Archivierter Artikel vom 20.08.2010, 14:31 Uhr

Mary & Max – oder Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

Filme mit gezeichneten oder gekneteten Figuren sind nichts für Erwachsene – denken viele. Doch Werke wie „Mary & Max“ beweisen das Gegenteil: Der Film von Oscarpreisträger Adam Elliot über zwei einsame Seelen ist zutiefst berührend.

(Brief-)Freunde fürs Leben: Max und Mary.
(Brief-)Freunde fürs Leben: Max und Mary.
Foto: Verleih

Animationsfilme sind nur was für Kinder. Das zumindest ist weithin die Annahme, wenn die gezeichneten und gekneteten Figuren auf der Leinwand auftauchen. Doch schon seit längerem gibt es immer wieder äußerst anspruchsvolle Animationsfilme für Erwachsene – so wie nun auch „Mary & Max – oder schrumpfen Schafe wenn es regnet?“. Darin kreiert Oscarpreisträger Adam Elliot mit seinen beiden Knetfiguren Mary und Max eine zutiefst berührende, tragisch-komische Geschichte um eine ungewöhnliche Freundschaft zweier einsamer Menschen, pointiert und sarkastisch erzählt.

Mary und Max finden sich nur zufällig. Die achtjährige Mary lebt in Australien, isoliert, ohne Freunde und mit einer alkoholabhängigen Mutter. In ihrer Not sucht sie sich aus einem zufällig entdeckten New Yorker Telefonbuch eine Adresse und schreibt einen Brief dorthin – an Max. Bei dem übergewichtigen Erwachsenen, der an einer Form des Autismus leidet, löst Marys Brief erst einmal eine Panikattacke aus, spricht sie mit ihren kindlichen Fragen über den Sinn des Lebens doch auch seine tiefsten Ängste und Traumata an.Dennoch entwickelt sich eine enge Brieffreundschaft, nur sehen tun sich die beiden nicht. Dialoge zwischen Mary und Max (im Original gesprochen von Philip Seymour Hoffman und Toni Collette) gibt es ebenfalls nicht, und trotzdem sind die Verbundenheit und Vertrautheit der beiden verlorenen Seelen deutlich zu spüren. Immerhin erfahren sie durch die Freundschaft trotz der Distanz das, was ihnen im Leben sonst verwehrt bleibt: menschliche Zuneigung.

Das alles verpackt Regisseur Elliot in herausragenden Bildern, meist in schwarz-weiß mit nur wenigen Farbtupfern. Das Herz des Film sind aber Mary und Max, kleine Knetfiguren ähnlich wie bei „Wallace und Gromit“. Ihre Bewegungen wirken etwas ungelenk, unterstreichen damit aber wunderbar ihre Versuche, sich im chaotischen Leben zurechtzufinden.

„Animationsfilme für Erwachsene sind eine Kunstform, die häufig nur in Nischen blüht“, sagt Animationsfilmer Andreas Hykade, Dozent am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Dabei habe Walt Disney eine entscheidende Rolle gespielt. „Filme wie “Bambi„ oder “Dumbo„ richteten sich hauptsächlich an ein Kinderpublikum.“ Mit „Fantasia“ habe sich Disney dann aber an einen Trickfilm für Erwachsene gewagt – und sei bei Kritikern und Publikum desaströs gescheitert.

„Disney hat nie wieder Animationsfilme für Erwachsene gemacht, und da er für viele andere Filmemacher in diesem Bereich eine Vorbildfunktion hatte, hat sich auch kein anderer Regisseur seiner Generation daran gewagt.“ Dieser Einfluss sei bis heute zu spüren. „Der Trickfilm richtet sich weiter vor allem an ein Kinderpublikum, und so kann sich der Animationsfilm nur schwer emanzipieren.“

Und doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Langsam, aber spürbar. Animationsfilme sind nicht mehr nur Kindern und ihren Eltern vorbehalten. „Waltz with Bashir“ zum Beispiel zeigte die Gräuel des ersten Libanonkrieges aus Sicht eines israelischen Soldaten, „Persepolis“ auf ebenfalls visuell sehr künstlerische und einprägsame Weise eine Kindheit und Jugend im Iran.

Regisseur Elliot, der bereits für seinen Kurzfilm „Harvie Krumpet“ einen Oscar erhielt, schafft mit „Mary & Max“ einen weiteren Meilenstein. Er setzt die Animation geschickt ein, um seine Geschichte mit überbordend-sprudelnden Ideen zu spicken: Er zeigt zum Beispiel New York als Ansammlung skurriler Charaktere, einen nicht minder amüsanten australischen Vorort sowie ein arg mitgenommen aussehendes Huhn als Marys einziger freundschaftlicher Bezugspunkt zu Hause.

Vor allem aber gelingt Elliot das Wichtigste: Seine Protagonisten mögen nur Knetfiguren sein, erobern sich aber schnell einen Platz im Herzen der Zuschauer – mit all ihren Macken und Ängsten. Wenn die Freundschaft von Mary und Max einen Tiefpunkt erreicht, schmerzt das auch die Zuschauer. Elliot thematisiert so zahlreiche ernste Themen, beobachtet seine Protagonisten schonungslos und bringt einen mit seinem teils sehr sarkastischen Humor auch immer wieder zum Lachen.

Wie Mary in der Schule gehänselt wird, Max bei einer Panikattacke mit vor Angst aufgerissenen Augen und zitternd an einer Wand steht und beide nur Freude empfinden, wenn sie einen Brief des anderen erhalten – das macht unendlich traurig und glücklich zugleich. Animationsfilme sind nur was für Kinder? Glücklicherweise nicht!