Archivierter Artikel vom 08.09.2011, 18:31 Uhr
Danzig

Angst vor Randale bei EM ist in Polen allgegenwärtig

Eigentlich sind die Polen in froher Erwartung. In neun Monaten ist es schließlich so weit. Die Europameisterschaft kommt ins Land. Doch es gibt berechtigte Zweifel daran, ob das Gastspiel der besten Teams des Kontinents tatsächlich von allen Polen willkommen geheißen wird. Denn Fußball in Polen beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf Begeisterung für eine Sportart und Vorfreude auf ein sportliches Großereignis. Fußball der Gegenwart in Polen – das bedeutet vor allem: Fan-Randale, Ausschreitungen, eine überforderte Polizei, ein hilfloser Staat.

Zu den gefürchtetsten Fangruppen in Polen zählen die Hooligans im Gefolge von Legia Warschau, die im Pokalfinale gegen Lech Posen auf den Rängen zündeln. Anschließend nahmen Anhänger beider Teams das Stadion in Bydgoszcz mehr oder weniger auseinander. 
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Zu den gefürchtetsten Fangruppen in Polen zählen die Hooligans im Gefolge von Legia Warschau, die im Pokalfinale gegen Lech Posen auf den Rängen zündeln. Anschließend nahmen Anhänger beider Teams das Stadion in Bydgoszcz mehr oder weniger auseinander.
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Danzig – Eigentlich sind die Polen in froher Erwartung. In neun Monaten ist es schließlich so weit. Die Europameisterschaft kommt ins Land. Doch es gibt berechtigte Zweifel daran, ob das Gastspiel der besten Teams des Kontinents tatsächlich von allen Polen willkommen geheißen wird. Denn Fußball in Polen beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf Begeisterung für eine Sportart und Vorfreude auf ein sportliches Großereignis.

Fußball der Gegenwart in Polen – das bedeutet vor allem: Fan-Randale, Ausschreitungen, eine überforderte Polizei, ein hilfloser Staat.

Nein, die Polen haben beileibe nicht nur ein Imageproblem. Sie haben Riesenprobleme mit Hooligans, gewalttätigen Jugendlichen, oftmals in der rechten Szene beheimatet, die auch zuschlagen wollen, wenn im Juni 2012 der Kogastgeber zur EM-Party einlädt.

Damit diese Party nicht im Chaos endet, hat die polnische Regierung nach langer Zeit des Zuschauens und Abwartens Gegenmaßnahmen ergriffen. Zu spät, wie viele Szenekenner meinen. Gerade noch rechtzeitig, wie all jene hoffen, die dem Turnier in verantwortlicher Position verbunden sind oder die der EM als Fußballfan entgegenfiebern.

Der Tod eines Fan-Führers von Cracovia Krakau, der im Januar dieses Jahres von Anhängern des Ortsrivalen Wisla Krakau förmlich niedergemetzelt wurde, üble Fan-Ausschreitungen beim Testspiel der polnischen Nationalmannschaft in Litauen im März, Randale nach dem Pokalfinale im Mai, als die Brigarden von Lech Posen und Legia Warschau das Stadion in Bydgoszcz förmlich in seine Einzelteile zerlegten – erst nach dieser Trilogie der Gewalt erklärte Polens Ministerpräsident Donald Tusk das Thema Sicherheit zur Chefsache.

Seitdem herrscht hektische Betriebsamkeit im Staate Polen. Nach der Mai-Randale ging so manches Fußballspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne. Randalierende Fans sollen künftig an Ort und Stelle bestraft werden können. Identifizierte und registrierte Hooligans sollen bei der EM mithilfe elektronischer Fußfesseln von Untaten abgehalten werden.

Seit drei Jahren startet auch der polnische Verband den zarten Versuch, so etwas wie effektive Fanarbeit voranzutreiben. Was in Deutschland schon seit 30 Jahren mit Erfolg betrieben wird, zeitigt in Polen erste Ergebnisse. Die EM soll als Vehikel für eine nachhaltige Fanarbeit dienen, wie Dariusz Lapinski erklärt.

Lapinski hat in Potsdam Politikwissenschaft studiert und ist jetzt als Koordinator für Fanarbeit beim polnischen Organisationskomitee für die EM 2012 bemüht, die polnischen Fans an verantwortlicher Stelle mit einzubinden. Drei Fanprojekte, in Danzig, Gdingen und Breslau, existieren bereits. Ein viertes in Warschau ist budgetiert. Im vergangenen Jahr war Lapinski noch optimistisch davon ausgegangen, bis zur EM zwölf Fanprojekte auf den Weg bringen zu können. „Stand heute wäre ich auch mit sechs zufrieden“, erklärt e, als wir uns in einem Café in der Danziger Altstadt zusammensetzen.

Viel zu lange seien die Fans in Polen als Gruppe nicht wahrgenommen worden. „Dabei steckt oft sehr viel Kreativität in den Köpfen der Fans“, weiß Lapinski. Die gilt es zu fördern, wenn bei der EM die bewährten Fan-Botschaften an den Spielorten ins Leben gerufen werden. Die sollen den anreisenden Fans Orientierung, Hilfe und Tipps geben. Viele Freiwillige aus der polnischen Fanszene sind aufgerufen, mitzuhelfen, diese Botschaften mit Leben zu füllen. Zudem kann Lapinski auf Hilfe aus Deutschland bauen. Mitarbeiter der Koordinierungsstelle für Fan-Projekte in Frankfurt, seit 30 Jahren mit der deutschen Fanszene verbunden, stehen den Polen mit Rat und Tat zur Seite.

Lapinskis Konzept klingt einfach: Man nehme viele vernünftige Fußball-Fans, die als Multiplikatoren dienen sollen, um die radikaleren Anhänger sozusagen zu sozialisieren. Ein sehr idealistisches Bild von funktionierender Fankultur. Aber Lapinski glaubt daran, muss dran glauben.

So wie er glaubt, dass die gewaltbereiten, an Fußball gar nicht interessierten Fans ohnehin „eine verschwindende Minderheit“ sind. Diese Hooligans will Lapinski auch gar nicht als seine Klientel verstanden wissen. Das sind für ihn Kriminelle, derer sich die Ordnungsmacht anzunehmen hat.

Dabei scheint Lapinskis Vertrauen in die staatlichen Behörden und die Polizei groß, wenn der Politikwissenschaftler im Brustton der Überzeugung prophezeit, dass es bei der EM keine gewalttätigen Übergriffe geben wird. Zumindest für die Stadien schließt Lapinski das aus: „Das werden bei der EM die sichersten Orte schlechthin sein.“ Alles andere, was um die Arenen herum passieren könnte, vergleicht Polens oberster Fanbeauftragter mit „Schlägereien, wie sie auf jedem Dorffest passieren“.

Womit feststeht: Bei aller Vorfreude wird diese EM die Angst vor Randale so schnell nicht abschütteln können.

Aus Danzig berichtet unser Redakteur Klaus Reimann