Archivierter Artikel vom 02.06.2016, 16:13 Uhr
Vallendar/Mendig

Fehlalarm bei Rock am Ring: Frau musste Einsatz bezahlen

Es war der vielleicht bizarrste Polizeieinsatz in der Geschichte von Rock am Ring: Eine Frau (61) aus Vallendar ärgerte sich 2015 über Lärm, der durch das Musikfestival verursacht worden sein soll. Sie wählte den Notruf, erfand eine wirre Geschichte – und löste einen Einsatz mit 36 Polizisten aus. Jetzt teilten Staatsanwaltschaft und Polizei auf Anfrage unserer Zeitung mit: Den falschen Alarm musste sie bezahlen.

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Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.
(Wilhelm Busch, Montage aus einem Foto von dpa und Kevin Rühle von Jochen Magnus)
Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden. (Wilhelm Busch, Montage aus einem Foto von dpa und Kevin Rühle von Jochen Magnus)

Von unseren Redakteuren Hartmut Wagner und Hilko Röttgers

Er kostete 4469,88 Euro. Die Frau hat den Betrag bezahlt. Im schlimmsten Fall hätte sie gut 20 000 Euro bezahlen müssen.

Sonntag, 7. Juni 2015, 2.22 Uhr: Auf dem Festivalgelände in Mendig singt Rapper Marsimoto, vor der Bühne tanzen Zehntausende Fans – da greift die Frau im Luftlinie 25 Kilometer entfernten Vallendar zum Telefon. Sie wählt den Notruf und erzählt einem Beamten fälschlicherweise, ihr Nachbar greife zur Gegenwehr gegen den Lärm. Er habe sich bewaffnet und sei auf dem Weg nach Mendig.

Das Amtsgericht Koblenz erließ einen Strafbefehl gegen die Frau. Sie musste wegen Missbrauchs von Notrufen 2500 Euro Strafe bezahlen (50 Tagessätze). Die Polizei stellte ihr weitere 1969,88 Euro in Rechnung: 1924 Euro für 36 Beamte mit 37 Einsatzstunden à 52 Euro, außerdem 45,88 Euro für 148 gefahrene Kilometer à 0,31 Euro. Die Polizei orientierte sich an einer Landesverordnung, wonach die Gebühr für einen ungerechtfertigt ausgelösten Polizeieinsatz zwischen 25 und 20 000 Euro beträgt.

So kam es zum Großeinsatz: Die Anruferin verschweigt in jener Juninacht ihren Namen, lässt sich aber in ein langes Gespräch verwickeln – nach Informationen unserer Zeitung dauert es eineinhalb Stunden. Die Polizei nimmt die Frau ernst, ermittelt über deren Rufnummer deren Namen und leitet eine Großfahndung ein. Die Ermittler finden heraus, dass zwei Nachbarn der Frau tatsächlich Waffen besitzen. Eine Streife fährt zu ihnen und klingelt. Einer öffnet, hat aber nichts mit der Sache zu tun. Der andere ist nicht da, sein Auto auch nicht. Die Polizisten können nicht ausschließen, dass er auf dem Weg nach Mendig ist. Sie fahren sofort dorthin und veranlassen beim Festival zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen.

Rock am Ring: Riesenparty für die einen, Lärmbelästigung für die anderen. Eine Frau griff 2015 zu einer teuren Methode, um ihrem Ärger Luft zu machen. Foto: Hilko Röttgers
Rock am Ring: Riesenparty für die einen, Lärmbelästigung für die anderen. Eine Frau griff 2015 zu einer teuren Methode, um ihrem Ärger Luft zu machen.
Foto: Hilko Röttgers

Wenig später: Entwarnung. Die Polizei erreicht den zweiten Nachbarn per Handy und erfährt, dass er sich in einem anderen Bundesland aufhält. Da räumt die Anruferin ein, dass sie sich alles ausgedacht hat. Sie habe ein Zeichen gegen den Lärm setzen wollen. Angeblich wusste sie nicht, dass ihre Nachbarn Schusswaffen haben.

Am Festivalwochenende 2015 gingen beim Ordnungsamt Koblenz 22 Beschwerden ein, in der gesamten Region waren es 80. Dass Rock am Ring 2015 in Koblenz zu hören war, erklärte ein Meteorologe unserer Zeitung mit einer Inversionswetterlage. Sie könnte dafür gesorgt haben, dass der Sound aus Mendig mehr als 20 Kilometer weit getragen wurde. Dem hatte Festival-Veranstalter Marek Lieberberg vehement widersprochen und es als „sehr unwahrscheinlich“ bezeichnet.

Das Lärmschutzkonzept für Rock am Ring wurde jedenfalls nicht wesentlich verändert, wie die Verbandsgemeinde Mendig mitteilte. Es wird wie schon 2015 Lärmmessungen geben. Der Veranstaltung liegt eine sogenannte Immissionsprognose zugrunde. „Anhand dieser Prognose werden von uns im Vorfeld mehrere Messpunkte definiert“, teilte die VG-Verwaltung mit. Ein Teil dieser Punkte sind feste Messpunkte. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Messpunkte, an denen regelmäßig Messungen durch mobile Teams erfolgen. Damit die Lärmrichtwerte eingehalten werden, erfolgt laut VG zudem beim sogenannten Soundcheck „üblicherweise eine Einpegelung der vorhandenen Anlagen“.