Archivierter Artikel vom 16.09.2010, 15:31 Uhr

Jud Süß – Film ohne Gewissen

Erstmals zeigt ein Kinofilm, wie Veit Harlans Nazi-Propagandawerk „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940 entstanden ist. Oskar Roehlers wilde Kolportage „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck.

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Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti, Mitte) nimmt gegen seine Überzeugung die Hauptrolle im Nazi-Propagandafilm "Jud Süß" an – sehr zur Freude von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu).
Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti, Mitte) nimmt gegen seine Überzeugung die Hauptrolle im Nazi-Propagandafilm „Jud Süß“ an – sehr zur Freude von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu).
Foto: Verleih

Erstmals zeigt ein Kinofilm, wie Veit Harlans Nazi-Propagandawerk „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940 entstanden ist. Oskar Roehlers wilde Kolportage „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck.

Als glutäugigen Liebhaber in Filmschmonzetten schätzte ihn das Kinopublikum. Der Schauspieler Ferdinand Marian aber wollte mehr. Da kam das ebenso verführerische wie verhängnisvolle Angebot von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels: Marian soll die Titelrolle in dem Nazi-Propagandafilm „Jud Süß“ spielen.

Zum ersten Mal erzählt ein Kinofilm die Entstehungsgeschichte von Veit Harlans üblem Machwerk aus dem Jahr 1940. Dabei will Regisseur Oskar Roehler vor allem zeigen, wie viel Einfluss Goebbels auf das Filmprojekt nahm und wie tragisch das Schicksal des Süß-Darstellers Marian war.

Der Österreicher Tobias Moretti spielt Marian, der die Rolle des bewusst niederträchtig dargestellten Jospeh Süß Oppenheimer gegen seinen Willen annimmt. „Er wusste eigentlich von Anfang an, dass das für ihn nicht gut ausgehen kann“, sagt Roehler. „Es geht darum, wie das System langsam jeden Widerstand zermürbt“, so der Regisseur. „Goebbels zeigt sich als geistiger Vater des Films. Er hat viele Szenen selbst geschrieben und erfunden. Das ist alles überliefert.“

Roehler erzählt die dramatische Geschichte allerdings in einer kruden Mischung aus Melodram und leicht satirischen Elementen, die den Zuschauer stark irritieren könnte. Mit gemischten Gefühlen sieht man Moritz Bleibtreu in einer übertriebenen Kolportage den Nazi- Verbrecher Goebbels eher als Clown denn als Massenmörder spielen. Höhepunkt des schlechten Geschmacks ist dann eine Sex-Szene mit Gudrun Landgrebe als lüsterner Gattin eines SS-Schergen am offenen Fenster einer Nazi-Villa – während Berlin im Bombenhagel versinkt, lässt sie sich vom armen Marian beglücken.

„Wir gehen mit unserem Film ins Innere der Salons der Nazis, wir sind mitten in der Nazi-High-Society“, erklärt Roehler seinen Blick auf die deutsche Geschichte. So will der Regisseur von Filmen wie „Die Unberührbare“ und „Elementarteilchen“ zeigen, wie die Mechanismen von Macht und Verführung, Erpressung und Unterdrückung funktionierten.

Mit dem als besonders verwerflichen Werk der Filmgeschichte geltenden „Jud Süß“ wollten die Nationalsozialisten die Vertreibung der europäischen Juden legitimieren und ihre millionenfache Ermordung vorbereiten. SS-Kommandos wurde der Hetzfilm vor ihren Einsätzen gegen Juden gezeigt. Bei Roehler sind die Nazis aber weniger gemeingefährliche Verführer als lächerliche Chargen.

Der Film zeigt, wie Marians Frau (Martina Gedeck) – die in Wirklichkeit allerdings keine Jüdin war – sich von ihrem Mann abwendet, weil er sich durch die Gesellschaft der Nazi-Größen zunehmend verändert. Viele Freunde der Marians müssen emigrieren. Zu dieser Zeit versteckt das Paar in seinem Gartenhaus den jüdischen Schauspieler Adolf Wilhelm Deutscher (Heribert Sasse).

Beim von Mussolini ins Leben gerufenen internationalen Filmfestival von Venedig wird „Jud Süß“ vom Publikum begeistert gefeiert. Doch Marian wird sich des verbrecherischen Ziels, das die Nazis mit dem Film rechtfertigen wollen, immer deutlicher bewusst. Er ergeht sich in Alkoholexzessen und immer neuen Affären.

Goebbels Liebling ist plötzlich nicht länger eine Vorzeige-Figur. Dann wird Marians Frau deportiert. Nach Kriegsende endet der Prozess gegen Harlan – „des Teufels Regisseur“ – mit einem Freispruch. Marian verliert jeden Halt. Der Künstler stirbt 1946 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall.