Archivierter Artikel vom 14.04.2010, 15:38 Uhr
Stuttgart

Fragen und Antworten: Was ist eine Ethnie?

Das Arbeitsgericht Stuttgart muss an diesem Donnerstag entscheiden, ob Ostdeutsche eine eigene Ethnie sind. Dann hätte die Buchhalterin Gabriela S. eine Chance auf Entschädigung.

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Sie klagt, weil sie glaubt, wegen ihrer ostdeutschen Herkunft eine Absage erhalten zu haben. Auf den zurückgeschickten Bewerbungsunterlagen hatte der Arbeitgeber „Ossi“ und davor ein Minuszeichen notiert.

Warum ist der Begriff „Ethnie“ in dem Prozess wichtig?

Im August 2006 trat in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft. Es schreibt fest, dass niemand etwa wegen Rasse oder ethnischer Herkunft benachteiligt werden darf.

Was ist eine Ethnie?

Juristisch ist das unklar. Der Begriff ist weder im AGG noch in der zugrundeliegenden europäischen Richtlinie eindeutig definiert. Vereinfacht gesagt ist eine Ethnie ein Volksstamm, allerdings wird der Begriff je nach wissenschaftlicher Fachrichtung unterschiedlich definiert. Häufig orientiert man sich an gemeinsamer Geschichte, Sprache, Religion, Tradition oder Abstammung. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gruppe dient als Merkmal. In Deutschland sind wegen der Nazi-Zeit Begriffe wie Rasse, Volk und Ethnie umstritten.

Gab es schon ähnliche Streitfälle?

In Regensburg hatte es 2002 einen ähnlichen Fall gegeben, der allerdings ohne juristische Folgen blieb. Das örtliche Arbeitsamt hatte ein Stellenangebot einer Firma veröffentlicht, in dem es hieß: „Keine Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern.“ Nach Protesten änderte das Amt die Anzeige. Für Gerichte sind solche Fälle neu. Sie müssen sich zwar immer wieder mit der ethnischen Herkunft von Prozessbeteiligten beschäftigen, dabei ging es bisher aber nicht um Ostdeutschland.

Wie steht's um die „Mauer in den Köpfen“?

Zum 20-Jahr-Jubiläum des Mauerfalls im vergangenen Herbst bewerteten 86 Prozent der Deutschen die Wiedervereinigung als richtig. Eine Umfrage für das ZDF-„Politbarometer“ ermittelte aber gleichzeitig, dass die Mehrheit noch immer eher das Trennende zwischen Ost und West wahrnimmt. 56 Prozent der Befragten im Westen und 61 Prozent im Osten meinten, zwischen den beiden Teilen der Republik überwögen die Unterschiede.