Archivierter Artikel vom 20.08.2010, 15:32 Uhr

Der kleine Nick

Die witzigen Kinderbuchgeschichten des „Kleinen Nick“ sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Nun wurden die bunten und originellen Abenteuer des Bengels erstmals verfilmt.

Der kleine Nick hält seine Eltern ganz schön auf Trab.
Der kleine Nick hält seine Eltern ganz schön auf Trab.
Foto: Verleih

Wer kennt sie nicht, die Abenteuer des kleinen Nick, der sich am liebsten mit seinen Freunden rauft? Lausbubengeschichten, die seit mehreren Generationen gelesen werden und zu einer Kult-Kinderbuchserie geworden sind. Fünfzig Jahre nach dem ersten Abenteuer der bekannten Figur, wird dem frechen Strichmännchen „Der kleine Nick“ von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé erstmals Leinwandleben eingehaucht.

„Den Film mit dem Buch zu vergleichen, ist sinnlos“, warnt der 78- jährige Zeichner Sempé die Fans des Kinderbuchklassikers jedoch. Zu Recht. Der Film erhebt nicht den Anspruch, eine Eins-zu-Eins- Übertragung der naiven Alltagsabenteuer zu sein. Dennoch ist es dem französischen Regisseur Laurent Tirard gelungen, Witz, Ironie und Komik der herzerwärmenden Lausbubengeschichten wiederzugeben.

Der kleine Nick ist mit seinem Leben rundum zufrieden. Seine Lehrerin ist prima, mit seinen Klassenkameraden hat er viel Spaß und seine Eltern sind die besten der Welt, auch wenn sie sich oft streiten. Doch eines Tages belauscht er eines ihrer Gespräche und glaubt verstanden zu haben, dass seine Mutter schwanger ist. Das ist gar nicht gut, denn seit einer von Nicks Freunden ein Brüderchen bekommen hat, dreht sich dort alles nur noch um den Neuankömmling. Vor diesem Schicksal hat Nick Angst und heckt mit seinen Freunden einen tollkühnen Plan aus.

Die Geschichten des kleinen Nick spielen Anfang der 1960er Jahre. An diese Zeit hat sich auch der Regisseur in seinem Film gehalten: Nick und sein Freunde, der verfressene Otto, der rauflustige Franz und der Klassenstreber und Lehrerliebling Adalbert klettern auf Bäume und sind ausgekochte, doch brave Schlitzohren im Stil von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Nick trägt Schuluniform, Kniebundhosen und Kniestrümpfe, und seine Eltern gehören zum aufstrebenden Kleinbürgertum mit Waschmaschine, Spülmaschine und sind stolze Besitzer eines Peugeot 404. Ein gelungenes Epochenporträt, in das Tirard viel Liebe zum Detail und Aufmerksamkeit gesteckt hat.

Der Film will kein Ersatz für das Kinderbuch sein und sich auch nicht an ihm messen lassen. Deshalb hat sich der Regisseur mit seinem Drehbuch auch nicht sklavisch an die Originaltexte von Goscinny gehalten, was eingefleischte Nick-Fans enttäuschen könnte. Nick ist bei Goscinny der Haupterzähler, was den Geschichten ihren naiven Charme verleiht. Tirard hingegen spart mit den kindlichen Off- Kommentaren, wodurch Nick teilweise zum stillen Zuschauer wird. Dadurch verlieren viele Szenen, vor allem die, bei denen sich Nicks Eltern streiten, die ungefilterte Sichtweise des kleinen Lausbuben.

Figuren und Stimmung des Films erinnern an die humoristischen Filme von Jacques Tati. Vor allem die Eltern von Nick (Kad Merad und Valérie Lemercier) sind von brüllender Komik. Die Szenen sind witzig, ironisch und originell. Gleichzeitig kommt eine gewisse Nostalgie an eine heile und ideale Welt auf, an die sich wohl viele der heute großen Nick-Fans gerne zurückerinnern werden. Damit bleibt die rund eineinhalbstündige Realverfilmung des Buchklassikers ein Kinogenuss für Kinder und Erwachsene.