Archivierter Artikel vom 07.07.2017, 16:17 Uhr

Einweckglas statt Kännchen: „Vonundzu“ in Bad Ems

Der Name „Vonundzu“ ist ein ironischer Verweis auf die hochherrschaftliche Umgebung. Ein gewisses Standesbewusstsein darf ein Restaurant auch an den Tag legen, wenn es an einer der besten Adressen von Bad Ems logiert: im Kursaal.

Hochkonzentrierter Geschmack: Tomatenconsommee im Einweckglas mit knackfrischem mediterranem Wurzelgemüse

Nicole Mieding

Strammer Max auf adelig: Auf krossem Sauerteigbodenliegt das Flanksteak weich gebettet.

Nicole Mieding

Zitronenecke zum panierten Fisch: Die Rotbarbe im Knuspermantel kommt mit lauwarmem Kartoffel-Gurken-Salat.

Nicole Mieding

Gehoben, aber nicht unverschämt: Fürs Tafeln im „Vonundzu“ gibt's die Quittung.

Hochherrschaftliches Ambiente: der renovierte Kursaal on Bad Ems.

Nicole Mieding

Bislang atmete das Kurcafé an der Promenade Draußen-nur-Kännchen-Charme. Nun hat ein neues Pächterpaar das Etablissement in Toplage rigoros entplüscht, ihm durch umfangreiche Renovierung den Staub und Muff von Jahrzehnten ausgetrieben. Seit Mai läuft der Restaurantbetrieb, allerdings sind die Küchenzeiten stark beschränkt. Vornehm muss man sich vornehmen. Sonst käme womöglich jeder.

Ambiente

Hell, hoch, licht – wer den Kursaal betritt, spürt Erhabenheit und die eigene Kleinheit. An drei Seiten des Raums fällt der Blick durch deckenhohe Rundbogenfenster ins Freie. Vergnüglich ist das auch für Flaneure: Von draußen auf der Promenade vorbeischlendert, kann sehen, was drinnen passiert. Alles ist auf Wirkung bedacht, kein Sehen ohne Gesehenwerden.

Essen

Auch die Karte trumpft mit Herkunft. Brot, Fleisch, Obst kommen von bäuerlichen Produzenten aus der Region, der Stammbaum ist tadellos. Das Angebot ist ausgesucht und überschaubar, Klasse statt Masse. Stammgäste dürften sich nach Abwechslung sehnen. Wir sind neu und bestellen von allem was – Vorspeisen, einmal Fleisch, einmal Fisch, darunter das „Signature Dish“: eine Krosstarte mit Flanksteak, sous vide gegart. Also ein Stück Bauchlappen vom Rind, der zusammen mit Gewürzen und Kräutern im Vakuumbeutel gart. Lang, bei niedriger Temperatur. Das Ergebnis der Prozedur ist idealerweise butterzart. Der Auftritt der Tarte auf einem Holzbrett mit Messer rustikal. „Ah. Strammer Max“, kommentiert die Begleiterin. Nun ja ... geadelt. Beim Sauerteigbrot schmeckt man (wie bei der Auswahl im Körbchen vorab) das Handwerk. Rauke, Basilikum und karamellisierte Cocktailtomaten nebst rotem Pesto als Unterlage geben der Sache einen mediterranen Anstrich. Auch das Fleisch ist von guter Qualität, nur zu weit gegart: gerade noch blassrosa. Schade. Nach dem gewünschten Gargrad wurde nicht gefragt.

Der Rotbarsch im Knuspermantel ist außen kross, innen schön saftig. Dazu gibt's Kartoffel-Gurken-Salat nach Hausfrauenart – noch lauwarm – und anstelle schnöder Majo eine Sauce tatar. Dem Salat mit Garnele gibt ein Dressing aus Maracuja und Süßkartoffel Weltgewandtheit und Pfiff. Als herausragend, weil aufs Wesentliche reduziert, erweist sich die Tomatenessenz vorab: Tomate hochkonzentriert mit knackigen Streifen aus mediterranem Wurzelgemüse und einem Teigsäckchen, mit einer würzigen Tomatenfarce gefüllt.

Der geeiste Ananas-Melonen-Salat mit Tonkabohnen-Mascarponecreme kommt wie die Suppe im Einweckglas und erfüllt die durch Ankündigung und Preis geschürten Erwartungen nicht. Erinnert an Dosenfruchtcocktail. Ist es selbstverständlich nicht.

Service

Die freundliche Bedienung ist mitunter ahnungslos. Aus welchen Rebsorten der Wein besteht? Typisch badisch. Ob's einen sommerlichen Aperitif gibt? Ja, Cola, Fanta. Und Hugo. Fürs Selfie im Adelsambiente wird entgegenkommend das Licht angeknipst. Wer prächtige Kulissen mag, ist hier richtig.

Preis-Leistung

Ambiente und ein hoher Anspruch an die Qualität der Produkte – ein Besuch im „Vonundzu“ hat seinen Preis, versteht sich. Der ist mit 18 bis 26 Euro für einen Hauptgang und 35 Euro für ein Drei-Gänge-Menü gehoben, aber nicht unverschämt. Leider führt die Speisekartenpoesie zu einer gefährlichen Fallhöhe, die beim Gast hier und da Enttäuschung hervorruft. Etwa, wenn sich die explizit ausgewiesene „Zitronen Ecke“ auf dem Teller als ordinäre Zitronen-spalte zum panierten Fischfilet entpuppt. Wasser wird in Glasflaschen mit eigenem Label serviert und als besonders umweltfreundlich annon-ciert. Wer in der Karte liest, dass die CO2-neutrale Erfrischung der hauseigenen Quelle – dem Wasserhahn – entstammt, wundert sich möglicherweise ein bisschen, dass für 750 Milliliter 5,50 Euro bezahlen muss.

Fazit

Mit dem „Vonundzu“ hat Bad Ems ein Schmuckstück zurück. Kulinarisch hat sich die Stadt, die sich gern nach Kaisers Zeiten sehnt, damit in die Gegenwart gebeamt.

Adresse

„Vonundzu“

Lisanne Güll & Kai Ruckdeschel

Römerstraße 8 (im Kursaal)

56130 Bad Ems

Tel. 02603/509 98 49

Mail lecker@vonundzu-badems.de

Mi–Fr ab 14 Uhr, Sa/So ab 12 Uhr,

Küchenzeiten Mi–Sa 18 bis 21 Uhr (So bis 20 Uhr), Sa/So 12 bis 14 Uhr