvereinbaren Emotionen müssen völlig ohne dramatische Gesten auskommen. Doch beide Schauspieler beherrschen bravourös jene Tapferkeit der Erfolglosen, die den Slang von Kriminellen imitieren, um sich selber Mut zu machen und ihre Verletzbarkeit zu kaschieren. Sie werden ausgenützt, verachtet, bestohlen und verfolgt – zu Unrecht.