Archivierter Artikel vom 28.08.2010, 12:00 Uhr
London

Enten, Hasen und Kinder bleiben draußen – Vom Leben im britischen „Dorf für Erwachsene“Enten, Hasen und Kinder bleiben draußen – Vom Leben im britischen „Dorf für Erwachsene“

Die Internet-Werbung klingt verlockend. Ein Fünfzimmerhaus im „traditionellen Design" mit Kabel-TV, Bar, Kamin und Garage, gelegen in einem idyllischen Dorf mit einer Parklandschaft ohne Zäune. Gleich um die Ecke ist der weite feinsandige Strand der Hafenstadt Nairn, zwei luxuriöse Golfplätze und die Hügel des wilden schottischen Nordens. Ein Paradies in den Highlands. Doch es gibt einen Haken: Jeder potenzielle Hauskäufer in Firhall muss eine Liste aus 20 strengen Regeln beachten, wenn er hierher ziehen will...

Der berühmte weiße Strand der schottischen  Küstenstadt Nairn ist nur wenige Kilometer von Firhall entfernt.
Der berühmte weiße Strand der schottischen Küstenstadt Nairn ist nur wenige Kilometer von Firhall entfernt.
Foto: Alexei Makartsev

Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

London – Die Internet-Werbung klingt verlockend. Ein Fünfzimmerhaus im „traditionellen Design„ mit Kabel-TV, Bar, Kamin und Garage, gelegen in einem idyllischen Dorf mit einer Parklandschaft ohne Zäune. Gleich um die Ecke ist der weite feinsandige Strand der Hafenstadt Nairn, zwei luxuriöse Golfplätze und die Hügel des wilden schottischen Nordens, die zum Wandern, Klettern und Picknicken einladen. Ein Paradies in den Highlands. Doch es gibt einen Haken bei dem Immobilienangebot der Firma „Caledonian Retreats“: Es ist nicht der Preis. Jeder potenzielle Hauskäufer in Firhall muss eine Liste aus 20 strengen Regeln beachten, wenn er hierher ziehen will.

Nicht mehr als ein Hund pro Haushalt, keine Wäsche draußen auf der Leine und bitte nur in äußerster Not den Automotor nach 21 Uhr und vor 7 Uhr starten. Höchstens drei Personen sollen in jedem Haus wohnen. Niemals dürfen Firmenautos am Dorfteich parken. Hasen, Bienen, Enten oder Tauben in den Gärten sind tabu. Die wichtigste Bedingung ist aber die Altersgrenze für die Bewohner: Jeder im Alter über 45 Jahren ist hier willkommen. Dagegen müssen die Kinder in Firhall draußen bleiben.

So sauber wie in der „Truman Show“

Das einzige kinderfreie Dorf des Königreichs toleriert weder Lärm in den Straßen noch fliegende Fußbälle, rollende Skateboards oder hingeworfene Eisverpackungen auf dem Rasen. Die Bewohner der 93 Häuser und Wohnungen legen den größten Wert auf Stille, Sauberkeit und Ordnung. Um ungestört zu leben, musste sich jeder hier verpflichten, sein Haus niemals an Familien mit Nachwuchs zu verkaufen. Nur höchstens dreimal im Jahr für eine Dauer von bis zu drei Wochen dürfen kleine Briten Firhall betreten, etwa um ihre Großeltern zu besuchen. Seit seiner Eröffnung 2003 hat das „Dorf für Erwachsene„ immer wieder für Kritik gesorgt, zuletzt vor vier Wochen, als der BBC eine Reportage mit dem Titel „Weit weg vom tobenden Kind“ ausgestrahlt hat. Die wütende Reaktion in den Internetforen ließ nicht lange auf sich warten. Doch die Einwohner von Firhall beharren auf ihrem Recht, in Ruhe altern und sterben zu dürfen.

Immerhin: Tischtennis ist erlaubt!

Das Unternehmen „Caledonian Retreats„ hat sein Konzept des „Lifestyle-Dorfes“ aus den USA und Australien kopiert. Das Interesse der Kunden sei riesig gewesen, sagen die Schotten. Doch die Idee gefiel nicht allen. „Wenn es keine Beziehung mehr zwischen den Generationen gibt, dann gibt es auch keinen Zusammenhalt in der Gesellschaft„, zitiert eine Londoner Zeitung den Soziologen Alen Walker von der Universität Sheffield. Um die Kritik abzumildern, versprachen die Architekten noch vor Jahren, einen Spielplatz für die Besucher mit Kindern zu bauen. Daraus ist nichts geworden. Immerhin dürfen Minderjährige Tischtennis im Dorfclub spielen, beruhigt Lesley-Ann Fraser, die die Immobilien in Firhall verwaltet. „Nein, es gibt hier keine Kinderhasser und Kannibalen. Die Leute, die ich kenne, sind gut drauf und sie genießen das Leben“, sagt die Maklerin.

Der Dorfchef David Eccles kann die Aufregung um seine stille Idylle nicht verstehen: „Das Besondere ist, dass wir hier langsamer alt werden. Keine Kinder zu haben, gibt uns Ruhe und Frieden, nach denen wir uns sehnen„, schwärmt im BBC-Interview der Vorsitzende des Firhall Trust. „Sie sind laut, unordentlich und sie machen alles kaputt“, zitiert der „Guardian„ einen Mann, der seinen Namen nicht nennen will. „Ich wollte nicht länger Gespräche mit anderen Eltern darüber führen, wie schlau und witzig ihre Kleinen sind“, erklärt eine andere Dorfbewohnerin.

Lesen Sie am Sonntag ab 12 Uhr: „Genie und Abgrund des englischen Exzentrikers“ von dpa-Korrespondent Christoph Driessen.