Archivierter Artikel vom 23.01.2012, 18:22 Uhr
Berlin

Berliner „taz“-Sportjournalist will DFB-Präsident werden

Eigentlich war alles nur Formsache. Am 2. März sollte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Wolfgang Niersbach als neuen Präsidenten und Nachfolger von Theo Zwanziger nur noch abnicken. Es gab ja keinen Gegenkandidaten – das könnte sich jetzt ändern. Andreas Rüttenauer, Sportredakteur bei der Berliner Tageszeitung „taz“, kam auf eine nicht alltägliche Idee: Der 44-Jährige will auch für das Amt kandidieren.

Selbstbewusster – und inzwischen desillusionierter- Außenseiter: Andreas Rüttenauer
Selbstbewusster – und inzwischen desillusionierter- Außenseiter: Andreas Rüttenauer
Foto: David Oliveira

Berlin – Eigentlich war alles nur Formsache. Am 2. März sollte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu seinem Bundestag zusammenkommen und Wolfgang Niersbach als neuen Präsidenten und Nachfolger von Theo Zwanziger nur noch abnicken.

Es gab ja keinen Gegenkandidaten – das könnte sich jetzt ändern. Andreas Rüttenauer, Sportredakteur bei der Berliner Tageszeitung „taz“, kam auf eine nicht alltägliche Idee: Der 44-Jährige will auch für das Amt kandidieren. Was im ersten Moment wie eine Spinnerei klingt, ist für Rüttenauer selbst alles andere als ein Werbegag – wie er im Interview mit unserer Zeitung erklärt.

Hat Wolfgang Niersbach Sie schon angerufen und Ihnen einen erbitterten Wahlkampf angedroht?

Nein, leider nicht. Auf so etwas würde ich mich sehr freuen.

Sie würden sich freuen?

Ja sicher. Also wenn es wirklich zum Wahlkampf kommt und die verschiedenen Ideen in der Öffentlichkeit ausgetauscht werden, würde ich das richtig klasse finden.

Wie und wann ist bei Ihnen die Idee gereift, für das Amt des DFB-Präsidenten zu kandidieren?

Als sich herauskristallisiert hat, dass Wolfgang Niersbach zum Nachfolger von Theo Zwanziger auserkoren wurde. Da haben wir uns in der taz-Redaktion überlegt, wofür Niersbach eigentlich steht und mit welcher Idee er an das Präsidentenamt herangeht. Dazu ist uns nichts eingefallen. Und da dachten wir uns, dass er einen Gegenkandidaten braucht. Denn dann würde Niersbach sich ja zu seinen Themen äußern müssen. Und als der Wahltermin auf den 2. März vorverlegt wurde, musste schnell ein Kandidat her, und da habe ich gesagt: Ich bin der richtige Mann für diese Aufgabe.

Wofür stehen Sie denn? Was sind Ihre Themen?

Mein erstes Thema ist die Demokratisierung des Verbandes. Weg von den Hinterzimmern, ein bisschen mehr Licht in die Arbeit des Verbandes bringen. Eines meiner ersten Projekte wäre, dass ich mich für eine Satzungsänderung ausspreche. Der Verband soll offen werden für Vereine. Die Mitglieder sollen die Möglichkeit haben mitzuentscheiden, am besten auch über das Amt des DFB-Präsidenten. Ich fordere also eine Urwahl des Präsidenten durch die in den Vereinen organisierten Fußballerinnen und Fußballer.

Die Wahl durch den DFB-Bundestag reicht Ihnen also nicht aus?

Nein, das ist mir nicht genug. Ich kenne auch niemanden, der weiß, wer letztlich am 2. März beim DFB-Bundestag Delegierter sein wird. Man weiß zwar, dass die verschiedenen Landesverbände ihre Delegierten da hinschicken, aber was denken die? Darüber finden keinerlei Diskussionen statt. Es ist ein Gremium, das stimmt ab, es schaut aus wie eine demokratische Wahl, aber letztlich soll sie einem undemokratischen Verfahren nur einen demokratischen Anschein geben.

Für Sie ist das demnach alles ein einziges Gemauschel?

So sieht's ja im Grunde der DFB selbst auch. Im „DFB-Journal“ zum Jahreswechsel stand ein schöner Artikel, in dem beschrieben wird, wie sich die DFB-Oberen in der Bibliothek des DFB an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt versammelt und sich darüber unterhalten haben, wer den DFB in die Zukunft führen soll. Man hat sich dann auf Wolfgang Niersbach geeinigt. Der Text geht über eine ganze Seite, und ganz unten steht dann der Satz: Am 2. März in Frankfurt hat dann die Basis das Wort. Das hat mit Demokratie ja gar nichts mehr zu tun.

