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    Berlin/Rheinland-Pfalz

    Internet? Nein, Danke! Einzelhandel hinkt online hinterher

    Mehr als die Hälfte der deutschen Einzelhändler verkauft bisher noch nicht über das Internet. Das geht aus einer noch unveröffentlichten repräsentativen Studie der Regensburger IBI Research für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hervor, die unserer Zeitung vorliegt. Sie fußt auf einer Befragung von bundesweit 2000 Einzelhändlern zwischen Juni und August 2017.

    Viele Firmen sehen im Onlinehandel ein Risiko und schrecken davor zurück.
    Viele Firmen sehen im Onlinehandel ein Risiko und schrecken davor zurück.
    Foto: dpa

    Demnach bieten 54 Prozent der befragten Händler bisher noch keine Waren über das Internet an. 35 Prozent haben neben ihrem traditionellen Geschäft auch einen Onlinehandel etabliert. Am häufigsten machen das Verkäufer von Fotoapparaten (57 Prozent), Computern (46 Prozent) sowie Buchhändler und Geschenkartikel-Verkäufer (45 Prozent). Am wenigsten sind dagegen Blumenhändler, Apotheker oder Juweliere online unterwegs. Bei jedem Dritten funktioniert bereits die Verbindung seiner Online- mit seinen Offlineangeboten – etwa indem Kunden Waren online bestellen und dann im Geschäft abholen.

    Es fehlen Zeit und Personal

    Ein Fünftel aller Händler – in der Regel kleinere – kann der Studie zufolge jedoch bisher überhaupt keine Digitalisierungsprojekte nachweisen, hat also zum Beispiel nicht einmal ein digitales Warenwirtschaftssystem, um Bestände zu kontrollieren. „Generell ist das höchste Hemmnis bei der Umsetzung von Digitalisierungsaktivitäten, insbesondere für kleinere Händler, der Zeitmangel“, heißt es in der Studie.

    Patric Raeschke, Handelsreferent der IHK Koblenz, sieht das ähnlich. Insbesondere in kleineren Handelsbetrieben fehle es an Zeit, personellen Ressourcen – und an Wissen. „Der Schulungsbedarf im eigenen Unternehmen ist zwar vielen bekannt, aber nur jedes vierte Handelsunternehmen bietet seinen Mitarbeitern entsprechende Weiterbildungen an. Hier wird letztlich an der falschen Stelle gespart“, findet Raeschke. Zumal der stationäre Einzelhandel von zwei Seiten unter Druck stehe: vonseiten des wachsenden Onlinehandels und vonseiten des sehr professionalisierten, filialisierten Einzelhandels, sprich vonseiten großer Ketten. Es gelte, die Bedürfnisse der Kunden nicht aus dem Blick zu verlieren: „Während Einkaufscenter, Warenhäuser und Filialisten es vormachen, bieten gerade einmal 22 Prozent der Einzelhändler ein freies W-LAN für die Kunden an“, gibt Raeschke ein Beispiel.

    Laut IBI-Studie sehen die befragten Händler den Onlinehandel vor allem dann als Chance, wenn die Unternehmensnachfolge geklärt ist: Nur 12 Prozent der Befragten haben demnach derzeit ein explizites Budget für die Digitalisierung. Ein Großteil (knapp 70 Prozent) plant, den Investitionsanteil in den nächsten Jahren zu steigern. Bei Unternehmen, in denen die Nachfolge bereits geregelt ist, steigt dieser Wert auf mehr als 80 Prozent.

    Angst vor Umsatzeinbrüchen

    Doch vor allem mit Blick auf die großen Spieler im Onlinegeschäft überwiegt bei vielen der befragten Einzelhändler im Moment noch die Skepsis: 40 Prozent aller Ladenbesitzer fürchten die zunehmende Marktmacht globaler Internetplattformen wie Amazon und eBay. Knapp 60 Prozent der kleinen Händler mit bis zu neun Mitarbeitern stufen den Einfluss von Amazon und Co. auf ihr Geschäftsmodell als hoch oder sehr hoch ein. Bei den größeren Firmen mit 250 oder mehr Mitarbeitern befürchten sogar 73 Prozent negative Auswirkungen. In den nächsten fünf Jahren rechnet demnach ein Viertel der Händler mit einem Rückgang von Umsatzanteilen im traditionellen, stationären Geschäft von 77 auf 72 Prozent. Insgesamt gehen trotzdem noch 64 Prozent der Befragten davon aus, dass der stationäre Vertriebsweg auch zukünftig der wichtigste Handelskanal bleiben wird.

    Vor allem der Einzelhandel im ländlichen Raum müsse jedoch begreifen, dass das nicht der Fall sein wird, analysiert IHK-Handelsexperte Raeschke: „Die rasante Entwicklung im Bereich der Digitalisierung führt erkennbar dazu, dass der Händler, der keine digitalen Spuren hinterlässt, immer schlechter gefunden wird – online wie offline.“

    Von Birgit Marschall, Angela Kauer-Schöneich und Georg Winters

    Kommentar: Nicht abwarten, sondern mitklicken!

    Seit Jahren hängt die Digitalisierung wie ein Damoklesschwert über dem Einzelhandel. Ladenbetreiber schielen auf die Onlineshops und deren Umsatzzahlen, sehen ihr eigenes Geschäft bedroht – und lassen das Schwert erst mal baumeln. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man eine aktuelle Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags betrachtet. 8000 Einzelhändler hat sie zu deren digitalem Einsatz befragt. Das Ergebnis zeigt: Da ist viel Luft nach oben.

    Marta Fröhlich zur Digitalisierung im Einzelhandel

    Bisher argumentierten die Verkäufer immer noch mit persönlichem Service. Doch was genau unter Service zu verstehen ist, das bestimmt immer mehr der Kunde. Warenrücknahmen, persönliche Beratung und im besten Fall ein Lächeln reichen nicht mehr aus. Der Kunde will Preise und Angebote vergleichen, Bewertungen anderer Kunden lesen, sich austauschen. Immer mehr rücken auch soziale Netzwerke in den Fokus. Auch der digitale Kontakt zum Kunden bringt Reichweite und Bindung.

    Das Netz erweist sich dabei zunehmend als wichtiger Vertriebskanal. Das ist bereits vielen Einzelhändlern klar. Doch gerade ältere Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen wissen häufig nicht, wie sie das Thema anpacken sollen, und überlassen Digitalisierung lieber der nächsten Generation. Auch das zeigt die DIHK-Studie: Ist die Nachfolge geregelt, rücken also junge Chefs nach, wird mehr in Digitalisierung investiert. Die junge Generation setzt bereits innovative Ideen wie digitale Werbegemeinschaften oder technische Aufrüstung im Laden um. Sie investiert jetzt Geld, um auf lange Sicht Existenzen zu sichern. Doch auch die Bedenkenträger müssen nachziehen. Das Internet tickt schneller, als viele annehmen. Die Ladentheke steht in direkter Konkurrenz zum Shopping auf dem Sofa.

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