Archivierter Artikel vom 17.08.2010, 15:09 Uhr
London

Erst klagen, dann lachen: Google Street View in Großbritannien

Die Aufnahme aus Worcester zeigt ein barfüßiges Mädchen, das auf dem Bürgersteig liegt. Die zehnjährige Azura Beebeejaun spielte „toter Mann", als 2009 ein Google-Auto an ihrem Haus vorbeifuhr. Fast einen Jahr später sorgte dieser harmlose Scherz für Aufregung in Großbritannien, als jemand das Bild im Internet sah und die Polizei über die angebliche Kinderleiche alarmierte.

Erst klagen, dann lachen: Google Street View in Großbritannien
Die zehnjährige Azura Beebeejaun spielte „toter Mann“, als 2009 ein Google-Auto an ihrem Haus vorbeifuhr.
Foto: dpa

London – Die Aufnahme aus Worcester zeigt ein barfüßiges Mädchen, das auf dem Bürgersteig liegt. Die zehnjährige Azura Beebeejaun spielte „toter Mann„, als 2009 ein Google-Auto an ihrem Haus vorbeifuhr. Fast einen Jahr später sorgte dieser harmlose Scherz für Aufregung in Großbritannien, als jemand das Bild im Internet sah und die Polizei über die angebliche Kinderleiche alarmierte.

Sie sei womöglich gestolpert und hingefallen, beruhigte vor wenigen Tagen Azura in einem Interview ihre Landsleute. Wieder macht „Street View“ Schlagzeilen, nur regt sich im Königreich keiner mehr darüber auf: 17 Monate nach Beginn der fast lückenlosen Foto-Erfassung durch den Internetriesen erregen die rollenden Kameras bei den Briten weniger Aufsehen als die fahrenden Eiscremeverkäufer.

Google hat sich vorgenommen, 95 Prozent des britischen Straßennetzes abzufotografieren, das sind rund 400.000 Kilometer. Zurzeit läuft auf der Insel die zweite Phase des Street-View-Projekts an. Die Google-Knipser mussten im Mai 2010 eine Pause einlegen, nachdem die versehentliche Erfassung der ungeschützen privaten Drahtlosnetzwerke (Wi-Fi) durch ihre Autos für einen Skandal gesorgt hat. Viele Bürger hatten sich darüber beschwert, dass der Internetkonzern ihre E-Mailkonten ausspionieren will. Nach einer Überprüfung hat jetzt die Datenschutzbehörde ICO diese Bedenken entkräftet und Google grünes Licht gegeben, das allerdings die Wi-Fi-Antennen abmontieren musste.

Die an die permanente Videoüberwachung gewohnten Briten haben sich mit dem Bilderdienst arrangiert, den sie nicht länger als eine Gefahr für ihr Privatleben empfinden. Dabei hat es bei der Einführung von Street View 2009 noch Proteste gegeben.

Kann es etwas peinlicheres geben, als beim Pinkeln im Vorgarten von einer Kamera erwischt zu werden? Offenbar ja. Nachdem Google die ersten 35 000 Kilometer britischer Straßen erfassen ließ, sahen sich manche Briten im Netz erbrechend vor den Kneipen. Die Aufnahmen zeigten Männer beim Besuch von Sexshops und Rowdys, die in den Häusern die Fensterscheiben einwarfen.

Theoretisch macht Google alle Gesichter automatisch unscharf, doch in der Praxis hat das nicht immer funktioniert. Gleich nach der Einführung von Street View gingen bei dem Unternehmen Hunderte Beschwerde-Mails ein. Kritisch wurde es, als ein Londoner Ehepaar seine Kinder auf einem Foto nackt im Garten spielend sah. Darauf machten die Politiker Druck auf Google, die Privatsphäre der Menschen besser zu schützen.

Es gab später immer wieder Streitfälle, nur schlugen sie kleinere Wellen. Aus Angst vor Terroranschlägen wollte Ex-Premier Tony Blair die Nahaufnahme seines Londoner Privathauses im Netz nicht sehen. Dann entfernte Paul McCartney erfolgreich das Bild von seinem Haus aus der Google-Datenbank.

Als Street View im März 2010 eine „geheime„ Basis der Eliteeinheit SAS abfotografiert hat, regte sich das Verteidigungsministerium in London gar nicht mehr darüber auf: Es wäre „sinnlos“, solche Aufnahmen zu verbieten, weil man sie auch „woanders bekommen" könne, erklärte ein Sprecher. Viele Briten, die früher über Google geklagt haben, lachen heute über Street View: So amüsierte sich die Nation im Juli über einen Fensterputzer in Yorkshire, der auf dem Street-View-Bild scheinbar zwei Köpfe besaß.

Von unserem Korrespondenten Alexei Makartsev