Aber mal Hand aufs Herz: Rechnen Sie sich überhaupt Chancen auf

einen Wahlsieg aus?

Wenn mich einer der Landesverbände, die ich in dieser Woche anschreiben werde, nominiert und es auf dem DFB-Bundestag zu einem schönen Rededuell mit Herrn Niersbach kommt, lasse ich es gern auf eine Kampfabstimmung ankommen. Ich glaube bis zum Schluss an meine Chance, auch wenn ich der Einzige bin, der daran glaubt.

Sie haben eine Seite mit dem Namen „Fußball für alle – Das Manifest 2020“ ins Leben gerufen und dort genauso wie auf Ihrer Facebook-Seite schon viel Unterstützung erfahren. Mit wie vielen Anhängern rechnen Sie noch?

Das kann ich schlecht sagen. Am Anfang habe ich ja noch Rückendeckung durch meine Redaktion hier bei der taz gehabt, ansonsten gehe ich als Privatmann in diese Kampagne rein. Es ist schwer, aber ich hoffe, dass wir am Ende um die 5000 Unterzeichner für unser Manifest haben, sodass wir auch für die Landesverbände ein starkes Argument haben, meinen Namen vielleicht doch noch irgendwo fallen zu lassen.

Es gibt ja nicht wenige, die Ihre Kandidatur für einen Werbegag halten.

Ja, das ist sicherlich richtig. Andererseits, die taz verspricht sich dadurch jetzt keine neuen Leser, sondern es geht eher darum – jetzt spreche ich mal als Redakteur – sportpolitische Themen mal aus einer anderen Sichtweise aufzuarbeiten. Und dadurch Lust darauf zu machen, mal hinter die Kulissen zu gucken. Deswegen unterstützt mich auch die taz. Als Werbegag ist die ganze Sache meiner Meinung nach auch nicht geeignet.

Was ist denn Ihre persönliche Motivation?

Es geht ja vielen so wie mir, man hat ein Leben lang mit Fußball zu tun, ich war auch lange Zeit ein glühender Fan ...

... und sind es jetzt nicht mehr?

Nein, bin ich nicht mehr.

Und warum?

Ich war ein Leben lang Anhänger des TSV 1860 München, und als die gemeinsam mit dem FC Bayern München ein Stadion gebaut haben, war das für mich nicht mehr möglich. Seitdem bin ich unabhängig. Und was meine weitere Motivation angeht: Man hat immer diesen großen DFB vor sich, er organisiert den Spielbetrieb, aber wie er so richtig funktioniert, weiß keiner. Im Stadion wird gesungen „Fußballmafia DFB“, alle sind sich einig, dass es sich dabei um irgendetwas Böses handelt, und ich möchte einfach mal gucken, ist der wirklich so schlimm – er ist ja auf jeden Fall undemokratisch, das haben wir schon festgestellt. Im Grunde möchte ich den Verband öffnen und wissen, mit welchem Verband es die Leute überhaupt zu tun haben. Am Ende wäre es natürlich ideal, wenn der DFB nicht mehr als Mafia wahrgenommen würde.

Es geht Ihnen auch darum, den Ruf des DFB ein wenig aufzupolieren.

Ja genau. Den größten deutschen Sportverband wieder in der Basis zu verankern.

Wie werden jetzt die nächsten Wochen bei Ihnen aussehen?

Am Ende dieser Woche ist ja Präsidiumssitzung des DFB, ich hoffe es gibt dann mal Reaktionen. Wir werden auch Wolfgang Niersbach zu einem Gespräch einladen, und ich hoffe natürlich, dass er diese Einladung annimmt. Ansonsten gibt es noch keinen genauen Fahrplan für die Kampagne, ich hoffe noch auf viele Anregungen auf meiner Facebook-Seite und Ideen für mein Manifest. Da bin ich sehr offen.

Sie sind ein Mann der Basis ...

Das wird sich zeigen, wenn es dann wirklich mal zu einer Urwahl kommt, denn dann müsste ich mich dieser auch stellen. Dann wird sich auch zeigen, wie sehr ich wirklich in der Basis verankert bin.

Das Gespräch führte unser Reporter Dominik Hechler